Wie viel Agrarökologie steckt in meinem Betrieb?

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Stefanie Pondini, Biovision. Illustration: Squarefish

Biovision fördert die Agrarökologie als Hebel für ein nachhaltiges Ernährungssystem. Unternehmerinnen und Projektleiter wissen jedoch häufig nicht, wie stark ein Projekt oder Geschäftsmodell den 13 Prinzipien der Agrarökologie entspricht. Um diese Bewertung einfacher zu machen, hat Biovision ein innovatives Tool entwickelt. Dessen Name: B-ACT.

Das Business Agroecology Criteria Tool, kurz B-ACT, spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider. So zeigt es zum Beispiel, ob eine Initiative die Gesundheit der Böden fördert oder eher die Verbindung zwischen Konsumierenden und Produzierenden stärkt. Dadurch werden auch wichtige Optimierungspotenziale offengelegt.

Für das Tool sind zu allen agrarökologischen Prinzipien von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet worden, die dann in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen bei der Evaluierung einer Initiative oder eines Geschäftsmodells positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag des Projekts zu dem entsprechenden Prinzip. 

Verständlicherweise sind nicht alle Fragen auf alle Initiativen oder Projekte anwendbar. Zum Beispiel ist die Tierhaltung für einen Gemüsebetrieb nicht relevant. Dieser Umstand wurde berücksichtigt und so können gewisse Fragen als «nicht anwendbar» kategorisiert werden.

Erklärvideo zur Funktion des Business Agroecology Criteria Tools (in Englisch). Video: Squarefish.

Doch was sind die 13 Prinzipien der Agrarökologie überhaupt?

Allgemein kann man sagen, dass jedes der 13 Prinzipien in eines von drei übergeordneten Themen fällt. Letztere wären zum einen die Erhöhung der Ressourceneffizienz (hellgrün dargestellt in der Beispielgrafik), zum anderen die Stärkung der Resilienz (dunkelgrün dargestellt) und schliesslich die Sicherung der sozialen Gerechtigkeit (lila dargestellt).

Zum ersten Thema, sprich der Erhöhung der Ressourceneffizienz, gehören folgende Prinzipien.

1. Recycling: Nutzung von lokalen, erneuerbaren Ressourcen und Schliessung der Biomasse- und Nährstoffkreisläufe.

1. Reduktion von Produktionsmitteln: Reduktion beziehungsweise Auflösen der Abhängigkeit von externen Hilfsmitteln wie Dünger oder Pflanzenschutzmittel und Erhöhung der Selbstversorgung.

Zum zweiten Thema, sprich der Stärkung der Resilienz, gehören hingegen folgende Prinzipien:

2. Gesundheit der Böden: Schutz der Bodengesundheit und -funktion für ein verbessertes Pflanzenwachstum, insbesondere durch die Anwendung von organischen Stoffen und der Verbesserung der biologischen Bodenaktivität.

3. Gesundheit der Tiere: Tiergesundheit und Tierschutz in den Fokus nehmen.

4. Biodiversität: Erhaltung und Steigerung der Artenvielfalt der Agrarökosysteme auf Feld-, Betriebs- und Landschaftsebene.

5. Synergien: Förderung von positiven ökologischen Wechselwirkungen und Synergien zwischen den verschiedenen Elementen der Agrarökosysteme (Tiere, Pflanzen, Bäume, Boden und Wasser).

6. Wirtschaftliche Diversifizierung: Diversifizierung des Einkommens in den Betrieben durch eine höhere finanzielle Unabhängigkeit der Kleinbauern und -bäuerinnen sowie Vielfalt der Wertschöpfungsmöglichkeiten, unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Nachfrage der Konsumierenden.


Und zum dritten Thema, sprich der Sicherung der sozialen Gerechtigkeit, gehören schliesslich diese Prinzipien:

7. Gemeinsame Wissensgenerierung: Förderung der gemeinsamen Schaffung und des Austauschs von Wissen. Dies umfasst die Wissenschaft, aber auch den Austausch von Landwirtin zu Landwirt.

8. Soziale Werte & Ernährungsweisen: Aufbau von Lebensmittelsystemen auf der Grundlage von Kultur, Identität, Tradition und Gleichberechtigung von lokalen Gemeinschaften. Für eine gesunde, abwechslungsreiche, saisonale und kulturell angepasste Ernährung.

9. Chancengerechtigkeit: Unterstützung einer menschenwürdigen Lebensgrundlage für alle an den Lebensmittelsystemen beteiligten Akteure, insbesondere für Kleinproduzierende. Dies basiert auf fairem Handel, fairer Beschäftigung und gerechten Gesetzen (z.B. von Patenten).

10. Anschlussfähigkeit: Vertrauen zwischen Produzierenden und Konsumierenden durch einen möglichst direkten und fairen Vertrieb von Lebensmittel fördern. Wiedereinbindung der Lebensmittelsysteme in die lokale Wirtschaft.
11. Verwaltung von Land und Ressourcen: Stärkung der institutionellen Rahmenbedingungen zur Verbesserung, Anerkennung und Unterstützung von Familienbetrieben und Kleinbäuer:innen als nachhaltige Bewirtschafter der natürlichen Ressourcen.

12. Beteiligung: Mehr Beteiligung von Produzierenden und Konsumierenden an der Entscheidungsfindung, um eine dezentralisierte und lokale Verwaltung des Ernährungssystems zu fördern.

 

Beispielgrafik einer B-ACT Bewertung

Biovision Schweiz ConProBio B-Act
Das Spinnendiagramm zeigt die Auswertung des Projekts «ConProBio».

Zusammenfassend bietet das B-ACT von Biovision eine innovative Möglichkeit, die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien zu bewerten. Es ermöglicht eine einfache Evaluierung, inwiefern eine Initiative den Prinzipien der Agrarökologie entspricht und identifiziert Optimierungspotenziale.

Durch die Anwendung des B-ACT können Unternehmen und Initiativen besser verstehen, wie viel Agrarökologie in ihren Projekten steckt und gezielte Massnahmen ergreifen, um eine nachhaltige und soziale Entwicklung im Ernährungssystem voranzutreiben.

Mehr Informationen (auf Englisch) finden Sie unter: www.agroecology-pool.org/b-act

Dieses Projekt wird von der Deza unterstützt.

Bei Fragen bin ich gerne für Sie da:

Stefanie Pondini

Co-Bereichsleiterin Politikdialog & Anwaltschaft, Mitglied der Geschäftsleitung
+41 44 512 58 45

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