Highlight 2009: Biovision bekämpft Umweltgift

Obwohl der Einsatz von DDT bereits in den 70ern in vielen Ländern verboten war und das Insektizid nachweislich die Gesundheit von Mensch und Tier schädigt, findet es weiter Anwendung in der Landwirtschaft und in der Bekämpfung von Malaria. 2009 macht sich Biovision an einer internationalen Konferenz stark für Alternativen zu DDT.

Hans Rudolf Herren ist empört: „Es ist eine Schande, dass man DDT jetzt wieder in den Entwicklungsländern einsetzt, weil es vermeintlich billig ist”, sagt der Präsident von Biovision. „Bei uns käme das überhaupt nicht in Frage. Und was für uns schlecht ist, kann für andere nicht gut sein!” Das Insektizid sei nicht umsonst verbannt worden, gibt der Agronom und Insektenforscher zu bedenken. DDT untergrabe die Anstrengungen für eine nachhaltige Landwirtschaft, schädige die Gesundheit von Menschen und Tieren – und nütze im Kampf gegen Malaria längerfristig doch nichts. Stichproben in Afrika zeigten bereits heute DDT-Resistenzen der Malaria-Mücken.

Vom Maikäferkrieg zum Vogelsterben

Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) galt, bevor es verboten wurde, als Wundermittel in der Landwirtschaft und zur Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten. Anfang der 50er Jahre besprühten Flugzeuge ganze Landstriche mit dem Insektizid. In der Schweiz gingen die Flüge als „Maikäferkrieg” in die Geschichte ein. Es war der Schweizer Paul Hermann Müller, der die insektizide Wirkung des Mittels entdeckt und dafür den Nobelpreis erhalten hatte. Schon früh gab es allerdings Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen. DDT reichert sich im Körpergewebe an, und seine Abbauprodukte haben hormonähnliche Wirkung. Das Mittel geriet unter Verdacht, krebserregend zu sein. Doch nicht nur für die menschliche Gesundheit zeichneten sich Gefahren ab: Vögel legten Eier mit zu dünnen Schalen, in Gebieten mit hoher DDT-Dosierung fielen sie buchstäblich vom Himmel.

In den 50er bis 70er Jahren wurde DDT bedenkenlos versprüht. Heute ist der Einsatz in der Landwirtschaft in allen Industriestaaten verboten. Bild: Bundesarchiv, 183-48195-0006 / CC-BY-SA 3.0
Flugzeug sprüht Gift

Gift oder Lebensretter?

Anfang der 70er Jahre wurde DDT in den meisten Industrieländern verboten. 2001 unterzeichneten 122 Staaten die Stockholm Konvention, eine Übereinkunft über das Verbot von organischen Giften, die sich in der Natur anreichern, darunter auch DDT. Das Abkommen ermöglicht den Einsatz von DDT nur noch in begründeten Ausnahmefällen zur Bekämpfung von Mücken, die Malaria übertragen, sofern keine unbedenklichen, wirkungsvollen und erschwinglichen Alternativen vorhanden sind. Die Konvention wird heute von 162 Ländern anerkannt, nicht aber von den USA. „Die Malariatragödie in Afrika muss herhalten für politischen Druck, um internationale Regeln zum weltweiten Schutz von Gesundheit und Umwelt vor Chemikalien zu schwächen”, stellt Paul Saoke, Direktor der ‚Ärzte für soziale Verantwortung’ von Kenia, fest.

Rückenwind bekam die Lobby der DDT-Befürworter durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 2006 plötzlich den Einsatz von DDT in Innenräumen ausdrücklich empfahl. Dabei werden Wände von Häusern und Hütten mit einer DDT-Suspension besprüht, die Mücken vertreiben oder abtöten soll. Zwar hat die WHO später erklärt, dass sie weiterhin das Ziel unterstütze, DDT durch andere Mittel im Kampf gegen Malaria zu ersetzen. Gestützt auf die WHO haben aber vor allem die USA den DDT-Einsatz propagiert. Die Bush-Administration sprach im Rahmen der ’Presidential Malaria Initiative’ Millionen von Dollars dafür. Die Befürworter von DDT-Einsätzen machen geltend, dass das Insektengift im Kampf gegen die Malaria Leben retten kann. Sie betonen, dass bei niedriger Dosierung in der Hauswandbesprühung keine Schäden entstehen würden. Paul Saoke warnt und verweist auf neuste Gesundheitsstudien in Ländern wie Südafrika. Die machten immer deutlicher, dass DDT auch in kleinen Dosen in Innenräumen eine Gefahr für die Gesundheit der Bewohner darstelle, die sich insbesondere bei Neugeborenen manifestiere.

Der Einsatz von DDT ist umso fragwürdiger, als sich Malaria mit gesundheitlich unbedenklichen Massnahmen erfolgreich bekämpfen liesse. Darauf weist auch Hans Rudolf Herren immer wieder hin: „DDT zu produzieren, in Entwicklungsländer zu importieren und in der Malariaprävention einzusetzen, ist der falsche Weg. Missbräuchliche Anwendungen in der Landwirtschaft sind programmiert”, sagt der anerkannte Wissenschaftler und mahnt: „Wir haben genügend Beweise, dass mit diesem Insektizid das Problem nicht zu lösen ist. Im Gegenteil – die ganze Sache wird damit noch verschlimmert!”

