Das Projekt «Gut Rheinau» im Kurzporträt
Das Gut Rheinau wurde 1998 gegründet und ist als Hofgemeinschaft organisiert. Die Zuständigkeiten teilen sich sieben Betriebsleiter:innen. Das Ziel des Betriebs ist ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Natur und Mensch zu schaffen. Umgesetzt wird dies beispielsweise mit einer einzigartigen Vernetzung von vielfältigen Biodiversitätsförderflächen, die auf dem Gut Rheinau mit grossflächigen Blumenwiesen, Hecken und Alleen wertvolle Lebensräume bieten.
Obschon das Gut Rheinau ein Produktionsbetrieb ist, setzen sich die Betreiber:innen darüber hinaus engagiert für das Wohl und den Zusammenhalt von Menschen ein. Sie organisieren regelmässig Feste, kulturelle Veranstaltungen und Feldtage, bilden Lernende aus und leben in Partnerschaft mit der Stiftung Fintan sozialtherapeutische Inklusion auf ihrem Hof. Durch die regelmässige Teilnahme an Forschungsprojekten entwickelt sich der Betrieb ebenfalls kontinuierlich weiter.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Gut Rheinau im Internet
Das Erfolgsrezept: Blühende Vielfalt und gesunde Böden
Das Profil des Gut Rheinau bildet dessen Ganzheitlichkeit ab. Dank der Zusammenarbeit mit der Stiftung Bodenfruchtbarkeitsfonds liegt ein besonderes Augenmerk auf der Gesundheit der Böden (Prinzip 3 in der Grafik). Beispielsweise wird auf dem Gut mit dem kompostierten Hofdünger eine Humusschicht aufgebaut, und die Bodenbearbeitung mit besonders leichten Maschinen geht über die Vorschriften des biodynamischen Ausbaus hinaus.
Mit einer zehnjährigen Fruchtfolge sorgt Gut Rheinau für einen gesunden Boden und reichhaltige Biodiversität (Prinzip 5). Um die Artenvielfalt nicht nur auf den Feldern, sondern auf der gesamten Betriebsfläche zu fördern, verbinden Hecken, Blühflächen und artenreiche Wiesen verschiedene Lebensräume. Dadurch entsteht eine beeindruckende zusammenhängende Biodiversitätsförderfläche von 20 Hektaren. Die Notwendigkeit für Eingriffe zur Schädlings- und Krankheitsbekämpfung ist dadurch minimal.
Über die Feldarbeit hinaus: Das vielseitige Engagement von Gut Rheinau
Beim Gut Rheinau engagieren sich die Menschen weit über die Betriebsgrenzen hinaus in verschiedenen Bereichen. Einige bieten biodynamischen Ausbildungen an, andere organisieren Veranstaltungen auf dem Hof oder starten gemeinsam mit anderen Organisationen Initiativen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem. Daraus entstanden zum Beispiel das Netzwerk POT als Konzept für Quartierdepots (mit dem erfolgreichen Praxisbeispiel Rampe5 als Prototyp), die Zürcher Genossenschaft für Direktvermarktung «Koopernikus» oder das Projekt «Richtig Rechnen», welches den konkreten Beitrag eines Landwirtschaftbetriebs zur Nachhaltigkeit kalkuliert. Damit glänzt das Projekt in den Bereichen Gemeinsame Wissensgenerierung (Prinzip 8), Chancengerechtigkeit (Prinzip 10) und Beteiligung (Prinzip 13).
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
Die Menschen vom Gut Rheinau sind Macher:innen, die den Wandel auf innovative und ganzheitliche Weise vorantreiben. Gemeinsam haben sie ein intaktes Agrarökosystem mit Vorzeigecharakter geschaffen. Gleichzeitig schaut das Team des Guts über die Grenzen des eigenen Betriebs hinaus. Durch Öffentlichkeitsarbeit und Projektarbeit machen sie nachhaltige Landwirtschaft und Lebensräume erleb- und nahbar und bringen Produzierende und Konsumenten zusammen.
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Das Gut Rheinau ist ein Ort, der sich stetig wandelt und neues wagt. Dieses Streben nach Innovation braucht viel Mut: Es ist ungewiss, ob neue Projekte erfolgreich sein werden. Gleichzeitig sieht sich der Betrieb mit starren politischen Strukturen konfrontiert, die Innovationen teilweise behindern. Ein Beispiel dafür sind die Direktzahlungen an Landwirtschaftsbetriebe, die pro Betrieb statt qualifizierter Arbeitskräfte ausbezahlt werden. Dies führt dazu, dass kollektiv geführte Betriebe wie das Gut Rheinau benachteiligt werden. Der Betrieb erhält im Verhältnis zu der Vielzahl der vor Ort lebenden und schaffenden Menschen nur geringe Direktzahlungen. Allerdings ist es diese Vielzahl an Menschen, die die innovative und gemeinwohlorientierte Arbeitsweise des Betriebs ermöglichen. Die Sozialtherapie mit der Stiftung Fintan, die Forschung auf dem Betrieb und die Förderung der Biodiversität – um drei Beispiele zu nennen – erfordern zusätzliche Arbeitskraft, die von konventionellen Betrieben nicht erbracht wird und dem Gut Rheinau finanziell ungenügend vergütet werden.