Ostafrikas agrarökologische Wende kommt von innen

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Samuel Schlaefli, im Auftrag von Biovision. Bild: Aloyce Mwabebe.

In Ostafrika werden die Rufe von Kleinbäuer:innen und der Zivilgesellschaft nach einer agrarökologischen Wende lauter. Sie fordern von den Regierungen Massnahmen, um die Ernährungssouveränität und Klimaresilienz in ihren Ländern zu stärken. Vorreiter sind lokale Regierungen. In Kenia arbeiten gleich mehrere Bezirke an einer agrarökologischen Reform des Ernährungssystems.

Während vier Tagen war der Konferenzsaal des «Safari Park Hotels» in Kenias Hauptstadt Nairobi das globale Zentrum der Agrarökologie. Über 500 Teilnehmende aus mehr als 30 Ländern hatten sich im März vor Ort versammelt, darunter rund hundert Medienschaffende. Vertreter:innen von Forschungsinstituten, NGOs, internationalen Entwicklungsagenturen, Bäuerinnen- und Kosumentenorganisationen waren gekommen, um die Transformation des globalen Ernährungssystems anhand von agrarökologischen Prinzipien zu diskutieren, mit einem Fokus auf Ostafrika. In mehreren Räumen fanden eng getaktet Diskussionspanels, Workshops und Projektpräsentationen statt, und dazwischen fanden die Expert:innen aus aller Welt Zeit, um draussen auf der Terrasse im Schatten von Palmen bei Tee und Fruchtsäften über ihre Erfahrungen auszutauschen.

In seiner Keynote-Präsentation gleich zu Beginn der Konferenz, ging Hans R. Herren nochmals auf die Dringlichkeit einer agrarökologischen Wende zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele bis 2030 ein: «Wir haben noch rund 7 Jahre Zeit für die Transformation des heutigen, dysfunktionalen Ernährungssystems», sagte der Biovison-Gründer. «Wir müssen einen Gang hochschalten und mit Agrarökologie Millionen erreichen.» Herren erinnerte daran, dass derzeit über 800 Millionen Menschen an Hunger leiden, trotz einer stetigen Intensivierung der Landwirtschaft, trotz Milliarden, die Regierungen jährlich für synthetische Dünger und Pestizide ausgeben. Und er erinnerte daran, dass die Lösungsansätze für die enormen Herausforderungen im Angesicht von Klimakrise, drastischem Artensterben und dem zunehmenden Verlust von fruchtbaren Böden seit spätestens 2008 bekannt sind. Dem Jahr, in dem der Weltagrarbericht publiziert wurde, quasi das Pendant zum Report des Weltklimarats IPCC für die globale Neuausrichtung des Ernährungssystems, an dem über 400 Wissenschaftler:innen im Auftrag der UNO und Weltbank mitgearbeitet haben. Die meisten Expert:innen in Nairobi waren sich denn auch einig: Für die agrarökologische Transformation des Ernährungssystems fehlt es nicht an Wissen und Lösungsansätzen, sondern an politischem Willen.

Million Belay, Koordinator der «Alliance for Food Sovereignity in Africa» (AFSA), die nach eigenen Angaben 200 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern in Afrika vertritt, beklagte denn auch, dass kein einziger afrikanischer Staat bis heute ein griffiges Gesetz oder eine Politik für gerechte und kulturell angepasste Ernährungsproduktion eingeführt habe. Vielmehr würden die Regierungen weiterhin dem Narrativ von der Notwendigkeit einer «Grünen Revolution» in Afrika folgen, die auf massivem Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden beruht. Eine solche wird von internationalen Konzernen, westlichen Staaten und globalen Stiftungen bis heute propagiert. Doch allen Anwesenden in Nairobi war klar: Ohne Unterstützung und Investitionen von Regierungen, internationalen Organisationen und Entwicklungsbanken in die Agrarökologie, würde es schwierig werden, einen «Gang hochzuschalten».