Missbrauch unvermeidlich

Tatsächlich ist die Beschränkung auf eine kontrollierte Raumbesprühung in vielen Ländern illusorisch. In Mosambik wird DDT bereits als Ersatz für Moskitonetze betrachtet. Je mehr DDT im Umlauf ist, desto grösser ist die Gefahr, dass das Mittel in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Das kann für die betroffenen Staaten wirtschaftlich verhängnisvoll sein: Unter Umständen können sie ihre Produkte nicht mehr exportieren. Die Welthandelsorganisation (WTO) erlaubt es nämlich, für Produkte mit DDT-Rückständen Importsperren zu erlassen. Viele Experten vermuten deshalb, dass die USA und andere Industrieländer, die den Einsatz von DDT propagieren, auch wirtschaftspolitische Interessen verfolgen. DDT-Rückstände seien ein willkommener Anlass, Produkte aus Entwicklungsländern vom eigenen Markt fernzuhalten.

Es gibt unzählige Alternativen im Kampf gegen Malaria, wie imprägnierte Moskitonetze, Trockenlegung von stehenden Gewässern und Aufklärung.

Alarmierende Zahlen

Hinweise auf landwirtschaftliche Anwendungen in der Gegenwart gibt es bereits, wie das in Genf angesiedelte Sekretariat der Stockholm Konvention in einem Bericht von letztem Herbst schreibt. Eine zunehmende Zahl von Staaten führe DDT ein, ohne den korrekten Gebrauch gewährleisten zu können. Gemäss dem Bericht werden jährlich 4000 bis 5000 Tonnen DDT eingesetzt, Tendenz steigend. Im Hauptherstellerland Indien stieg die Produktion zwischen 2005 und 2007 um 50 % an. Auch die Lagerbestände nehmen zu, wobei aktuelle Zahlen oft fehlen – was eine effiziente Kontrolle durch die zuständigen internationalen Gremien erschwert. Die jüngsten Angaben aus Mozambik zum Beispiel stammen von 2005. Bereits damals wurden im Land 308 Tonnen DDT gelagert.

Die Suche nach Alternativen sei dringlich und unabdinglich, steht im neusten Stockholmer Bericht. In den vergangenen Jahren seien diese von DDT verdrängt worden. Die Vertragsstaaten der Stockholm Konvention treffen sich im Mai 2009 zu einer Konferenz in Genf. Erstmals soll die Liste der persistenten organischen Schadstoffe (POPs) ergänzt werden. Zur Debatte steht aber auch, wie die Verbote durchgesetzt werden können. Den Fall DDT haben Experten an einer Vorbereitungskonferenz im November erörtert. Die Teilnehmenden – darunter auch Vertreter von Biovision aus der Schweiz und des icipe aus Kenia – erarbeiteten einen Businessplan zur Förderung von Alternativen.

Bio statt Chemiekeule

Dass es wirksame umweltfreundliche Methoden zur Malariabekämpfung gibt, beweisen die von Biovision unterstützten Projekte in Kenia. Gemeinsam mit dem Internationalen Insektenforschungs-Institut icipe führt Biovision mehrere Projekte in Malaria-Gebieten Afrikas mit weit über 100’000 Betroffenen durch. Die Menschen werden über die Gefahr von Moskitos informiert und in die Beseitigung der Brutstätten einbezogen.

Die Bevölkerung wird über die Ursachen von Malaria und mögliche Präventionsmassnahmen informiert, zum Beispiel mit Theaterstücken oder Informationsständen an öffentlichen Veranstaltungen.

Durch eine Kombination verschiedener Massnahmen – Behandlung der Brutgewässer mit dem umweltfreundlichen Bti (Bacillus thuringiensis israelensis), Verteilung von Bettnetzen und konsequente Behandlung der Malariakranken – kann der tödliche Kreislauf zwischen Mücke und Mensch unterbrochen werden. Der Ansatz von Biovision und icipe zeigt Wirkung: Innert zwei bis drei Jahren gingen die Malariainfektionen im Gebiet von Malindi um über 22% zurück. In Nyabondo konnten die Malariafälle bei Kindern unter fünf Jahren von 60 auf 20% gesenkt werden. Und in Mwea sank die Infektionsrate bei Schulkindern von 38% auf fast Null. Das Erfolgsrezept liege in der Zusammenarbeit mit den Betroffenen, sagt Projektleiter Charles Mbogo. Eine ’ein für alle Mal Lösung’ gebe es bei Malaria nicht. Die Malaria-Kontrolle müsse ins Gesundheitskonzept integriert werden, so wie die Kontrolle krankheitsübertragender Insekten auch in Industrieländern fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge sei, so der kenianische Wissenschaftler. Mbogo wird zusammen mit Biovision an der Stockholm Konferenz die Alternativen zu DDT vorstellen.