Das Projekt «Le Cri de la Carotte» im Kurzporträt
Emma Azconeguis kleiner Laden im Genfer Plainpalais ist vollgestellt mit konservierten Lebensmitteln in Gläsern. Aus der angrenzenden Küche strömen verlockende Düfte. In der früheren Metzgerei findet man heute vorwiegend pflanzliche Gerichte inspiriert von der traditionellen Genfer Bauernküche: Suppen, Babybrei, Faux gras (vegane Variante der Stopfleber) und verschiedene Saucen.
Emma Azconegui verfolgt ihre Leidenschaft in der Küche, ohne dabei ihre Werte zu vernachlässigen. In ihrer Konservenfabrik bietet sie gesunde Nahrungsmittel zu fairen Preisen an. Convenience-Produkte enthalten oft zu viel Salz, Zucker oder ungesunde Zusatzstoffe, lassen sich jedoch schnell und einfach zubereiten. Dies verleitet insbesondere Menschen mit wenig Zeit oder mit wenig Einkommen zu einer ungesunden Ernährung. Emma Azconegui setzt mit ihrem Projekt ein Zeichen gegen diese vermeintliche Normalität – und ganz nebenbei auch gegen Food Waste. Da bei ihren Konserven das Aussehen von Gemüse keine Rolle spielt, verkocht sie auch Gemüse mit Schönheitsfehlern, welche Genfer Kleinbäuerinnen und -bauern nicht verkaufen können.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Le Cri de la Carotte im Internet
Starke Partnerschaften mit Gleichgesinnten
Emma Azconegui setzt auf Genfer Kleinbäuerinnen und -bauern, um köstliche Konserven herzustellen. Soziale Gerechtigkeit (insbesondere Prinzip 8-11 in der Grafik) steht bei ihrer Arbeit und der Auswahl der Partnerbetriebe von «Le Cri de la Carotte» im Fokus: faire Preise, kurze Lieferketten und Respekt vor Menschen und Natur sind ihre Leitprinzipien. Sogar die wenigen bereits verarbeiteten Zutaten, wie Gewürze, stammen aus Genfer Projekten.
Ihre Lieferant:innen kennt Emma Azconegui alle persönlich. So schafft sie lokale Wertschöpfungsketten (Prinzip 11). Sie kocht mit Gemüse, für das die Bäuerinnen und Bauern keinen Absatzmarkt haben – sei es weil diese eine neue Kultur in kleinen Mengen anpflanzen oder weil das Gemüse Schönheitsfehler aufweist. So bleibt Emma Azconegui saisonal, lokal und unterstützt die Arbeit von Gleichgesinnten.
Neben dem Verkauf im Laden verfolgt «Le Cri de la Carotte» einen Business-to-Business Ansatz. Dabei verkauft die Konservierungsmanufaktur Leistungen an andere Betriebe. Emma Azconegui verarbeitet Lebensmittel auf Bestellung, sei es für den solidarischen Garten «Paniers de la Mule», die vegane Metzgerei Butch Bunny oder den Genfer Fischhändler. Gemeinsam mit den Betrieben tüftelt sie an Rezepten für ihre Erzeugnisse, damit diese die verarbeiteten Endprodukte mit einer Marge weiterverkaufen und so ihren Absatz diversifizieren können. Der Ansatz basiert auf Solidarität und Gegenseitigkeit. Emma Azconegui unterstützt Kleinbetriebe mit begrenzten finanziellen Mitteln, indem sie bei Bedarf Produkte kostenlos oder im Austausch gegen frisches Gemüse verarbeitet. Diese Partnerschaften bieten wichtige Unterstützung und Austauschmöglichkeiten für Genfer Kleinbetriebe.
Einsatz für eine neue Ess- und Kochkultur
Trotz des Verkaufs von Produkten im Laden hat «Le Cri de la Carotte» mehrere Standbeine (Prinzip 7 Wirtschaftliche Diversifizierung): Unter anderem dem Business-to-Business-Ansatz sowie Caterings an Veranstaltungen, an denen Emma Azconegui gleich für eine gesunde und lokale Küche sensibilisiert.
