Wenn die Erde in seiner Hand zerbröckelt und zu Boden rieselt, dann ist Jorge Vásquez zufrieden. «Solange der Boden zu nass ist, kann ich ihn nicht bearbeiten, sonst verdichte ich ihn. Und das haben die Lupinen nicht gerne.»
Vásquez betreibt mit seiner Frau Beatrice Peter den Grüthof in Wildensbuch im Zürcher Weinland. Anfang März hatte er mit der Bodenbearbeitung begonnen:
Nachdem es drei Wochen nicht geregnet hatte und der Boden trocken genug war, bestellte er ihn mit seinem Pflug. Vier Tage später lockerte er ihn mit den Zinken seiner Egge. Nun, bevor der nächste Regen kommt, steht die Aussaat an:
blaue, schmalblättrige Lupinen auf rund einer Hektare Fläche.
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Zwei Methoden für dasselbe Feld
In einem grossen Bottich mischt er für eine bessere Keimung Lupinen-Körner der letztjährigen Ernte zusammen mit Bakterien, Schwefelkörnern und Leindotter- Samen: «Es ist ein bisschen wie Suppe kochen», lacht Vásquez. Die Mischung bringt er mit der Sämaschine aus, zudem bläst er zusätzlich Leindottersamen miteiner Maschine und ordentlich Luftdruck auf dasselbe Feld. Er setzt bewusst auf zwei unterschiedliche Methoden: Manchmal wächst der Leindotter aus der Reihensaat schneller, manchmal jener, der oberflächlich darüber gestreut wurde. Weil er flächiger wächst als die Lupine und so der unerwünschten Konkurrenz das nötige Sonnenlicht nimmt, ist er Vásquez‘ Verbündeter bei der Unkrautbekämpfung: «Letzteres kommt sowieso. Aber dank dem Leindotter bleibt es überschaubar.» Je besser dieser gedeiht, desto weniger Platz bleibt für das Unkraut.
Beatrice Peter und Jorge Vásquez haben den Grüthof vor 20 Jahren übernommen.
Zur Landwirtschaft sind beide über Umwege gekommen: Der gebürtige Peruaner hatte in Deutschland Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Umweltökonomie studiert, sie
Biologie. Ihr Wissen im Umgang mit der Lupine haben sie sich über all die Jahre
weitgehend selber angeeignet.



Für die Fruchtfolge ist die Lupine entscheidend
Der Grüthof gehört zu den «Leuchttürmen», wie Biovision erfolgreiche Praxisbeispiele der Agrarökologie bezeichnet. Er setzt auf Biolandbau und auf eine mehr als achtjährige Fruchtfolge. Diese beginnt mit zwei Jahren Wiese, die dem Boden Zeit zur Regeneration gibt. Es folgen Weizen, Karotten, Lupinen, Randen, Polentamais und Dinkel, wobei sich die Abfolge ändern kann. Hülsenfrüchte wie die Lupine spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie binden Stickstoff aus der Luft, fördern das Bodenleben und verbessern die Bodenstruktur. Dies ist denn auch einer der Gründe, weshalb Biovision die Lupine zum Superfood des Jahres 2026 gekürt hat.
Zu den 11 Hektaren eigener Fläche bewirtschaften Beatrice Peter und Jorge Vásquez noch 10 Hektaren Pachtland. Der Natur räumen die beiden grosszügig Platz ein. Auf dem Hof gibt es doppelt so viel Biodiversitätsförderfläche wie gefordert, zahlreiche Hecken, Haufen aus Ästen oder Steinen sowie andere Kleinstrukturen, die Lebensraum und Nahrung für Kleintiere bieten. Auf exponierten Feldern versucht das Paar mit Streifen quer zum Gefälle das Wasser zurückzuhalten und so der Erosion entgegenzuwirken. Und etliche Arbeiten müssen von Hand ausgeführt werden. So erstaunt nicht, dass auf dem Grüthof seltene Arten anzutreffen sind: Witwenund
Flockenblumen gedeihen, Goldammern und sogar Neuntöter nisten sowie Wiesel
und Igel fühlen sich wohl. Und der Leindotter, der im Lupinenfeld wächst, bietet Nahrung für die sehr seltene Schwarzblaue Sandbiene.



Mit Vielfalt gegen die Risiken
Trotz der starken Ausrichtung auf Biodiversität bleibt die Produktion zentral. Um sich
gegen die Risiken in der Landwirtschaft abzusichern, haben Beatrice Peter und
Jorge Vásquez den Betrieb breit diversifiziert: Sie bauen Gemüse, Süsskartoffeln
und Hülsenfrüchte an, hier gedeihen 75 Hochstammbäume und leben zahlreiche Hühner sowie 20 Engadiner Bergschafe. Die Tiere sind in das System integriert.
Sie ergänzen die pflanzliche Produktion sinnvoll und tragen dazu bei, die Kreisläufe
der Nährstoffe zu schliessen.
Diese Vielfalt ist kein romantisches Ideal, sondern das agrarökologische Fundament ihres Betriebs. Sie fördert die Biodiversität, stabilisiert Erträge und macht den Hof allgemein widerstandsfähiger. Beatrice Peter und Jorge Vásquez versuchen möglichst viele Schritte entlang der Wertschöpfungskette selber zu übernehmen und direkt zu vermarkten. Auf ihrem Online-Shop kann man nebst Gemüse auch Suppenhühner, Lupinenkaffee und Most bestellen. Stolz sind sie auch auf «Randy», einen Saft aus Randen, die zu gross für den Verkauf sind. Was andernorts als Ausschuss gilt, verwerten sie zu einem eigenständigen Produkt – ein Beispiel für ihr ressourceneffizientes Denken.
In fünf Tagen wird Jorge Vásquez wieder auf sein Lupinen-Feld zurückkehren.
Denn das Superfood des Jahres benötigt Unterhalt. Worauf es in den kommenden Monaten bei der Pflege, Ernte und Verarbeitung der Lupine ankommt, erfahren
Sie in den nächsten Folgen unserer kleinen Serie über den Anbau der Lupine.
Sehen Sie im Video, wie Jorge Vásquez die Lupinen auf dem Grüthof aussät