Mit Bäumen fürs Klima und Tierwohl

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Samira Amos, Biovision. Bild: Adlerzart.

Der Hof Adlerzart in Oberrüti AG kombiniert landwirtschaftliche Produktion mit dem Anbau von Bäumen oder Sträuchern auf derselben Fläche. Mit diesem Agroforstsystem schafft er eine Oase, in der Tiere und Menschen sich wohl fühlen.

Das Projekt «Adlerzart» im Kurzporträt 

Der Hof Adlerzart beeindruckt mit knapp 1500 Bäume und Sträucher auf seinen Kuhweiden. Darunter finden sich unter anderem diverse Weidenarten, Hainbuche, Ahorn, Vogelbeere und Hasel. Die Vielfalt an Gehölzen sind Teil eines silvopastoralen Agroforstsystems, die Kombination von Bäumen und Sträuchern mit Tierhaltung. Dies schützt den Boden und das Klima und fördert die Biodiversität. Gleichzeitig profitieren die Tiere: Die Gehölze dienen als Nahrungsquelle für die 30 Mutterkühe mit ihren Kälbern sowie für die Hühner – daher heissen die Baum- und Sträucherreihen auch Futterhecken – und spenden an heissen Tagen Schatten.

Die Idee für diesen kombinierten Betrieb entstand, als der Betriebsleiter Pirmin Adler begann, frische Zweige in das Stroh für seine Rinder zu mischen. Die Wirkung war durchwegs positiv: Mit der Zeit wirkten die Tiere robuster, ihre Immunabwehr verbesserte und die Qualität des Hofdüngers erhöhte sich. Dieser positive Einfluss auf die Tiere war für Pirmin Adler ein Aha-Erlebnis. Seitdem hat er seinen Hof weiterentwickelt. Nun blickt er auf seine frisch bepflanzte Anlage. Für seine Leistungen hat er den Förderpreis Agroforst Aargau erhalten.

Ans Aufhören denkt Pirmin Adler noch lange nicht: Er möchte zukünftigen Generationen ein vielfältiges, klima- und ertragsstabiles Ökosystem hinterlassen. Dafür baut er das Agroforstsystem weiter aus und hört erst auf, wenn alle 22 Hektaren Weiden und Ackerflächen seines Betriebs bepflanzt sind.

Biovision Schweiz Adlerzart Rind mit Kalb

Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.

Adlerzart im Internet

Eine Wohlfühloase für Tier und Mensch

An heissen Sommertagen zeigt sich deutlich, welchen Nutzen das Agroforstsystem bietet. Die Rinder bleiben dank dem Schatten durch die Bäume auch bei Hitze draussen, was den Arbeitsaufwand für Pirmin Adler verringert. Gleichzeitig haben die Tiere Zugang zu zusätzlichen Futterquellen, was besonders in trockenen Sommern von Vorteil ist, wenn das Gras nicht gut wächst. Die Rinder ernähren sich von jungen Zweigen und Blättern und nehmen wichtige Mineralstoffe sowie Spurenelemente wie Selen und Mangan auf. Für die Tiere ist das Agroforstsystem eine eigentliche Selbstbedienungsapotheke, welches diverse Heilstoffe bietet. Dies äussert sich in einer besseren Immunabwehr der Kühe und entsprechend weniger Krankheiten, vor allem bei den anfälligen Jungtieren. Die Gesundheit der Tiere ist somit sehr hoch (Prinzip 4 in der Grafik).

Bäume für Biodiversität und Klima

Für Pirmin Adler geht es nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern auch um die Biodiversität (Prinzip 5) und das Klima. Gehölze bieten kontinuierliche Nahrungsquellen für Bestäuber und fungieren als Kohlenstoffsenker. Durch ihre Wurzeln ermöglichen sie bei Trockenheit die hydraulische Umverteilung von Wasser in höhere und trockenere Bodenschichten, wovon andere Pflanzen profitieren. Bei extremen Wetterereignissen wie Starkniederschlägen stabilisieren Bäume den Boden und ermöglichen eine bessere Versickerung des Wassers. Durch eine schonende Bodenbearbeitung, dem Einsatz von Mischkulturen (z.B. Mais mit Stangenbohnen) und den Einsatz von Komposttee (dabei handelt es um einen Aufguss aus Kompost) fördert Pirmin Adler die Bodengesundheit (Prinzip 3) weiter.

Streben nach Unabhängigkeit

Pirmin Adler strebt auf seinem Hof nach Kreislaufwirtschaft und grösstmöglicher Autarkie. Er punktet in Sache Reduktion von Produktionsmitteln (Prinzip 3): Anstatt Pflanzenschutzmittel zuzukaufen, setzt er auf eine hohe Diversität im Feld, wodurch sich Krankheiten und Schädlinge selbst regulieren. Zudem hält er nur so viele Tiere, wie er mit dem eigenen Futter versorgen kann.
Das Agroforstsystem spielt eine Schlüsselrolle für die Selbstversorgung. So hofft Pirmin Adler, durch die Futterhecken bald keine Mineralien für die Rinder mehr zukaufen zu müssen. Und das Holz dient der Herstellung von qualitativ hochwertigem Hofdünger. Letztlich ist er auch unabhängig vom Zwischenhandel, da er das Rindfleisch und Poulet direkt im eigenen Hofladen verkauft.

