Ein Gross-Event nachhaltig organisieren! Geht das?

Von

Margarete Sotier, Biovision

Das Bundeslager (BuLa) war mit rund 30‘000 Pfadfinder:innen das bisher grösste Lager der Schweiz. Dagmar Püntener, Pfadi-Name Chaja, leitete mit 5 Mitarbeitenden drei Jahre lang den Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit. Ein Gespräch über Sonnencreme, Margen auf Bio-Lebensmitteln und die Grenzen, ein Gross-Event wirklich nachhaltig zur organisieren.

Das grösste Lager in der Geschichte der Schweiz nachhaltig umzusetzen, ist eine Riesenaufgabe – wie seid ihr sie angegangen?

Unser Grundsatz war es, die negativen Spuren zu reduzieren und positive zu schaffen. Denn ein wichtiges Pfadi-Gesetz lautet, Sorge zur Natur und allem Leben zu tragen. Wenn sich 30‘000 Kinder und Jugendliche auf einem Lagerplatz aufhalten, wird der Boden nach der Abreise nicht mehr grün sein. Aber wir können auch positive Spuren hinterlassen: Durch die Workshops nehmen die Pfadfinder:innen Wissen mit nach Hause. Und sie bauen Kompetenzen auf, etwa indem sie gemeinsam Lösungen für Probleme erarbeiten und Verantwortung übernehmen. Das sind wichtige Kompetenzen, um zusammen eine nachhaltige Zukunft zu gestalten.

Was waren die Herausforderungen bei der Umsetzung?

Eine der schwierigsten Aufgaben war es, die Nachhaltigkeitsempfehlungen an die Leiter:innen weiterzugeben, da sie täglich viele Informationen bekommen haben. Dabei haben wir auf integrierte Kommunikation gesetzt und ein Symbol entworfen, das wir schon vor dem Lager in der Kommunikation eingesetzt haben: eine Giesskanne, die auf Tipps zum Umweltschutz im Lager hinweist. Mit Hilfe des Symbols haben wir auf der Webseite zu jedem Thema direkt die Nachhaltigkeitstipps integriert. Zum Beispiel bei „Wie mache ich meine Bauten?“, dass man möglichst wenig Nägel und Schrauben verwendet. Wir haben zudem viele Hinweis-Schilder auf dem Lagerplatz angebracht, etwa dass man vor dem Baden im See duschen soll, oder das Wasser während dem Zähne putzen abstellen soll.

Dagmar Püntener, Co-Bereichsleiterin Umwelt und Nachhaltigkeit auf dem Lagerplatz des BuLa im Obergoms
Dagmar Püntener, Co-Leiterin des BuLa-Umwelt-Teams

Das Thema Nachhaltigkeit prägt die studierte Human-Geologin schon ihr ganzes Leben. Das haben ihr bereits die Eltern mitgegeben. Sie selbst engagiert sich, indem sie sich vegetarisch ernährt. Sie fliegt nicht, fährt kein Auto und geht abstimmen. Seit drei Jahren leitet sie zusammen mit Mischa Kaspar, alias Monti, im Bundeslager den Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit.

Gab es überraschende Erkenntnisse für dich?

Es gab einen Aspekt, den ich vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Sonnencreme und der Geschinersee. Hier hat sich eine interessante Zusammenarbeit mit der EAWAG und dem Ökotox-Zentrum ergeben. Sie machen eine Pilotstudie, wie sich das Baden der Kinder im Geschinersee über die zwei Wochen auf die Wasserqualität und die Flora und Fauna im See auswirkt.

Wir haben den Pfadfinder:innen vermittelt, dass es wichtig ist, sich mindestens eine halbe Stunde vor dem Baden einzucremen und sich vorher kurz abzuduschen. So wäscht man die Sonnencreme-Rückstände ab, die auf der Hautoberfläche bleiben, und sie landen nicht im See. Ausserdem haben wir empfohlen, lieber noch ein zusätzliches T-Shirt oder eine Hose anzuziehen, statt mehr Sonnencreme zu verwenden. Das Gebiet um den See ist Naturschutzgebiet. Deshalb ist auch genau vorgegeben, wie viele Personen pro Tag in den See dürfen.

