Viele Schlagzeilen über die aktuellen Spannungen im Nahen Osten drehen sich um Öl und Energiemärkte. Warum sollten wir in diesem Zusammenhang auch auf das globale Ernährungssystem schauen?
Ein zentraler Punkt ist die Rolle von Düngemitteln. Die Strasse von Hormus ist eine wichtige Handelsroute für Erdgas – einen der zentralen Rohstoffe für die weltweite Herstellung von Düngemitteln. Zudem gehört die Golfregion zu den wichtigsten Produzenten von Stickstoffdüngern. Wenn also Fabriken stillstehen oder Exporte blockiert werden, trifft das nicht nur die Energiemärkte, sondern hat auch enorme Auswirkungen auf das globale Ernährungssystem.
Inwiefern?
Mehr als die Hälfte der Landwirtinnen und Landwirte weltweit ist heute auf chemische Düngemittel angewiesen – ein Ergebnis der verstärkten Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft. Jede Störung der Düngemittel-Lieferketten kann deshalb Landwirte und die Lebensmittelproduktion in anderen Teilen der Welt besonders hart treffen.
Ein langfristiges Ziel für mehr Unabhängigkeit
Seit über 25 Jahren unterstützt Biovision lokale Partner dabei, Wissen weiterzugeben, lokales Saatgut zu fördern und den Einsatz natürlicher Dünger zu ermöglichen. So können Familien ihre Ernten aus eigener Kraft sichern – unabhängig von globalen Preisschocks.
Für viele Menschen ist der Zusammenhang zwischen Energiepreisen, Düngemittel- und Lebensmittelproduktion ein Novum.
Energie- und Ernährungssicherheit waren schon immer eng miteinander verbunden. Steigende Energiepreise erhöhen zum Beispiel die Kosten für Kochenergie und für den Transport von Lebensmitteln und erschweren so den Zugang zu Nahrung. Ein weiterer wichtiger Zusammenhang ist, dass für die Herstellung von Düngemittel, wie beispielsweise Harnstoff, grosse Mengen Energie und Erdgas benötigt werden. Die Preise für Harnstoff liegen bereits wieder auf einem ähnlich hohen Niveau wie Ende 2022, als der Krieg in der Ukraine eskalierte. Für Bäuerinnen und Bauern bedeutet das oft eine schwierige Entscheidung: weniger Dünger einsetzen und Ertragsverluste in Kauf nehmen oder höhere Kosten tragen. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion zurzeit noch schwer abzuschätzen sind, sind höhere Lebensmittelpreise eine wahrscheinliche Folge – und diese treffen die verletzlichsten Haushalte besonders stark, allen voran in Afrika.
Weshalb ist vor allem Afrika von den Preiserhöhungen betroffen?
Über Jahrzehnte hinweg hat die sogenannte Grüne Revolution afrikanische Ernährungssysteme in ein landwirtschaftliches Modell gedrängt, das auf chemische Düngemittel, kommerzielles Saatgut und andere importierte Hilfsmittel setzt – mit dem Ziel, Hunger zu bekämpfen. Dieses Modell hat viele Landwirte und Landwirtinnen in Ostafrika zunehmend abhängig von synthetischen Düngemitteln gemacht, während ausgelaugte Böden zunehmend zum Problem wurden. Hinzu kommt: Afrikanische Landwirtinnen und Landwirte gehören bereits heute zu denjenigen, die im Verhältnis zu ihrem Einkommen weltweit die höchsten Düngemittelpreise zahlen. Globale Störungen machen sie daher besonders anfällig für Preisschwankungen.
Gibt es Beispiele aus deiner Arbeit in Ostafrika, wie sich die Abhängigkeit von teuren landwirtschaftlichen Betriebsmitteln reduzieren lässt?
Ökologische Anbaumethoden, die auf vielfältigen Anbausystemen beruhen, auf stickstoffbindende Pflanzen wie Leguminosen (zB Bohnen oder Erbsen) setzen oder Kompost nutzen, zielen darauf ab, die Abhängigkeit von importierten Hilfsmitteln – etwa synthetischen Düngern – so weit wie möglich zu verringern.
Reicht dieser Ansatz?