Biovision Schweiz Adlerzart B-Act
Das Spinnendiagramm zeigt die Auswertung des Projekts «Adlerzart».

So funktioniert die Bewertung mit B-ACT

Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).

Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:

  • Erhöhung der Ressourceneffizienz
  • Stärkung der Resilienz
  • Sicherung der sozialen Gerechtigkeit

Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.

Illustration des B-ACT Tools auf einem Computer.

Damit punktet das Projekt

  • Pirmin Adler bringt mit dem Agroforstsystem Leben in jede Ecke seines Hofs – gross, klein, tierisch, pflanzlich und mikrobiell. Diese Vielfalt erhöht die Resilienz und Autarkie des Betriebs.
  • Der Betrieb Adlerzart punktet mit einem hohen Tierwohl: Er setzt auf viel Bewegungsmöglichkeiten, Futterhecken, Mutterkuhhaltung sowie eine stressfreie Schlachtung auf dem Hof oder in der nahegelegenen Metzgerei.
  • Der Betrieb leistet Pionierarbeit, in dem er Wissen zu silvopastorialen Agroforstsystemen generiert. So können andere Betriebe von seinen Erfahrungen mit der Auswahl an Bäumen und Sträuchern lernen. Pirmin Adler hat darauf geachtet, dass die Futterhecken alle für Rinder wichtige Mineralstoffe und Heilmittel bieten. Zudem enthält jede Futterhecke nur Gehölze, das dieselben Pflegemassnahmen erfordert. Beispielsweise hat er zweireihige Stockhecken, die er alternierend in regelmässigen Abständen auf den Strunk zurückschneidet, und einreihige Schnitthecken, die er entweder durch den Heckenschneider oder direkt durch die Tiere bewirtschaftet.
Biovision Schweiz Adlerzart Agrofosrt Pflanzung Hochstamm
Mit der Integration von Hochstammbäumen in den Futterhecken werden zusätzliche Etagen erschlossen (vertikale Strukturvielfalt). Bild: Adlerzart.

Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt

Pirmin Adler hatte in seiner landwirtschaftlichen Ausbildung vieles anders gelernt, als er es jetzt anwendet. Entsprechend musste er von Grund auf das meiste selbst lernen. Eine der grössten Herausforderungen war die Auswahl und Anordnung der Gehölze. Er fragte sich, welche Arten zu seinen Tieren passen und wie er sie am besten auf seinem Grundstück arrangiert, um das Weidemanagement optimal umzusetzen.

Pirmin Adler rät anderen Landwirt:innen, sich bei der Planung ausreichend Zeit zu nehmen und nichts zu überstürzen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man weiss: Jetzt ist es gut, so mach ich es. Ausserdem empfiehlt er, sich mit anderen Landwirt:innen auszutauschen und die wachsenden Bildungsangebote zum Thema Agroforst zu nutzen.

Eine weitere Herausforderung besteht in dem zusätzlichen finanziellen und personellen Aufwand. Sobald das Agroforstsystem etabliert ist, ist die Pflege seiner Gehölze für Pirmin Adler pflegeextensiv. Aufwendig ist hingegen die Planung und Umsetzung des Systems. Zum Beispiel erfordert die Baumpflanzung Zeit und es gilt, rechtliche Fragen zu klären. Zudem beeinträchtigen die Bäume die Feldarbeiten mit Maschinen. Weiter brauchen die Gehölze einige Jahre, um sich zu entwickeln, bis sie Erträge abwerfen. Pirmin Adler meisterte diese Herausforderungen unter anderem, indem er seine Kund:innen um Hilfe bei der Pflanzung bat. Innerhalb von zwei Tagen pflanzte er mit etwa zwölf Freiwilligen 1‘500 Bäume und Sträucher.

Trotz des initialen Mehraufwands strebt Pirmin Adler danach, so schnell wie möglich das Agroforstsystem auszubauen und noch autarker zu werden. Er wünscht sich eine stärkere politische Förderung von Vielfalt auf dem Hof (z.B. eine diverse Landnutzung und hohe Biodiversität) und Kreislaufwirtschaft, da dies derzeit zu wenig im Direktzahlungssystem verankert ist. Er ist überzeugt: «Die Landwirtschaft muss von der Spezialisierung abrücken und wieder breiter und vielfältiger werden. Denn Resilienz entsteht durch Diversität.»

Podcast über das Projekt «Adlerzart»

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