Alleine für das Frühstück für 30‘000 Pfadis wurden täglich rund drei Tonnen Brot geliefert. Worauf habt Ihr beim Thema Einkauf und Verpflegung geachtet?

Wir haben uns in puncto Verpflegung besonders auf den Aspekt „weniger Fleisch“ konzentriert, weil das einen grossen Impact hat. In der Planung des BuLa haben wir entschieden, eine Auswahl von jeweils zwei Menüs vorzugeben für das Mittag- und Abendessen. Jedes Menü in der Standard-Variante war vegetarisch, Fleisch musste extra bestellt werden. Uns war wichtig, Fleisch nicht zu verbieten, damit keine Gegenbewegung entsteht, die sagt: „Nie mehr so wenig Fleisch wie im BuLa!“

Bei drei Tonnen Brot täglich bleibt sicher auch mal was liegen. Was habt ihr gegen Food Waste unternommen?

Bei der Verpflegung der Helfer:innen, der sogenannten Rover, gab es immer ein Restebüffet. Die Bilanz des Leiters der Rover-Küche nach der ersten Woche war: Es sind kaum Essensabfälle angefallen.

War die Verpflegung mit Bio-Lebensmitteln keine Option?

Leider nein. Wir haben insbesondere beim Fleisch geprüft, ob wir es in Bioqualität anbieten können, aber Bio-Fleisch wäre teilweise drei bis vier Mal so teuer gewesen. Da der Lagerbeitrag für das BuLa sowieso deutlich höher ist als für ein normales Sommerlager, mussten wir darauf verzichten. Es gab aber Pfadi-Gruppen im BuLa, die sehr gut gehaushaltet und deshalb noch Budget übrig hatten – weil sie sparsam waren, wenig Food Waste hatten, viel vegetarisch gekocht oder wenig zusätzliche Produkte gekauft hatten. Wir hätten uns gewünscht, diesen Gruppen Bio-Lebensmittel anbieten zu können, aber hier wäre die Logistik zu aufwendig gewesen und hätte deutlich höhere Kosten und Wartezeiten verursacht. Eine der wenigen erfreulichen Ausnahmen war der Kaffee. Der war sowohl aus biologischem Anbau als auch fairtrade – und sogar der günstigste! Bei den importierten Produkten haben wir wenn möglich solche mit Fairtrade-Label genommen.

Gab es noch andere Aspekte, die euch bei der Verpflegung wichtig waren?

Wir hätten gerne stärker auf Saisonalität und Regionalität gesetzt. Wir hätten auch sehr gerne Beeren angeboten, aber die müssen gut verpackt und gekühlt werden, weil sie schnell verderben. Oder Walliser Aprikosen, die wir bereits im März hätten vorbestellen müssen. Die Produzentinnen konnten uns jedoch nicht zusichern, dass sie uns beliefern können. Nun haben wir auf Äpfel zurückgegriffen, auch wenn sie leider keine Saison haben.

In manchen Bereichen waren wir aber auf einem hohen Niveau unterwegs. So wurde im Helfer:innen-Zelt und in den Lagern nur Mehrweg-Geschirr verwendet. Alle Pfadfinder:innen hatten ihre eigenen Becher oder Flaschen, die sie an vielen Getränkestationen auffüllen konnten. Wenn Gäste zu Besuch waren, war das manchmal eine Herausforderung, da man erstmal einen Becher organisieren musste (lacht).

Gibt es weitere Erfolge?

Wir hatten beim Aufbau Unterstützung vom Zivilschutz. Sie haben für den Einsatz am BuLa wiederverwendbare Flaschen eingeführt. Normalerweise werden einfach ein paar Paletten PET-Flaschen bereitgestellt. Ich hoffe darauf, dass sie den Einsatz von wiederverwendbaren Flaschen intern weiterführen. Als wir die Zahlen der Bestellungen für die Gruppen gesehen haben, hat uns sehr gefreut, dass viel mehr vegetarische Gerichte konsumiert wurden als solche mit Fleisch.

Was waren Rückschläge und Hindernisse bei der Umsetzung?