Weiter bietet «Le Cri de la Carotte» unter anderem bei der Swiss Food Academy Kochkurse für Kinder an. Diese Kurse vermitteln nicht nur Rezepte, sondern vor allem Konzepte – beispielsweise wie man Lebensmittel ohne industrielle Zusatzstoffe konserviert oder aus vermeintlichem Haushaltsabfälle eine köstliche Bouillon zaubert. Sie plant, in Zukunft diese Kurse vermehrt für Erwachsene anzubieten, damit sich diese das Wissen über Lebensmittel und deren Verarbeitung wieder aneignen.
Emma Azconegui setzt sich auf unterschiedliche Weisen für eine neue Ess- und Kochkultur ein: Sie engagiert sich aktiv gegen Frauenfeindlichkeit und Rassismus in der Küche. Emma Azconegui, die selbst einen Migrationshintergrund hat und viel Wert auf Chancengerechtigkeit (Prinzip 10) legt, unterstützt besonders junge Migrantinnen mit Kurzpraktikas beim Berufseinstieg.
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
- «Le Cri de la Carotte» punktet in Sache soziale Gerechtigkeit. Emma Azconegui kocht gesunde, lokale Produkte aus der Genfer Bauernküche zu fairen Preisen für alle Beteiligten. Dabei engagiert sie sich besonders für Gruppen, die in unserer Gesellschaft vor Herausforderungen stehen – seien es Genfer Kleinbetriebe oder junge Frauen mit Migrationshintergrund. Ihre Produkte schmecken nicht nur köstlich, sondern bewirken auch Gutes. Mit ihrem Engagement unterstützt Emma Azconegui die Menschen, die täglich auf den Feldern oder beispielsweise in einer Metzgerei hinter den Tresen arbeiten.
- Obwohl es an gesunden Convenience-Produkten in Verkaufsläden oder der auswärtigen Verpflegung mangelt, werden oft die Konsumierende für ungesunde Ernährungsweisen verantwortlich gemacht. «Le Cri de la Carotte» zeigt auf, dass die Verantwortung für gesunde Ernährung bei den Akteur:innen aus der ganzen Wertschöpfungskette liegt – und es dank starken Partnerschaften durchaus möglich ist, gesunde und verantwortungsvolle Convenience-Produkte herzustellen.
- Emma Azconegui ist durch und durch konsequent bei der Auswahl ihrer Partnerschaften. Sie fokussiert sich auf Genfer Kleinbetriebe, die ihre Werte teilen. So hilft sie Gleichgesinnten und fördert ein starkes alternatives Ernährungssystem in Genf.
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Das Projekt «Le Cri de la Carotte» steht vor drei grossen Herausforderungen. Einerseits verzeichnen nachhaltige Lebensmittelläden seit der Covid-Krise weniger Kund:innen. Das bedeutet, sie hat weniger Einnahmen aus ihrem Laden. Deshalb setzt sie hauptsächlich auf Catering, den Business-to-Business-Ansatz und Kurse.
Andererseits ist die Arbeit in der Küche sehr anspruchsvoll, und Emma Azconegui trägt die Hauptlast allein. Die Administration des Projekts und die Pflege des Ladens bleiben dabei fast auf der Strecke. Unterstützung wäre sehr hilfreich. Derzeit sucht sie nach einer/m Partner:in. Emma Azconegui stellt jedoch fest, dass in der Schweiz viele Menschen ein zu hohes Sicherheitsverlangen und materielle Bedürfnisse haben, um sich Projekten wie ihrem zu widmen, die in der Anfangsphase – ähnlich wie bei Start-ups – eine hohe Arbeitsbelastung und ein niedriges Einkommen bedeuten. Gerade bei gemeinwohlorientierten Projekten hilft die Unterstützung im Bereich Administration und Fundraising den Projektverantwortlichen, sich stärker auf das eigentliche Projekt zu konzentrieren.
Und schliesslich sind viele ökologische und soziale Vorteile der Convenience-Produkte, die «Le Cri de la Carotte» herstellt, nicht im Preis enthalten. Dies könnte durch die Berücksichtigung der wahren Kosten von Lebensmitteln gelöst werden (siehe auch die Herausforderung unseres Leuchtturms rampe5).