Das ist ein wichtiger Baustein, aber sicher nicht der einzige. Auch die Politik spielt eine zentrale Rolle, damit solche Ansätze breiter angewendet werden können. Dazu gehören zum Beispiel dezentrale Netzwerke für landwirtschaftliche Weiterbildung, gut ausgestattete Beratungsdienste für agrarökologische Methoden oder eine Umverteilung von Subventionen – weg von synthetischen Düngemitteln, hin zu organischen und biologischen Alternativen. Gleichzeitig braucht der Wiederaufbau der Bodenfruchtbarkeit Zeit. Instrumente wie Versicherungen oder Modelle zur Risikoteilung können Landwirte in dieser Übergangsphase unterstützen.
Oft wird der Ausbau eines Sektors für organische Dünger als Lösung genannt. Wie schätzt du dieses Potenzial ein?
Dieser Sektor befindet sich vielerorts noch im Aufbau und kann derzeit noch nicht ausreichend Mengen liefern. Umso wichtiger ist, dass Anreize so gestaltet werden, dass die Produktion organischer Dünger lokale Wirtschaftskreisläufe stärkt, lokales Unternehmertum fördert, faire Preise ermöglicht und Landwirtinnen und Landwirten mehr Autonomie verschafft.
Biovision hat dazu Empfehlungen formuliert, unter anderem zum Aufbau eines Sektors für Biopestizide. Entscheidend ist, dass dies nach agrarökologischen Prinzipien geschieht – also beispielsweise unter Einbezug der Landwirtinnen und Landwirte –, damit keine neuen Abhängigkeiten entstehen.
Welche Rolle kann Agrarökologie spielen, um die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegenüber globalen Krisen zu machen?
Agrarökologie kann eine strategische Rolle spielen, weil sie strukturelle Abhängigkeiten von externen, fossilbasierten Hilfsmitteln reduziert und gleichzeitig die Fähigkeit von Landwirtinnen und Landwirten stärkt, mit Krisen umzugehen. Ein zentraler Bestandteil dafür ist die Diversifizierung von Ackerbau und Tierhaltung.
Weshalb ist Vielfalt auf dem Feld so wichtig?
Wenn Bauernfamilien verschiedene Kulturen anbauen, können sie Risiken besser abfedern – etwa wenn Schädlinge oder Wetterextreme eine Kultur besonders treffen. Gleichzeitig tragen vielfältige Fruchtfolgen dazu bei, Böden langfristig gesund zu halten. Agrarökologie setzt ausserdem stärker auf lokal verfügbare Ressourcen, von Landwirtinnen und Landwirten verwaltetes Saatgut sowie gemeinschaftlich geteiltes Wissen und Praktiken. Das stärkt die Autonomie vor Ort und verringert die Abhängigkeit von externen Hilfsmitteln. So können bäuerliche Gemeinschaften mehr Kontrolle über ihre Produktionssysteme behalten und widerstandsfähige lokale Ernährungssysteme aufbauen.
Was müsste sich ändern, damit globale Ernährungssysteme weniger anfällig für geopolitische Krisen werden?
Die Preisexplosionen bei Lebensmitteln und Düngemitteln nach dem russischen Angriff auf die Ukraine haben gezeigt, wie verletzlich globale Ernährungssysteme sind, insbesondere, wenn Lieferketten stark konzentriert sind und von geopolitischen Konflikten oder Energiepreisschwankungen abhängen. Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten ist hier nur das neueste Beispiel in einer ganzen Reihe. Agrarökologische Ansätze und lokal entwickelte Lösungen, die stärker auf natürliche Ressourcen und Prozesse setzen, können diese Risiken deutlich reduzieren. Diese Erfahrungen sollten wir endlich nutzen, statt erst bei der nächsten Krise zu reagieren.
Ein langfristiges Ziel für mehr Unabhängigkeit
Seit über 25 Jahren unterstützt Biovision lokale Partner dabei, Wissen weiterzugeben, lokales Saatgut zu fördern und den Einsatz natürlicher Dünger zu ermöglichen. So können Familien ihre Ernten aus eigener Kraft sichern – unabhängig von globalen Preisschocks.