Wo der Mut zur Veränderung gelebt wird

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Samira Amos, Biovision (Bilder: Hof Faver)

Rund 11 Hektaren umfasst der Demeter-Hof Faver in Wallenbuch. In Zusammenarbeit mit dem Verein für solidarischen Landwirtschaft TaPatate! hat sich der Betrieb in den letzten Jahren in vielerlei Hinsichten verändert.

Der Verein TaPatate! und der Hof Faver im Kurzporträt

Im malerischen Wallenbuch, der Freiburger Exklave im Seebezirk, liegt der Hof Faver. Durch die Nähe zu den Städten Bern und Fribourg liegt der Betrieb geradezu ideal für eine solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Bei diesem Konzept helfen die Mitglieder der SoLaWi auf dem Betrieb mit und teilen die Produktionskosten. Im Gegenzug erhalten sie wöchentlich Gemüse oder Obst (siehe auch den Leuchtturm Seminterra). Der Verein TaPatate! (auf Mundart “DiHärdöpfu!”) wurde 2017 gegründet, um eine solche SoLaWi in der Region Bern aufzubauen. Seit TaPatate! auf der Suche nach Anbauflächen auf die Familie Birbaum stiess, befindet sich der Betrieb in einem stetigen Wandel.

Für diesen Wandel arbeitet Valentin Birbaum, der 26-jährige Junglandwirt und Betriebsleiter, eng mit den Mitgliedern von TaPatate! zusammen. Das neue Agroforstsystem, das Bäume mit Feldkulturen kombiniert, ist ein Produkt dieser Symbiose. Im Jahr 2022 wurde es auf drei Hektaren ehemaligem Weideland angelegt: 50 Helfer:innen pflanzten hunderte Hochstamm- und Spindelbäume sowie Beerensträucher in Reihen. Dieses System erhöht nicht nur die Biodiversität, sondern trägt auch dazu bei, den Hof an die zunehmende Trockenheit anzupassen.

In Zukunft plant das junge Team, den gesamten Betrieb auf Agroforst umzustellen. Auf der Agenda stehen auch eine Erweiterung des Produktangebots und ein Keyline Wassermanagement Projekt. Vereinfacht gesagt wird dabei das Gelände so verändert, dass Niederschlagswasser möglichst langsam abfliesst. Und zwischen den Baumreihen wird in Zukunft Getreide wachsen, um selber Brot anbieten zu können. Kurzum: Der Hof Faver bleibt in Bewegung.

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Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.

TaPatate! im Internet

Eine beeindruckende Diversität

Der Demeter-Hof punktet in Sache Umweltschutz (Prinzip 1-6 in der Grafik). Auf dem Betrieb findet sich neben dem Agroforstsystem, welches Lebensraum für Insekten und Vögel bietet, verschiedene Hecken, Blühstreifen, Asthaufen und Teiche. Der Hof betreibt Acker-, Gemüse- sowie Obstbau und nutzt die Weideflächen für Rinder. Besonders beeindruckend ist die Vielfalt auf den Gemüse- und Obstfeldern, auf denen das Team bis zu hundert verschiedenen Sorten kultiviert – eine Auswahl, wie sie in üblichen Supermärkten nicht zu finden ist. Ein Drittel davon sind ProSpecieRara Sorten und somit Raritäten, die sich durch ihre besondere Anpassung an den Standort auszeichnen. Dank der Förderung der Biodiversität und dem Einsatz von Nützlingen kommt der Hof nahezu ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aus.

Statt sich mit wenigen Monokulturen im anhaltenden Preiskampf zu behaupten, setzt der Betrieb auf unterschiedliche Absatzkanäle mit fairen Preisen (Prinzip 7 „Wirtschaftliche Diversifizierung“). Das frische Gemüse und Obst liefert TaPatate! aktuell über 100 Haushalte, hauptsächlich in der Stadt Bern. Die weiteren Nahrungsmittel gehen an Geschäfte, Nahrungsmittelkooperativen, Unverpacktläden und Restaurants, oder werden im eigenen Hofladen verkauft. Lediglich beim Fleisch und Getreide findet noch ein Grossteil – wenn auch abnehmend – den Weg in den allgemeinen Handel. Für diese Diversität an Absatzkanälen arbeitet der Hof mit lokalen Partner:innen und benachbarten Betrieben zusammen (Prinzip 11 „Anschlussfähigkeit“).

Der Hof Faver verfügt über weitere Betriebszweige: Einerseits die Pflege und Bewirtschaftung von rund 16 Hektaren Wald. Eine weitere Einnahmequelle sind gelegentliche Bauarbeiten und Verarbeitung von Holz, die der gelernte Zimmermann Valentin Birbaum ausführt. Zudem stehen auf dem Hof Faver 13 Wohnungen, die teilweise von Mitgliedern der SoLaWi bewohnt werden. Und die eigene Energieproduktion mittels Holzschnitzelheizung und Solarpanels lässt davon träumen, Wallenbuch mit eigener erneuerbarer Energie zu versorgen.

