Das Projekt «Grüthof» im Kurzporträt
Seit rund 20 Jahren bewirtschaften Beatrice Peter und Jorge Vásquez ihren Grüthof in Wildensbuch ZH nach biologischen Richtlinien. Der Hof umfasst 11 Hektaren Eigenland sowie weitere 10 Hektaren Pachtfläche. Charakteristisch für den Betrieb ist seine grosse Vielfalt: Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Hühner und rund 20 Engadiner Bergschafe sind Teil eines breit abgestützten Betriebssystems. Diese Vielfalt bildet das agrarökologische Fundament des Hofs. Sie dient der Förderung der Biodiversität, dem Aufbau fruchtbarer Böden und der Stabilisierung der Produktion unter sich verändernden Klimabedingungen.
Vielfalt als bewusstes Gestaltungskonzept
Der Grüthof liegt in Wildensbuch im Zürcher Weinland, eingebettet zwischen Ackerflächen, Wiesen und Wäldern. Schon auf den ersten Blick wird klar, dass dieser Betrieb nicht auf eine einzige Produktionsrichtung ausgerichtet ist: Unterschiedliche Kulturen, Strukturen und Nutzungen prägen das Bild. Vielfalt ist hier das Ergebnis bewusster Entscheidungen darüber, wie Landwirtschaft in ein bestehendes Ökosystem eingebettet wird.
Ein zentrales Element ist der Obstgarten mit seinen 75 Hochstammbäumen. Die alten Bäume mit ihren ausladenden Kronen bieten Lebensraum für Vögel und Insekten. Zwischen ihnen haben Beatrice Peter und Jorge Vásquez junge Hochstämme mit alten Mostobst-Sorten nachgepflanzt und so den Fortbestand des Obstgartens langfristig gesichert. Dieser steht dabei nicht isoliert, sondern ist Teil einer Landschaft aus Ackerflächen, Wiesen und Hecken. Diese Durchmischung schafft funktionelle Biodiversität (Prinzip 5 in der unteren Grafik) und fördert natürliche Regulierungsmechanismen.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Grüthof im Internet
Auch im Ackerbau denken die beiden in langen Zeiträumen. Ihre achtjährige Fruchtfolge beginnt mit zwei Jahren Wiese, die dem Boden Zeit zur Regeneration gibt. Es folgen Weizen, Karotten, Lupinen, Randen, Polentamais und Dinkel, wobei die Abfolge ändern kann. Hülsenfrüchte spielen eine Schlüsselrolle, da sie Stickstoff aus der Luft binden, das Bodenleben fördern und die Bodenstruktur verbessern. Lebendige, gut strukturierte Böden können Wasser besser speichern, sind weniger erosionsanfällig und erhöhen die Resilienz des gesamten Systems (Prinzipien 3-7).
Der Natur wird auf dem Grüthof bewusst viel Raum eingeräumt. Die Ökoflächen übertreffen die gesetzlichen Vorgaben deutlich. Hecken, Ast und Steinhaufen bieten Rückzugsorte für zahlreiche Arten. Entsprechend vielfältig ist die Tier- und Pflanzenwelt: Witwen und Flockenblumen wachsen auf den Flächen, Goldammern und Neuntöter finden Brutplätze, Wiesel und Igel fühlen sich wohl. Besonders bemerkenswert ist der Leindotter im Lupinenfeld, welcher der sehr seltenen schwarzblauen Sandbiene als Nahrungsquelle dient.
Möglichst viel selber verarbeiten
Trotz der starken Ausrichtung auf Biodiversität bleibt die Produktion zentral. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, haben Beatrice Peter und Jorge Vásquez den Betrieb breit diversifiziert. Neben Gemüse und Hülsenfrüchten produzieren sie Most sowie «Randy», einen Saft aus Randen, die zu gross für den Verkauf sind. Was andernorts als Ausschuss gilt, wird hier bewusst weiterverarbeitet. Die Tiere auf dem Hof ergänzen die pflanzliche Produktion sinnvoll und tragen zur Schliessung von Nährstoffkreisläufen bei.
Beide Betriebsleitenden sind über Umwege zur Landwirtschaft gekommen. Beatrice Peter studierte Biologie, Jorge Vásquez Volkswirtschaft. Dieses Wissen prägt den Hof ebenso wie die Offenheit, Neues auszuprobieren. Viele Verarbeitungsschritte erfolgen direkt auf dem Hof oder in unmittelbarer Nähe. Mais und Lupinen werden bei einem Nachbarn gereinigt, danach auf dem Grüthof sortiert und abgepackt. Der Direktverkauf umfasst unter anderem schwarze Bohnen, Popcorn-Mais, Erbsen, Linsen, Süsskartoffeln, Suppenhühner und Lammfleisch (Prinzip 7).
Der Grüthof versteht sich als lernendes System: Beobachten, anpassen und weiterentwickeln gehören zum Alltag. «Die Freude am Experimentieren darf man nie verlieren», sagt Jorge Vásquez. «Man hat nie ausgelernt, und die Natur bietet eine unendliche Vielzahl an Möglichkeiten, neue Wege in der Landwirtschaft zu gehen. Das bringt Lebensfreude.» Diese Haltung ist ein Kern der Agrarökologie, die Landwirtschaft als dynamischen Prozess begreift, der auf Wissen, Erfahrung und den Dialog mit der Natur baut.
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
- Der Grüthof überzeugt durch seine konsequent umgesetzte Vielfalt auf allen Ebenen. Die Kombination aus Ackerbau, Obstbau und Tierhaltung schafft Synergien und stärkt die Resilienz des Betriebs. Langjährige Fruchtfolgen, ein hoher Anteil an Hülsenfrüchten und grosszügige Ökoflächen fördern Bodengesundheit (Prinzip 3) und Biodiversität (Prinzip 5) zugleich.
- Die bewusste Integration von Verarbeitung und Direktvermarktung erhöht die Wertschöpfung (Prinzip 7) auf dem Hof und reduziert Verluste.
- Der Grüthof setzt agrarökologische Prinzipien wie Vielfalt, Kreislaufdenken und Lernen eindrücklich in der Praxis um.
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Die Vielfalt, die den Grüthof stark macht, bringt auch Herausforderungen mit sich. Die Bewirtschaftung zahlreicher Kulturen, Strukturen und Betriebszweige erfordert viel Koordination, Handarbeit, Beobachtung und vor allem viel Wissen. Erträge können schwanken, insbesondere bei Kulturen, die stark von Witterung und Standort abhängen. Auch die Verarbeitung und Direktvermarktung verlangen Zeit und verursachen viel organisatorischen Aufwand. Gleichzeitig braucht ein lernendes System Offenheit für Unsicherheit und die Bereitschaft, die Vorgehensweise immer wieder anzupassen. Der Grüthof zeigt jedoch, dass diese Herausforderungen tragbar sind, wenn Wissen, Erfahrung und Experimentierfreude zusammenkommen.