Mehrere Schüsseln voll Saatgut stehen auf einem Bananenblatt.
Agrarökologie setzt auf Vielfalt und Lokalität. Dieses Saatgut wurde in Vihiga von Bäuerinnen und Bauern vermehrt und steht der Gemeinschaft zur Verfügung. Bild: Aloyce Mwabebe.

Wandel im Kanton der Kleinbäuerinnen und -bauern

Die Frage nach dem «Upscaling» von agrarökologischen Praktiken zog sich wie ein roter Faden durch die erste «Eastern Africa Agroecology Conference». Während es auf nationaler Ebene nur schleppend oder teils gar nicht vorangeht mit der agrarökologischen Transformation, so zeigt sich diese immer öfter auf lokaler und regionaler Ebene. Kenia ist dafür ein gutes Beispiel, wo aktuell gleich in mehreren Bezirken agrarökologische Reformen stattfinden. Seit einer Verfassungsänderung im Jahr 2010 haben die 47 Bezirke weitreichende Befugnisse, ihre Landwirtschaftspolitik selbständig zu gestalten.

Vihiga, im Westen Kenias, nahe der Grenze zu Uganda, gehört zu den Vorreitern, die diese Freiheit gezielt nutzen. 590`000 Menschen leben im Bezirk, die meisten sind Kleinbäuerinnen und -bauern mit durchschnittlich 0.4 Hektaren Land, auf welchen sie vor allem Mais und Bohnen anpflanzen sowie Kühe und Hühner halten. Vihiga ist gewissermassen ein Bezirk der Kleinbäuerinnen und -bauern; für 70 Prozent der Bevölkerung ist die Landwirtschaft die wichtigste Einkommensquelle. Doch immer öfter reicht diese nicht mehr zur Versorgung der Familien aus. 39 Prozent der Bevölkerung leben unter der absoluten Armutsgrenze von 2.15 US-Dollar pro Tag. Ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren ist aufgrund von Mangelernährung in der Entwicklung behindert.

«Früher wurden in Vihiga viele unterschiedliche, lokal angepasste Getreide und Gemüse angepflanzt», erzählt Lilian Aluso. Sie ist seit 2018 Koordinatorin beim internationalen Forschungsnetzwerk «Alliance of Bioversity International and CIAT» und koordiniert eine Agrarökologie-Initiative in Vihiga, die von Biovision mitunterstützt wird. «Doch mit den Versprechen der Grünen Revolution und staatlichen Subventionen für chemische Dünger und hybrides Saatgut, haben viele Bäuerinnen und Bauern auf Mais umgestellt.» Die Folge war eine Zunahme von verstecktem Hunger. Grossen Teilen der Bevölkerung fehlen trotz genügend Kohlehydraten wichtige Mikronährstoffe, die der Körper braucht, um gesund zu bleiben. Der hybride Mais verspricht zwar grosse Erträge, ist aber im Vergleich zu Sorghum und Hirse oder auch traditionellen Maissorten weniger wertvoll für die Förderung der Gesundheit.

Das von Biovision unterstützte Projekt in Vihiga, erreichte unter anderem den Bau einer lokalen Saatgutbank. Video: Alliance/Georgina Smith.

Die NGO «Bioversity» kontaktierte deshalb 2015 die lokale Regierung, um dieses Problem anzugehen. Ziel war es, die Ernährungssicherheit von Kleinbäuerinnen und -bauern zu verbessern und dadurch Hunger und Krankheiten zu reduzieren. Seither erhielten zehn Gruppen mit je 25 bis 30 Kleinbäuerinnen und -bauern in unterschiedlichen Regionen Vihigas Trainings, in denen sie lernten, die ökologische Diversität auf ihren Feldern und den «kitchen gardens» nahe dem Haus zu erhöhen – und damit auch die Diversität ihrer Ernährung. Anstelle lediglich Bohnen und Mais, wurden nun auch Hülsenfrüchte, Amaranth, äthiopischer Grünkohl, Kuhbohnen, schwarzer Nachtschatten, Jute Mallow (Muskraut) und verschiedene Blattgemüse angepflanzt. Mais wurde mehrheitlich mit Sorghum und Hirse ersetzt, die besser mit trockenen Bedingungen zurechtkommen, klimaresilienter sind und weniger Dünger benötigen.