Offene Hoftüren

In Wallenbuch werden auch Massstäbe im sozialen Engagement gesetzt. Ein Beispiel ist das Gemüseabo, das TaPatate! über Solidaritätsbeiträge von Mitgliedern der Jugend-Notschlafstelle Pluto in Bern zur Verfügung stellt. Zudem bietet sie billigere Abos für Menschen mit niedrigem Einkommen an und tüftelt an kinderfreundlichen Arbeitseinsätzen, um sicherzustellen, dass hochwertige Produkte für alle zugänglich sind. Zudem gibt TaPatate! Produkte mit Schönheitsfehlern oder aus der Überschussproduktion kostenlos an die Strassenküche, Sans-Papiers-Küche und die öffentlichen Kühlschränke von Madame Frigo ab. Entsprechend hat das Team starke soziale Werte (Prinzip 9), und setzt sich in verschiedenen Vereinen und an politischen Aktionen für diese ein. 

 TaPatate! und der Hof Faver öffnet seine Türen auch für andere Landwirt:innen, um Wissen zu teilen und sich gegenseitig zu stärken (Prinzip 8). Regelmässig führen sie auf dem Hof Veranstaltungen durch zu Themen wie Agroforst, Direktvermarktung, Wassermanagement oder Demeter.  

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Das Spinnendiagramm zeigt die Auswertung des Vereins TaPatate! und des Hofs Faver im Kurzporträt.

So funktioniert die Bewertung mit B-ACT

Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).

Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:

  • Erhöhung der Ressourceneffizienz
  • Stärkung der Resilienz
  • Sicherung der sozialen Gerechtigkeit

Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.

Illustration des B-ACT Tools auf einem Computer.

Damit punktet das Projekt

  • Der Hof Faver zeichnet sich durch seine beeindruckende Vielfalt auf dem Feld, in den Absatzkanälen und den Betriebszweigen aus. Diese Vielfalt macht den Betrieb widerstandsfähig und eröffnet Möglichkeiten für Synergien, wie beispielsweise die geschickte Kombination von Wohnungen und solidarischer Landwirtschaft.  
  • Die Beziehung zwischen der SoLaWi TaPatate! und dem Betrieb der Familie Birbaum ist ergiebig. Der kontinuierliche Austausch stellt, trotz gelegentlicher Herausforderungen, eine Quelle für neue Ideen dar. Der erfolgreich umgesetzte Agroforst ist dafür ein gutes Beispiel.  
  • TaPatate! und der Betrieb sind dialogbereit und offen für Veränderungen. Sie setzen sich dafür ein, einbindend zu wirken, äussern ihre Meinung in der gesellschaftspolitischen Debatte und sind im fortwährenden Austausch mit anderen Landwirt:innen und der Bevölkerung.  

TaPatate! und der Hof Faver bei der BauernZeitung auf Youtube.

Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt

  • Eine Herausforderung liegt in der Schnittstelle zwischen TaPatate! und dem Hof Faver. Der Vorstand der SoLaWi stellt zwar eine wichtige Verbindung zu den Konsument:innen her, verfügt aber nur über begrenzte Erfahrung in der Feldarbeit oder lebt zu entfernt vom Hof, um alle Entwicklungen auf dem Hof nachzuvollziehen. Dies erfordert einen stetigen Informationsfluss und offene Diskussionen. 
  • Wie viele solidarische Projekte steht TaPatate! vor der Schwierigkeit, genügend Menschen für ihr Projekt zu begeistern. Die beschränkten Ressourcen für Werbung erfordern gezielte Bemühungen auf den richtigen Plattformen. TaPatate! hat Schwierigkeiten, die Vorteile der Direktvermarktung für eine ökologische und gerechte Landwirtschaft zu vermitteln, und dabei gegen Werbekampagne von grösseren Akteuren wie der allgemeine Handel anzukommen.
  • Trotz diverser Absatzkanäle bleibt es eine Herausforderung, faire Lebensmittelpreise zu erzielen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Beispielsweise ist der Preisdruck hoch, diverse Leistungen werden nicht finanziell vergütet, oder Konsumierende sind darauf eingestellt, nur wenig Geld für Lebensmittel auszugeben. Dies führt dazu, dass die Preise für Gemüse und Obst gerechtfertigt werden müssen und die Arbeitsbedingungen auf dem Hof weiterhin von niedrigen Löhnen geprägt sind (siehe auch die Herausforderungen des Leuchtturms rampe5). 

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