Das Wir gewinnt

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella (Text)Maria Thundu und Kondwani Jere (Bilder) 

Intensiver Tabakanbau war im Norden Malawis lange eine der wenigen Möglichkeiten, um zu Geld zu kommen. Monica Ngoma geht gemeinsam mit ihrem Mann und anderen jungen Bäuerinnen und Bauern einen neuen Weg: Zusammenarbeit, agrarökologische Methoden und lokale Wertschöpfung statt Abhängigkeit von Chemie, Tabak und der Willkür des Weltmarkts.

Es ist früh am Morgen und noch liegt kühle Dämmerung über den Feldern im Dorf Edundu im Norden Malawis. In den Gemüsebeeten hat die Arbeit bereits begonnen. Zwei junge Bauern jäten Unkraut, andere tragen Wasser und giessen die Pflanzen. Immer wieder beugt sich jemand über die Stauden, zeigt den anderen etwas und murmelt die nächsten Schritte.

Inmitten der Gruppe arbeitet die 23-jährige Monica Ngoma. Behutsam zieht die junge Bäuerin die grünen Tomatenzweige nach oben und streicht sie hinter den Pfahl, der fest im rotbraunen Boden steckt. «Mehr Halt für die jungen Pflanzen», erklärt sie. Neben den erst kniehohen Tomatenstauden wachsen Erdnüsse, Mais und Maniok; je nach Saison kommen noch Chili oder Bohnen dazu.

Monica Ngoma auf dem Feld der Jugendgruppe. Die jungen Maispflanzen sind noch klein, doch schon bald werden sie zu wichtigen Zusatzeinnahmen.

«Wir haben uns bewusst gegen Tabak entschieden», sagt Ngoma. Und dies, obwohl dessen Anbau in der Region lange als wirtschaftlich alternativlos galt. Für viele hier war es die einzige Möglichkeit, um überhaupt etwas Geld zu verdienen. Doch die Tabakpreise auf dem Weltmarkt schwanken stark und die Folgen davon müssen vor allem die Bauernfamilien tragen.  

Gleichzeitig erschöpft der intensive Anbau die Böden und macht die Bauernfamilien abhängig von teuren Betriebsmitteln wie synthetischem Dünger oder Pestiziden. «Die Chemikalien wollen wir nicht. Wir haben gelernt, dass wir in der Landwirtschaft auch anders Erfolg haben können», sagt Ngoma entschlossen. 

Mit «wir» meint sie die Gruppe beherzter Jungbäuerinnen und -bauern, die das Stück Land gemeinsam bestellen. Viele von ihnen wirtschafteten zuvor für sich allein: kleine Parzellen, unsichere Ernten und ein schwankendes Einkommen, das selten für mehr als den nächsten Einkauf reichte. Viele junge Menschen zog es in die Städte, weil sie hier keine Perspektive sahen. 

Unsere Partnerorganisation Soils, Food and Health Communities (SFHC) will das ändernIn der Region bietet sie mit der Unterstützung von Biovision seit Jahren Schulungen zu agrarökologischer Landwirtschaft an. Auch Mitglieder der heutigen Jugendgruppe nahmen an einem solchem Kurs teil. Sie lernten, Gemüse vielfältiger anzubauen, synthetische Dünger durch Kompost zu ersetzen und dass Landwirtschaft mehr sein kann als reine Selbstversorgung. Einige der jüngeren Teilnehmenden beschlossen, nach der Schulung gemeinsam als Gruppe weiterzuarbeiten.  

Zusammen lernen, zusammen ernten 

Unsere Partnerorganisation Soils, Food and Health Communities (SFHC) will das ändern: In der Region bietet sie mit der Unterstützung von Biovision seit Jahren Schulungen zu agrarökologischer Landwirtschaft an. Auch Mitglieder der heutigen Jugendgruppe nahmen an einem solchem Kurs teil. Sie lernten, Gemüse vielfältiger anzubauen, synthetische Dünger durch Kompost zu ersetzen und dass Landwirtschaft mehr sein kann als reine Selbstversorgung. Einige der jüngeren Teilnehmenden beschlossen, nach der Schulung gemeinsam als Gruppe weiterzuarbeiten.

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Das Land dafür stammte aus unterschiedlichen Quellen: kleine, geerbte Parzellen, die allein kaum Ertrag abwarfen, oder Flächen, die sie zusammen pachteten. Je mehr Mitglieder dazukamen, desto mehr Land konnten sie bewirtschaften. So entstanden Schritt für Schritt gemeinsame Anbauflächen. «Als ich nach meiner Heirat hierhergezogen bin, habe ich gesehen, wie die Gruppe auf dem Feld gearbeitet hat», erzählt Ngoma. «Das hat mich fasziniert. Anfangs habe ich nur beobachtet. Irgendwann habe ich einfach angefangen, mitzuarbeiten.»

Monica Ngoma auf dem Weg zur gemeinsamen Anbaufläche der Jugendgruppe.