Ein Thema, mit dem wir unsere Schwierigkeiten hatten, war der Boden. Für die Zelt- und Lagerbauten mussten die Gruppen teilweise viele Löcher in den Boden machen. Doch grundsätzlich gilt: Je weniger wir den Boden bearbeiten, desto besser. Eine weitere Schwierigkeit stellten die grossen Bauten dar. Die Pfadfinder:innen hatten die Weisung, wenn möglich Seilbünde statt Nägel und Schrauben zu verwenden. Bezüglich der Bodenbearbeitung waren die Teilnehmenden teils zu wenig sensibilisiert und wir hätten uns schonendere Lösungen gewünscht.

Seid ihr mit der Umsetzung eurer Nachhaltigkeitsstrategie zufrieden?

Wir hatten viele Wünsche und Ideen für ein nachhaltiges Bundeslager. Vieles davon ist aber an den logistischen und finanziellen Herausforderungen gescheitert, die im heutigen Ernährungssystem nicht möglich sind. Insgesamt sind wir aber mit der Umsetzung zufrieden. Der Nachhaltigkeitsaspekt wurde auch von den Medien in den Berichterstattungen über das BuLa immer wieder aufgenommen. Wir nutzen ein solches Grossprojekt, um zu lernen und Nachhaltigkeitsthemen weiterzubringen. Bei einem solch grossen Lager kann man Herausforderungen aufarbeiten und sieht, wo es noch Verbesserungen braucht. Wir sind im Austausch mit der Pfadi-Bewegung Schweiz und „Faires Lager“, die sich mit Umweltthemen beschäftigen. Das Ziel ist, dass die nachhaltigen Umsetzungskonzepte eine weitere Verwendung finden, wie zum Beispiel das Kochbuch für eine ökologische Lagerverpflegung.

Wie sieht für dich das optimale Ernährungssystem der Zukunft aus?

Ich finde die Margen auf den Bioprodukten viel zu hoch – das geht nicht. Wenn das Geld wenigstens bei den Bäuerinnen und Bauern ankäme, könnte man drüber diskutieren. Ich finde die Idee gut, bei allen Produkten einen umweltfreundlichen Mindest-Standard festzulegen. Hier muss man sicherlich über die Kriterien diskutieren. Zudem sollte Fleisch ein Luxusprodukt sein. Nachhaltigkeitslabel sind eine gute Sache, aber die Bewertungskriterien wie Klima und Tierwohl könnten teilweise transparenter und strenger sein. Es ist oft undurchsichtig, was hinter den Bewertungskriterien steckt und wie die Methodik ist. Es sollte einen Zusammenhang mit dem Preis haben, sodass solche Produkte auch mehr gekauft werden.

Auch unsere Nachhaltigkeitsarbeit für das BuLa zeigt: Mit der richtigen Einstellung kommt man relativ weit – aber es gibt viele Grenzen, die echte Nachhaltigkeit erschweren.

CLEVER mit 30'000 Pfadis am BuLa

Wie wird die Pfadi-Jugend zum Vorbild für die Ernährung der Zukunft? Richtig, indem sie sensibilisiert wird, wie sie bewusst und nachhaltig einkaufen kann. Das CLEVER-Team von Biovision war mit einem eigenen Zelt am grössten Jugend-Anlass der Schweiz und hat mit über 30 Führungen viele Pfadfinder:innen für nachhaltigen Konsum sensibilisiert.

Was ist das BuLa?

Das Bundeslager der Pfadfinder:innen, auch BuLa genannt, findet etwa alle 14 Jahre statt. Im BuLa treffen sich Pfadfindergruppen aus der ganzen Schweiz. Die diesjährige Ausgabe fand unter dem Namen und dem Motto «mova» (für «Bewegung») statt. Das Bundeslager 2022 wurde von etwa 35’000 Kindern, Jugendlichen und Helfenden besucht und ist damit das bisher grösste Lager der Schweiz.

Projektleiterinnen Laura Schmid und Anna Schöpfer von CLEVER auf der Wiese vorm Pfadfinder BuLa
Projektleiterinnen von CLEVER Anna Schöpfer Laura Schmid und auf der Wiese vorm Pfadfinder-Bundeslager 2022 im Obergoms. (Bild: Capucine Musard)

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