Das Quartier als lokales Ernährungssystem

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Samira Amos, Biovision (Bild: François de Limoges)

Im Quartier Les Vergers in Meyrin kommen Essen und Wohnen zusammen: Die Bewohner:innen produzieren, verarbeiten, verteilen und verbrauchen Lebensmittel im Quartier selbst. So schaffen sie eine Alternative zum industriellen Ernährungssystem.

Das Projekt «Filière alimentaire des Vergers» im Kurzporträt 

Die Filière alimentaire des Vergers in der Genfer Stadt Meyrin entstand auf Wunsch der Quartierbewohner:innen, das eigene Ernährungssystem mitzugestalten. Filière alimentaire bedeutet auf Deutsch Lebensmittelkette. In Les Vergers zeigt sie auf, wie eine lokale Nahrungsmittelkette in einem Quartier ganzheitlich organisiert wird: Die Ferme des Vergers und die weiteren lokalen Bauernhöfe produzieren Gemüse und Getreide. Dabei stehen die Äcker und Felder der Ferme des Vergers mitten im Quartier. Die Nahrungsmittel werden von der Kooperative der Bauernwerkstätten lokal weiterverarbeitet: Diese bewirtschaftet im Quartier eine Käserei, Bäckerei und Metzgerei.

Danach werden die Nahrungsmittel im partizipativen Bauern-Supermarkt oder in den Restaurants des Quartiers verkauft. Der Supermarkt bietet die lokalen Produkte unter anderem im sogenannten «Locali» Abo an, das wöchentlich diverse Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Früchte, Brot, Öl oder Milchprodukte beinhaltet.

Das Projekt ist ein gutes Beispiel, wie das Zusammenrücken von mehreren Akteuren aus der Lebensmittelkette dazu führt, dass sich die Menschen wieder bewusster ernähren.

Biovision Schweiz Filiere Quartier

Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.

Filière alimentaire des Vergers im Internet

Dieses Video wurde im Rahmen der Lernreisen des ersten Schweizer Bürger:innenrat erstellt. Das Projekt «Filière alimentaire des Vergers» stellt sich darin vor.

Resilienz und Vielfalt im Fokus: Die Ferme des Vergers

Das Projekt sticht durch verschiedene Aspekte hervor und überzeugt durch seinen ganzheitlichen Ansatz. So weist es durch die biologische und naturnahe Landwirtschaft der Ferme des Vergers und den weiteren am Projekt beteiligten Bauernhöfen eine hohe Resilienz auf (Prinzipien 3 bis 6 in der Grafik). Die Ferme des Vergers hat neben der Produktion von Lebensmitteln zwei weitere Standbeine: Erstens kümmert sie sich um die Instandhaltung der Aussenräume des Quartiers. Zweitens ist der pädagogische Aspekt von grosser Bedeutung und die Ferme organisiert verschiedene Veranstaltungen. Gemeinsam mit den Absatzmärkten der Lebensmittel im Quartier weist das Projekt eine hohe wirtschaftliche Diversifizierung (Prinzip 7) auf.

Ein partizipatives Bürger:innenprojekt: Der Supermarkt «La Fève»

Als Bürger:innenprojekt hat die Filière alimentaire den Anspruch, den Menschen die kleinbäuerliche Landwirtschaft näherzubringen und einen respektvollen Umgang mit der Natur zu lehren. Dabei ist nicht nur der Bauernhof Ferme des Vergers partizipativ, sondern auch der Supermarkt «La Fève» (dt.: dicke Bohne). 250 Genossenschafter:innen verwalten den Supermarkt: Sie bestimmen über die Produktauswahl und packen selbst mit an. So übernimmt jedes Mitglied monatlich mindestens eine Schicht von zwei Stunden im Verkauf. Weiter soll auch die Verarbeitung in Zukunft partizipativ werden und den Zusammenhalt der Menschen im Quartier durch gemeinsame Projekte noch mehr stärken. Kurzum führt der partizipative und lokale Charakter des Projektes zu einer hohen Anschlussfähigkeit (Prinzip 11).