Mehrmals wöchentlich treffen sich die 14 Mitglieder, um anzupacken und die anstehenden Arbeiten auf dem Feld oder die nächsten Schritte beim Verkauf zu planen. Wer übernimmt welche Aufgabe? Was wird zuerst verkauft, was zurückgelegt? Welche Investitionen will man tätigen? «Es war komplett neu für mich, dass man Dinge als Kollektiv bestimmt», beschreibt Ngoma ihre Erfahrungen. Grössere Meinungsverschiedenheiten gibt es in der Gruppe laut Ngoma kaum: «Wir haben Grundsätze, an die sich alle halten. So verteilen wir auch die Aufgaben unter uns. Egal ob Pflanzensetzen, Jäten, Giessen oder Ernten.»

Neue Märkte wachsen 

Die Früchte dieser Zusammenarbeit landen dabei längst nicht mehr nur auf den Tellern der beteiligten Familien. Einen Teil der Ernte legen diese gezielt für den Verkauf zurück. Zunächst belieferten sie Nachbarinnen und Nachbarn, inzwischen verkaufen sie ihre Produkte regelmässig auf mehreren im Rahmen des Projekts aufgebauten Märkten in der Region.

Neu ist dabei auch die Weiterverarbeitung: Mais oder Soja werden zu Mehl gemahlen und aus Erdnüssen Erdnussbutter hergestellt. Dabei kommen zunehmend einfache Maschinen zum Einsatz, die von Biovision und ihren Partnern zur Verfügung gestellt werden. Sie erleichtern die Arbeit und geben den Endprodukten mehr Qualität und einen höheren Wert.

Mit einer von Biovision und unseren Partnern bereitgestellten Maschine verarbeitet die Gruppe Erdnüsse zu Erdnussbutter – ein Schritt zu höherer lokaler Wertschöpfung.

Viele Mitglieder der Gruppe erzielen heute zwar kleine, dafür aber regelmässige Einnahmen. Und das unabhängig von Tabak. Gemeinsam. Mit agrarökologischen und schonenden Methoden. Schritt für Schritt entsteht so eine lokale Wertschöpfungskette, die es in dieser Form hier zuvor nicht gab.

Partner auf dem Feld und daheim

«Die Anbaumethoden funktionieren so gut, dass auch ältere Dorfbewohner einzelne Komponenten wie natürlichen Dünger oder Mischkulturen von den Jüngeren übernehmen», erzählt Khwima Nyasulu, Ehemann von Monica Ngoma und Vater des gemeinsamen Sohnes. Auch er ist mittlerweile Mitglied der Jugendgruppe. «Früher dachten wir, dass ohne teuren Kunstdünger nichts wächst. Heute beweisen wir das Gegenteil. Das Wissen, wie es auch anders geht, ist der Gamechanger.»

Nicht nur beim Gemüseanbau, auch zu Hause teilen sich die jungen Eltern die Arbeit. Während sich einer von beiden um das Baby kümmere, übernehme der andere das Kochen und Waschen oder beginne etwas früher auf dem Feld. «Wir sprechen ab, wer was schafft», erklärt der 28-Jährige: «Egal ob Feldarbeit oder Haushalt, wir teilen uns alles. Anders geht es nicht.»

«Egal ob Feldarbeit oder Haushalt. Wir teilen uns alles», sagt Khwima Nyasulu, Ehemann von Monica Ngoma. Im Arm hält er den gemeinsamen Sohn Future.

Mit den neuen Einnahmen aus dem Anbau können die beiden besser planen und auch was sparen. «Das hilft enorm», erzählt Nyasulu: «Früher hätte ich nicht gewusst, wie wir das Schulgeld eines Tages zahlen sollen. Heute fühlen wir uns sicherer und gewappnet für das, was kommt.»

So geht es vielen Mitgliedern der Gruppe. Das gemeinsame Planen schafft Verlässlichkeit. Die Mitglieder stärken sich gegenseitig, mittlerweile auch mit einer eigenen Spargruppe: Regelmässig werden kleine Beträge zur Seite gelegt.

Mehr Wissen, mehr Zukunft

Geht es nach den beiden Eltern, dann ist dies erst der Anfang. Sie wollen weiter und mehr. In der Gruppe sprechen sie darüber, gemeinsam eine eigene Mühle anzuschaffen, um Mais und Soja selbst zu verarbeiten. Vielleicht auch eines Tages ein grösseres Stück Land zu bewirtschaften. Es sind erste Überlegungen, keine Pläne, leise Möglichkeiten. Was vor wenigen Jahren kaum denkbar war – stabile Ernten, etwas Geld zur Seite legen, voneinander lernen, die Gruppe als Sicherheit – ist heute für die Gruppe Alltag.

Monica Ngoma und ihr Ehemann blicken zuversichtlicher in die Zukunft. Obst und Gemüse von ihrem Feld werden zu Hause gekocht, Überschüsse auf lokalen Märkten verkauft. Das schafft Sicherheit.

«Wir packen gemeinsam an», sagt Monica Ngoma: «Und genau dadurch kommen wir so gut voran.» Das Wissen, das sie sich gemeinsam erarbeitet haben, geben sie weiter: an andere Jugendliche, an Nachbarinnen und Nachbarn. Von Feld zu Feld verbreiten sich agrarökologische Methoden. Und mit jeder Saison wächst nicht nur die Ernte auf den Äckern, sondern auch die Zuversicht, dass Landwirtschaft hier wieder eine Zukunft hat.

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