Ein typischer «kitchen garden». Bild: Patrick Rohr.

Aluso und ihr Team arbeiten seit Beginn eng mit dem Gesundheitsdepartement von Vihiga zusammen. Dieses unterstützte das Projekt indem es in jeder Gruppe fünf Kleinbäuerinnen und -bauern zu «Health volunteers» ausbildete. Diese lernten, wie eine gesunde Ernährung sichergestellt werden kann, und gaben dieses Wissen wiederum in ihren eigenen Gemeinden weiter. Befragungen zeigten, dass die Ernährung in den geschulten Gemeinden tatsächlich diverser wurde und mehr Gemüse und Früchte mit hohem Vitamin A- und C-Gehalt gegessen wird.

Restriktive Saatgutgesetze als Problem

Eine grosse Herausforderung war von Anfang an, überhaupt noch Saatgut von alten, teils praktisch verschwundenen Sorten zu finden. Und wenn dies gelang, dann war die Qualität der Samen oft schlecht. «Wir entschieden uns deshalb in einem nächsten Schritt eine eigene Saatgutbank aufzubauen, die allen Kleinbäuerinnen und -bauern in Vihiga zur Verfügung steht», erzählt Aluso. «Dafür haben wir die Bäuerinnen und Bauern im Bezirk befragt, welche Sorten sie noch von ihren Grosseltern her kennen und gerne wieder anpflanzen möchten.» Kleine Mengen dieses Saatguts hat ihr Team über Kenias nationale Genbank besorgt und die Bäuerinnen und Bauern darin geschult, dieses selbst zu vervielfältigen.

Die Saatgutbank in Vihiga, Kenia, kurz nach ihrer Fertigstellung. Bild: Loredana Sorg.

Das nächste Problem: Saatgut darf in Kenia nur verkauft werden, wenn es durch eine nationale Behörde zertifiziert ist. Doch die Zertifizierung einer alten Sorte ist teuer und braucht viel Zeit – und würde dem Wunsch nach Diversifizierung entgegenwirken, weil man sich wieder auf einzelne Sorten beschränken muss. «Idealerweise könnten die Bäuerinnen und Bauern durch den Verkauf von Saatgut ihr Einkommen aufbessern», sagt Aluso. «Doch das ist mit dem restriktiven und konzernfreundlichen Saatgutgesetz schwierig.» Uganda geht diesbezüglich neue Wege, indem das Land unter dem Begriff «quality declared seeds» eine vereinfachte Quasi-Zertifizierung eingeführt hat, die den Verkauf von Saatgut ermöglicht. In Kenia hat sich in der Praxis ein informeller Tauschmarkt zwischen den Bäuerinnen und Bauern etabliert. Mittlerweile sind wieder alte Maissorten im Umlauf, die beinahe verschwunden waren, obschon sie klimatisch gut angepasst und nährreich sind.

Aluso ist überzeugt, dass sich die ökologische Diversifizierung auf den Feldern auch ökonomisch auszahlt. «Wir erleben hier in Kenia gerade einen Bewusstseinswandel; die Nachfrage nach gesunden Nahrungsmitteln nimmt stetig zu.» Restaurants würden heute mit dem Slogan «kienyeji» (Suaheli für «traditionell») für eine Küche basierend auf biologisch produzierten und gesunden Lebensmitteln werben. «Das Interesse an den unterschiedlichen Gemüse- und Getreidesorten, die von den Bäuerinnen und Bauern angepflanzt werden, die wir unterstützen, wird immer grösser.»

