Durch gute und schlechte Ernten

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella

Der Bio‑Importeur Terra Verde feiert dieses Jahr sein 30‑jähriges Bestehen. Martin Schiller führt das Unternehmen mit dem Anspruch, ökologische und soziale Verantwortung zu verbinden. Und tritt dabei in die Fussstapfen einer Persönlichkeit, die auch für die Geschichte von Biovision prägend war.

Als im Corona-Lockdown eine Zürcher Gärtnerei kurz davor stand, tausende Setzlinge wegzuwerfen, sah Martin Schiller sich gezwungen zu handeln. Gemeinsam mit dem Bioladen Altstetten und 15 Freiwilligen wurden die Pflänzchen gerettet und per Lastenvelo in der ganzen Stadt verteilt. «Wir wurden überrannt mit Anfragen», erzählt der 39-jährige Schiller. «So lernte ich den Terra-Verde-Gründer und damaligen CEO Jürg Weber kennen, der auch ein Mitgründer von Biovision ist. Er fand unsere Aktion damals irgendwie sympathisch.» Kurz darauf besuchte Martin Schiller privat eine Kooperative in Italien. Dort erfuhr er, dass zu deren Mitgliedern auch Terra Verde gehört. Wieder kam er mit Weber ins Gespräch, «diesmal fragte er mich, ob ich sein Nachfolger werden wolle», erklärt Schiller. «Ich war begeistert und nahm das Angebot voller Freude an. Als Italo-Schweizer wurde mir das Interesse an gutem, selbstgemachtem Essen ja quasi in die Wiege gelegt», sagt er lachend. «Viva la Nonna!»

«Wir setzen auf langfristige und faire Partnerschaften.» Terra‑Verde‑CEO Martin Schiller auf einem Tomatenfeld in Süditalien.

Per Zufall im Traumjob

Schiller ist in Zürich aufgewachsen und bringt einen Hintergrund in Wirtschafts- und Umweltingenieurwissenschaften mit Vertiefung Biologische Landwirtschaft mit. Auch soziale und nachhaltige Themen begleiteten ihn schon früh: unter anderem die Arbeit für NGOs und Stiftungen während des Studiums und die Mitgründung des
Vereins Grassrooted gegen Food Waste. «Dass ich 2021 eher zufällig bei Terra Verde
gelandet bin und hier all das vereinen kann – Landwirtschaft, soziale Lieferketten,
Bio, Italien – ist ein riesiges Glück.»

Doch Schiller romantisiert nichts. Er kennt die Herausforderungen im Bio-Landbau: «Wenn wir mit unseren Partnerinnen und Partnern sprechen, ist das beunruhigend. Dürre, Starkregen, Stürme, Überschwemmungen.» Dazu komme Konkurrenz durch grosse Anbieter, die viel versprechen, aber meistens vor allem an den eigenen Profit denken. «Gerade deshalb ist die Verbindung von ökologischer und sozialer Verantwortung nicht verhandelbar», erklärt er. Mit den meisten Bäuerinnen und Bauern arbeitet Terra Verde seit knapp 30 Jahren zusammen; unterstützt sie auch in herausfordernden Jahren. «Die Menschen müssen sich verstanden fühlen. Zum Beispiel kaufen wir Olivenöl immer für das ganze Jahr ein und finanzieren die Ernte vor, weil sie so kostenintensiv ist. Wir tragen also einen Teil des Risikos mit.»

In guten wie in schlechten Ernten zusammenzuarbeiten sei für die Bäuerinnen und Bauern enorm wichtig. «Wenn der Abnehmer jedes Jahr bei jemand anderem kauft, dann geht es für die Bauernfamilien schnell ans Existenzielle. Deshalb setzen wir auf langfristige Partnerschaften. Das zeichnet uns aus und diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen.»

Mehr Wertschätzung für Ernährung

Für Schiller kommt kein anderer Weg infrage. «Meine Kinder sollen sehen, dass ich meinen kleinen Teil beitrage. Ich will auch in 50 Jahren noch in den Spiegel schauen können.» Für die Bäuerinnen und Bauern wünscht er sich mehr Wertschätzung.
«Es ist nicht selbstverständlich, dass wir immer so viel auf dem Teller haben.
Ich lade alle ein, mal einen Tag auf dem Feld zu arbeiten. Da ist nicht viel Romantik.
Es ist knallhart. Auch wenn die Werbung Landwirtschaft gerne als heile Welt mit glücklichen Hühnern zeigt.»

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