Food Waste und Biodiversität

Von

Maggie Haab und Andreas Obrecht, Biovision

Wir erleben gegenwärtig an einem gravierenden Verlust an Biodiversität. Von 8 Mio. Tier- und Pflanzenarten sind heute eine Million vom Aussterben bedroht. Auch bei den noch nicht akut vom Aussterben bedrohten Arten nehmen einige Bestände erheblich ab. Der internationale Handel und globalisierte Ernährungssysteme üben Druck auf die Biodiversität aus. Wird etwas ressourcenintensiv hergestellt, aber nicht konsumiert, resultiert daraus eine mehrfache Umweltbelastung.
IPM-Massnahme (Integrierter Pflanzenschutz) zur Verhinderung von Food Loss durch Fruchtfliegen auf Mangos
IPM-Massnahme (Integrierter Pflanzenschutz) zur Verhinderung von Food Loss durch Fruchtfliegen in Kenia. ©Peter-Lüthi / Biovision

Viele unserer Ökosysteme sind in einem so schlechten Zustand, dass diese ihre “Leistungen” für den Menschen wie etwa saubere Luft, Versorgung mit sauberem Wasser, Bestäubung durch Insekten oder Schutz vor Naturereignissen nicht mehr erbringen können.

Die wichtigsten direkten Ursachen für den globalen Verlust an Biodiversität sind gemäss dem Weltbiodiversitätsrat IPBES Landnutzungsänderungen, Klimawandel, Übernutzung natürlicher Ressourcen, die Ausbreitung invasiver ortsfremder Arten und Umweltverschmutzung. Dass immer mehr Flächen landwirtschaftlich genutzt werden, liegt insbesondere an der steigenden Nachfrage nach Fleisch und der dafür verwendeten Futtermittel.

Gemäss der Welternährungsorganisation FAO wird jährlich ein Drittel unserer Nahrungsmittel verschwendet und gilt als Food Waste. Entsprechend gross ist der Anteil an der globalen Landoberfläche, welcher unnötigerweise landwirtschaftlich genutzt wird. Die Rechnung ist einfach: Dieser Drittel, welcher in Realität grossmehrheitlich industriell bewirtschaftet wird und der Lebensmittelverschwendung zum Opfer fällt, ging und geht durch Entwaldung, Monokulturen und Trockenlegung von Feuchtgebieten als Habitat für Pflanzen und Tiere verloren.

Die Produktion von Lebensmitteln benötigt nicht nur Flächen sondern auch Wasser. Eine wertvolle Ressource, die mit dem Wegwerfen von Nahrungsmitteln ebenfalls verschwendet wird. Die dominierende konventionelle Landwirtschaft setzt ausserdem übermässig viele Pestizide und Düngemittel ein, welche das Wasser verschmutzen und versalzen. An vielen Stellen führt die intensive Nutzung zum Absenken des Grundwasserpegels. Auch dies wirkt sich negativ auf die Biodiversität aus. In den Ozeanen bedroht die Überfischung und die grossen Mengen an Beifang das Überleben vieler mariner Lebewesen und sensibler Ökosysteme.

Diverse Faktoren erhöhen Komplexität

Der FAO-Bericht von 2013 zeigt, dass besonders die Verschwendung von Fleisch und Milch verantwortlich für den Druck auf die Landnutzung ist. Dies gilt jedoch nicht für jedes Produkt gleichermassen. Das Fleisch einer mit Gras gefütterten Schweizer Ziege weist praktisch keine Belastung für die Biodiversität aus, während ein importiertes Rindersteak aus konventionellem Betrieb, der Soja und Getreide als Futtermittel verwendet, eine hohe Belastung für die Biodiversität darstellt. Die Fleisch- und Milchproduktion nimmt ganze 78% der Gesamtproduktionsfläche ein, wobei ihr Beitrag an verfügbaren Nahrungsmitteln lediglich 11% sind. Entsprechend gross ist also der negative Hebel, wenn tierische Produkte verschwendet bzw. nicht konsumiert werden.

“Feed no Food” lautet die Maxime. Der Unterschied ist also enorm, ob im Kühlschrank ein Stück Rindfleisch aus dem Discounter oder ein Salat aus dem eigenen Garten vergammelt. Gewisse Lebensmittel wie Kaffee und Kakao brauchen viel Fläche und können nur in tropischen Regionen angebaut werden, wo die Biodiversität besonders hoch ist. Bei solchen Lebensmitteln hat Food Waste einen entsprechend starken negativen Effekt.

Eine globale Perspektive ist nötig, denn gemäss den Zahlen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) entstehen rund 75% unserer Umweltbelastung durch Konsum nicht etwa in der Schweiz, sondern im Ausland. Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt bei ungefähr 60% und die Nahrungsmittelimporte haben sich seit 1990 fast verdoppelt.

Agrarökologie bietet systemische Lösung

Komplexe systemische Probleme brauchen ganzheitliche systemische Lösungen. Die Agrarökologie bietet einen Ansatz, der auf allen Ebenen der Nachhaltigkeit greift. In der Agrarökologie werden Gebiete mit hoher Artenvielfalt bewusst erhalten und gefördert, da der Wert der Ökosystemleistungen* anerkannt wird. Weiter werden lokale Produzent*innen und Konsument*innen durch kurze Lieferketten näher zusammengebracht. Das bedeutet eine höhere Wertschöpfung für bäuerliche Produzent*innen, die durch mehr Planungssicherheit auch langfristig in gesunde Böden investieren können. Das Ernährungssystem muss in der jeweiligen Lokalwirtschaft eingebettet sein. Damit können regionale Traditionen berücksichtigt werden und Nachernten, Lagerung, Verarbeitung sowie Transport logisch ineinandergreifen. Die Anwendung von agrarökologischen Methoden vereint Ernährungs- mit Biodiversitätsziele. Agrarökologie wird als Wissenschaft, Praxis und soziale Bewegung verstanden, welche die Gestaltung und das Management nachhaltiger und gerechter Ernährungssysteme erreichen will. Jedoch fliessen aktuell noch zu wenig Gelder in die Forschung, Entwicklung und Anwendung von Agrarökologie, wie die soeben veröffentlichte Studie (Money Flows) von Biovision veranschaulicht.

Die Nachhaltigkeitsziele der UNO nehmen sich dem Problem an: Ein Unterziel des SDG 12 (Nachhaltiger Konsum) verlangt bis 2030 die Halbierung von Food Waste auf Einzelhandels- und Konsumentenebene sowie die Reduzierung von Food Loss, also Verlusten entlang der Produktions- und Lieferketten, einschliesslich Ernteverlusten. Je früher in der Produktionskette interveniert wird, desto besser für die Umwelt.

Dieser Beitrag wurde für das Fachmagazin «Thema Umwelt» der Stiftung Pusch – Praktischer Umweltschutz erstellt.

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