«Wir erleben hier in Kenia gerade einen Bewusstseinswandel; die Nachfrage nach gesunden Nahrungsmitteln nimmt stetig zu.»
Lilian Aluso, Projektleiterin, Alliance Bioversity International – CIAT

Der Verkauf direkt ab Hof funktioniert mittlerweile gut. Problematisch sei jedoch der Vertrieb auf lokalen Märkten, weil dort konventionell produzierte Lebensmittel neben biologischen verkauft werden, ohne dass diese für die Käufer:innen klar unterscheidbar wären. Dadurch fällt es Bäuerinnen und Bauern schwer, einen Aufschlag für ihren Mehraufwand auf dem Feld und die höhere Qualität ihres Produktes zu erzielen.

Diese Problematik war ebenfalls eines der zentralen Themen an der Konferenz in Nairobi: Es fehlt in den meisten ostafrikanischen Märkten bis heute eine Kennzeichnung für agrarökologisch oder biologisch produzierte Produkte, wobei die beiden Begriffe quasi gleichbedeutend genutzt wurden. Mit einem Bio-Label zertifiziert werden bis heute praktisch nur Lebensmittel, die für den Export bestimmt sind, vor allem Macadamianüsse und Avocados. Konsument:innen fällt es dadurch schwer, Qualitätsunterschiede zu erkennen und entsprechend zu honorieren.

In Vihiga haben erste Evaluierungen gezeigt, dass sich durch die Diversifizierung des Speiseplans auch die ökonomische Situation der unterstützten Kleinbäuerinnen und -bauern verbessert hat. Dies auch, weil durch die unterschiedlichen Sorten zu praktisch jeder Zeit im Jahr ein Gemüse oder Getreide reif ist, das auf dem Markt verkauft werden kann.

Mehrere Personen posieren vor einem Regal in der Saatgutbank.
Die Menschen in Vihiga sind stolz auf ihre eigene Saatgutbank. Bild: Aloyce Mwabebe.
Eine Bäuerin kontrolliert ihre Pflanzen in Vihiga, Kenia.
Ein Bauer in Vihiga kontrolliert seine Pflanzen. Bild: Aloyce Mwabebe

Was in Vihiga ursprünglich als Projekt zur Förderung der Ernährungsvielfalt und Reduzierung von Krankheiten und Armut begann, ist mittlerweile zu einem umfassenden Agrarökologieprojekt herangewachsen, das von der Bezirksregierung mitgetragen wird. Anfang Jahr hat sie einen partizipativen Prozess lanciert, um eine Agrarökologie-Strategie (policy) für Vihiga zu erarbeiten. Dafür wurde ein runder Tisch mit Vertreter:innen aus Forschung, Zivilgesellschaft, Privatsektor und Bäuerinnen und Bauern organisiert. «Langsam aber sicher sprechen wir eine gemeinsame Sprache», sagt Aluso und lacht zufrieden. Mittlerweile würden sich Politiker:innen auch öffentlich für die regionale Saatgutbank stark machen und über die Vorteile der Agrarökologie sprechen. Sie hofft nun auf baldige logistische und finanzielle Unterstützung durch die Regierung, «denn viele Bäuerinnen und Bauern haben das Potenzial erkannt und wollen ihren Betrieb umstellen.» Doch der Anbau alter Sorten, die Produktion von biologischen Düngern und Pestiziden – all das sei wissensintensiv. «Dafür brauchen sie unsere Unterstützung.»

Gesetz und Strategie für Landwirtschaftsreform

Noch einen Schritt weiter hinsichtlich der agrarökologischen Transformation ist der Bezirk Murang’a, rund 50 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Nairobi entfernt. Über eine Million Menschen leben in dieser fruchtbaren Region, die sich zwischen 900 und 3000 Meter Höhe erstreckt. Mehr als 70 Prozent sind Kleinbäuerinnen und -bauern – im Haupt- oder Nebenerwerb. Auf einem Drittel des bewirtschafteten Landes werden die «cash crops» Tee und Kaffee produziert, auf dem restlichen Land vor allem Mais, Bohnen, Bananen und Avocados. In Murang’a gibt es heute einen «agroecology act», also ein Gesetz, und eine «agroecology policy», also eine Strategie zur praktischen Umsetzung des Gesetzes. «Wir sind an einem Punkt, an dem die Behörden beginnen, Agrarökologie als Lösung anzuerkennen und voranzutreiben», sagt Martin Muriuki, Direktor des «Institute for Culture and Ecology» (ICE). Die kenianische NGO begleitete den politischen Prozess zur Implementierung der Agrarökologie in Murang’a intensiv und wurde dabei durch Biovision finanziell unterstützt.