Von partizipativ bis bäuerlich

Auch die Bäuerinnen und Bauern sind Mitglieder von «La Fève» und verkaufen ihre Ernte gemäss zuvor ausgehandelten Verträgen. Die Konsument:innen stehen mit ihnen im Austausch, soweit es die zeitlichen Ressourcen der Bäuerinnen und Bauern erlauben. So können die Bäuerinnen und Bauern ihre Bedürfnisse, ihre Realität, aber auch ihr Know-How teilen. Gleichzeitig stärkt dies den Bezug der Konsument:innen zu ihren Nahrungsmitteln. Dadurch punktet das Projekt in den Prinzipien gemeinsame Wissensgenerierung (Prinzip 8), sozialen Werten & Ernährungsweisen (Prinzip 9) und Chancengerechtigkeit (Prinzip 10).

Biovision Filière B-ACT Grafik
Das Spinnendiagramm zeigt die Auswertung des Projekts «Filière alimentaire des Vergers».

So funktioniert die Bewertung mit B-ACT

Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).

Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:

  • Erhöhung der Ressourceneffizienz
  • Stärkung der Resilienz
  • Sicherung der sozialen Gerechtigkeit

Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.

Illustration des B-ACT Tools auf einem Computer.

Damit punktet das Projekt

  • Dieses Bürger:innenprojekt ist ganzheitlich und umfasst die gesamte Nahrungsmittelkette. Es verbindet Verarbeitung, Vertrieb und Konsum. Das Projekt schaut über die Grenzen des Hofes und baut das Konzept der solidarischen Landwirtschaft aus.
  • Das partizipative und bäuerliche Projekt existiert bereits seit 2018. Dadurch lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen, wie sich partizipative, lokale Ernährungssysteme aufbauen lassen, die von allen Akteur:innen langfristig mitgetragen werden.
  • Im Quartier Les Vergers befinden sich auch mehrere Wohngenossenschaften. Somit verbindet das Projekt eine sozialgerechte, nachhaltige und gesunde Ernährung mit zukunftsgerichtetem Wohnen. Dabei liegt das Land des Hofs «Ferme des Vergers» zwischen den Wohnhäusern: Die Lebensmittel, die die Quartierbewohner:innen zum Leben brauchen, werden direkt vor ihren Haustüren angebaut. Auch der partizipative Laden, in dem die Lebensmittel verkauft werden, sowie die Käserei oder die Bäckerei prägen das Quartier. Somit zeigt das Projekt auf, wie viel Land wir zum Leben brauchen, wie daraus Lebensmittel werden und wie wir dafür Verantwortung übernehmen.
Biovision Schweiz Filiere Baumpflanzung
Filière alimentaire des Vergers bei der Baumpflanzung. Bild: François de Limoges.

Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt

Die partizipative Dimension des Bürger:innenprojekts ist Chance und Herausforderung zugleich: Es ist einerseits anspruchsvoll, die richtige Form für die Beteiligung aller Akteur:innen zu finden. Beispielsweise darf der zusätzliche Arbeitsaufwand – durch gemeinsame Sitzungen mit allen beteiligten Bauernhöfen oder die Betreuung der Mitglieder – für die Bäuerinnen und Bauern nicht zu hoch werden. Andererseits sind die Sensibilisierung und Kommunikation entscheidend. So sind erst ein kleiner Anteil der Quartierbewohner:innen auch Mitglieder des partizipativen Supermarktes und kaufen dort ein. Mehr Mitarbeitende und mehr Einnahmen wären wichtig.

Die Idee ist überzeugend, aber die Umsetzung ist im Kontext einer Konsum- und Leistungsgesellschaft herausfordernd. Vielen Personen fehlt die Zeit und Musse, sich über das Projekt zu informieren oder für eine nachhaltige Ernährung einzustehen. Letztlich ist das Projekt nicht für alle zugänglich: Obwohl Solidarität im Projekt gross geschrieben wird, nimmt hauptsächlich die obere Mittelschicht teil, welche sich zum Beispiel die höheren Preise im Supermarkt des Projekts auch leisten kann. 

Damit das Bürger:innenprojekt sich etabliert und replizierbar wird, braucht es den entsprechenden politischen Willen. Notwendig wäre die Unterstützung der Verwaltung, um mehr Öffentlichkeit zu erreichen und förderliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Eine passende Bühne war die Abstimmung im Sommer 2023, bei welcher das Recht auf Nahrung in der Genfer Verfassung mit 68% der Stimmen verankert wurde. Die daraus resultierende Verpflichtung des Kantons, zu einer adäquaten Ernährung – also gesunden und saisonalen Lebensmitteln für alle – beizutragen, könnte ein wichtiges Fundament darstellen, um Projekte wie die Filière alimentaire weiterzuentwickeln.

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