Für Agrarökologie braucht es Wissen, was über das Biovision-Projekt «Famer Communication Programme» vermittelt wird. Die jungen Menschen in Murang’a, Kenia, finden im Bewirtschaften ihres Gartens Sinn und Sicherheit.

Wie vielerorts in Ostafrika, sind die Kleinbäuerinnen und -bauern in Murang’a bereits stark von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Die Trockenperioden werden immer länger, die Regenzeiten unberechenbarer. Kenia erlebt aktuell die schlimmste Dürre seit 40 Jahren und in manchen Regionen fiel die Regenzeit vier Jahre nacheinander aus. Die Regierung von Murang’a hat realisiert, dass eine klimaresiliente Landwirtschaft für den Wohlstand des Bezirks überlebenswichtig ist. «Begünstigend kam hinzu, dass der Gouverneur öffentlich für den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit sensibilisierte», erzählt Muriuki. «Er erkannte in der Agrarökologie auch ein Mittel, um gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen vorzugehen.» 23 Prozent der Bevölkerung in Murang’a gelten heute als «food poor», sie können sich nicht ausreichend oder gesund ernähren. Gleichzeitig steigen Fettleibigkeit und Diabetes aufgrund von ungesunder Ernährung auch in Kenia stark an.

Joyce Wangari, Bäuerin in Murang’a, und Felix Matheri, Wissenschaftler am Forschungsinsitut icipe, besprechen die neuesten Erkenntnisse über die agarökologischen Praktiken auf dem Feld. Bild: Joost Bastmeijer.

Es folgte ein zweijähriger kollaborativer Prozess, der durch das ICE angeleitet wurde und an dem sich die Bezirksregierung, zahlreiche zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSOs), der Privatsektor und Bäuerinnen und Bauern beteiligten. Am 9. März 2023 wurde das neue Gesetz und die Strategie offiziell verabschiedet, in Anwesenheit von Stephen Munania, dem Stellvertreter des Gouverneurs, und mehrerer Minister. Ein starkes Zeichen an die Bevölkerung, dass die Regierung eine Wende hin zur Agrarökologie unterstützt. Für Muriuki war für diesen Erfolg entscheidend, dass es gelang, sich mit der Agrarökologie im politischen Prozess zu verankern und ein gemeinsames Verständnis für deren Potenzial zu schaffen.

«Die Agrarökologie hilft auch den Exporteuren ihre Zukunft zu sichern.»
Martin Muriuki, Institute for Culture and Ecology, Kenia

Es folgte ein zweijähriger kollaborativer Prozess, der durch das ICE angeleitet wurde und an dem sich die Bezirksregierung, zahlreiche zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSOs), der Privatsektor und Bäuerinnen und Bauern beteiligten. Am 9. März 2023 wurde das neue Gesetz und die Strategie offiziell verabschiedet, in Anwesenheit von Stephen Munania, dem Stellvertreter des Gouverneurs, und mehrerer Minister. Ein starkes Zeichen an die Bevölkerung, dass die Regierung eine Wende hin zur Agrarökologie unterstützt. Für Muriuki war für diesen Erfolg entscheidend, dass es gelang, sich mit der Agrarökologie im politischen Prozess zu verankern und ein gemeinsames Verständnis für deren Potenzial zu schaffen.

Zugleich gelang es den «grünen» Privatsektor zu mobilisieren, also Produzenten von Biopestiziden und -düngern, Kompostanlagen, aber auch Exporteure von Macadamianüssen, Avocados und Bananen. Letztere hätten ein grosses Interesse an einem Wandel hin zu einer pestizidfreien und sicheren Produktion, erzählt Muriuki. Dies insbesondere, weil in der Vergangenheit Produkte, die für den EU-Markt bestimmt waren, aufgrund von zu hohen Pestizidrückständen nicht für den Import zugelassen wurden. Ein grosser Verlust für die Produzenten und ein Imageschaden für den Bezirk und das gesamte Land. «Die Agrarökologie hilft auch den Exporteuren ihre Zukunft zu sichern», ist Muriuki überzeugt. Im Prozess für die neue Gesetzgebung stiess er jedoch auch auf Gegenwehr. «Die Agrochemiekonzerne sind politisch gut vernetzt, sie haben viel Geld und sind einflussreich», sagt er. «Sie wehren sich, weil ein Wandel hin zu mehr Agrarökologie gegen ihre Geschäftsinteressen läuft. Deshalb mussten wir sehr strategisch vorgehen.»

Der Fernsehsender NTV Kenya berichtete über die Feier zum «Agroecology Act».

Co-Creation auf Augenhöhe

Und wie gelang es die Kleinbäuerinnen und -bauern in Murang’a von der agrarökologischen Transformation zu überzeugen? Schliesslich sind sie die wichtigsten Partner:innen für den Wandel des Ernährungssystems, der in jedem Fall lokalspezifisch angepasst werden muss – auch darauf hatten an der Konferenz in Nairobi nochmals alle hingewiesen. Kleinbäuerinnen und -bauern kennen ihre Böden, die klimatischen Veränderungen, die lokalen Traditionen und Eigenheiten der Ökosysteme. Sie müssen eingebunden werden in eine Co-Creation, die ein integraler Bestandteil der Agrarökologie ist. Das bedeutet auch, dass Hierarchien zwischen Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und Bäuerinnen und Bauern zugunsten eines neuen Miteinanders abgebaut werden. Bäuerinnen und Bauern werden selbst zu Forschenden und Wissenschaftler:innen zu Lernenden.

Um ein gemeinsames Bewusstsein für Probleme und Lösungen zu schaffen, organisierte das ICE während des zweijährigen Partizipationsprozesses Trainings und Workshops mit Kooperativen und ausgewählten Bäuerinnen und Bauern. Dort lernten sie die Vorteile des Kompostierens, der Anwendung von selbstgemachten biologischen Pestiziden und traditionellem Saatgut kennen. Damit schufen die Verantwortlichen Vertrauen und sicherten sich die Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern. Später hätten sie sich intensiv am politischen Partizipationsprozess beteiligt, sagt Muriuki. «Erkennen sie erst einmal die Vorteile der Agrarökologie für ihren eigenen Alltag, dann machen sie auch mit.»

Heute ist die agrarökologische Transformation fest im «County Integrated Development Plan» von Murang’a verankert. Dieser Fünfjahresplan (2023 – 2027), der die Leitplanken für die Entwicklung des Bezirks vorgibt, ist an ein Budget gekoppelt. Darüber können nun konkrete Fördermassnahmen für die Agrarökologie finanziert werden. Das neue Gesetz hat landesweit für Aufsehen gesorgt: Das nationale Fernsehen berichtete, Forschende und Politiker:innen anderer Bezirke kamen zu Besuch, um mehr über Murang’as agrarökologischen Weg zu erfahren. Die Bezirksregierung positioniert sich heute bewusst als ein Exzellenzzentrum für nachhaltige Landwirtschaft und gesunde Ernährung. Mittlerweile sind zusätzlich zu Vihiga zwei weitere Bezirke, Kiambu und Meru, daran, eine eigene Agrarökologie-Strategie zu entwickeln.

«Die Bäuerinnen und Bauern in Murang’a sind stolz auf ihre Vorreiterrolle», sagt Muriuki: «Ihr Bezirk wurde zum Vorbild für ganz Kenia.»

Dieses Projekt wird von der Deza unterstützt.

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