Miriam Kamp (29) ist hauptverantwortliche Lupinen-Züchterin bei der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk). Deren Projekt integraL gehört zu unseren Leuchttürmen der Agrarökologie. In diesem Teil unseres Gesprächs erzählt sie, was die Lupine so einzigartig macht, warum sie einen Platz auf unserem Speiseplan verdient – und wieso ausgerechnet ein zerstörerischer Pilz ihre Faszination für diese Kulturpflanze noch verstärkt.
Im ersten Teil unseres Gesprächs erzählt sie, was sie an Lupinen fasziniert und was es braucht, damit die proteinreiche Hülsenfrucht künftig häufiger auf unseren Feldern und Tellern zu finden ist.
Die Lupine gehört zu den ältesten Kulturpflanzen und trotzdem fristet sie in der Schweiz ein Nischendasein. Warum?
Stimmt. Noch in den 1920er Jahren wurde die Lupine auch nördlich der Alpen viel angebaut. Das waren wichtige Pflanzen. Mit der zunehmenden Bedeutung von Importen, vor allem von Soja, ging der Anbau zurück. Und seit in den 1980er Jahren die Pilzkrankheit Anthraknose ausbrach, wurde er fast unmöglich und wird jetzt eigentlich erst wieder entdeckt.
Über Miriam Kamp
Miriam Kamp ist hauptverantwortliche Lupinen-Züchterin bei der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk).
Was muss geschehen, damit mehr Lupinen auf unsere Teller gelangen?
Der Alltag vieler Menschen ist eng getaktet. Die wenigsten planen ihre Mahlzeiten Tage im Voraus, weichen zwei Tage zuvor Lupinen ein und nehmen sich dann noch die Zeit, diese eine Stunde zu kochen. Das passt aktuell nicht zu unseren Essgewohnheiten. Heute essen wir häufiger ausser Haus, in Restaurants, Cafeterien oder Mensen. Genau dort liegt eine Chance, um mehr pflanzliches Protein auf die Teller zu bringen. Denn an diesen Orten wird die Essenszubereitung professionell geplant und vorbereitet. Und da wäre es realistischer, dass die Lupinen rechtzeitig eingeweicht werden.
Und was müsste sich auf politischer Ebene ändern?
Der Binnenmarkt von Körnerleguminosen müsste besser geschützt werden. So wie es bei Gemüse oder Tierprodukten auch der Fall ist. Wichtig wären auch mehr Anreize für den Anbau von Lupinen und anderen Körnerleguminosen.
Eignen sich Lupinen für den Garten?
Im Garten sind häufiger Zierlupinen anzutreffen, die sich aber nicht zum Verzehr eignen. Sogenannte Süsslupinen sind klassische Ackerkulturen. Aber da sie einfach wirklich schön sind, kann man sie auch im Garten anbauen. Bloss dürfte es schwierig werden, Saatgut in kleinen Mengen zu bekommen. Denn für landwirtschaftliche Flächen wird es meist in Säcken gehandelt. Und für 25 Kilo Saatgut ist die Fläche in einem Garten doch recht beschränkt.
Achtung: Verwechslungsgefahr!
Nicht jede Lupinen-Art ist ein Superfood. Die nordamerikanische Vielblättrige Lupine (Lupinus polyphyllus) ist eine ausdauernde Staude, die als Zierpflanze eingeführt wurde und inzwischen als invasiver Neophyt gilt. Neophyten verdrängen einheimische Arten und die Vielblättrige Lupine ist insbesondere für Magerwiesen in den Bergen eine Bedrohung. Die Zierlupinen in den Gärten sind nicht für den Verzehr gedacht und dürfen nicht mit den landwirtschaftlich genutzten Süsslupinen verwechselt werden. In der Schweiz darf seit 2024 die Vielblättrige Lupine nicht weiterverkauft werden und wird sogar aktiv bekämpft.
Kann man die Lupine einfach als Snack essen?
Die unreifen grünen Samen der Süsslupine kann man etwas unkonventionell aus den Hülsen lösen, wenn man sie direkt von der Pflanze snacken will. Sie sind ähnlich «gemüsig» und saftig wie Edamame oder grüne Erbsen. Und sie passen perfekt in den Salat.
Was ist ihr persönlicher Bezug zur Lupine?
Ich find Lupinen einfach wahnsinnig schön. Hinzu kommt eine gewisse Faszination für Phytopathologie, also Pflanzenkrankheiten, und für Resistenzzüchtung. Das ist extrem herausfordernd. Über die Pflanzenkrankheit Anthraknose habe ich mich schon sehr oft geärgert. Sie ist ausserordentlich zerstörerisch. Aber aus biologischer Perspektive ist es auch faszinierend, was der Pilz macht.
Wieso?
Er lebt hemibiotroph.
Was heisst das?
Bei Pflanzenkrankheiten unterscheidet man zwischen biotroph und nekrotroph. Das heisst: Die einen ernähren sich vom lebenden Gewebe, etwa klassischer Parasitismus, also «biotroph». Und die anderen töten erst ab und ernähren sich dann vom toten Gewebe, also «nekrotroph». Die Anthraknose aber macht beides und ist deswegen «hemibiotroph»: Sie lebt zuerst als Parasit und bildet Strukturen aus, die bis in die Pflanzenzellen hineinreichen und dort Nährstoffe abziehen. Irgendwann wechselt sie in das nekrotrophe Stadium, tötet das Gewebe ab, verdaut es, bildet Sporen und verbreitet sich weiter. Das ist nur möglich, indem der Pilz sich extrem gut an die Lupine als Wirt angepasst hat und Abwehrmechanismen umgeht. Die Faszination hat somit auch etwas Morbides.
Wie ist das möglich?
Rhizobakterien leben im Boden, in enger Symbiose mit Leguminosen. Sie sind die eigentliche Grundlage für den Bio-Landbau. Denn: Jeder Biobetrieb ist auf Leguminosen angewiesen – in der Regel sind es Futterpflanzen, also Kleegras oder Luzernegras –, um Stickstoff bereitzustellen. Stickstoff ist einer der wichtigsten limitierenden Faktoren. Er ist mitentscheidend, wie gross und gut die Ernte wird. Wenn man beispielsweise qualitativ hochwertigen Bio-Weizen anbauen will, dann braucht man einfach diese Nährstoffe. Es sind die Leguminosen, die sie ins System reinbringen – grundsätzlich immer im Bio-Landbau. Sei es direkt oder indirekt. Denn Leguminosen werden häufig an Tiere verfüttert und dann geben die Tiere die Nährstoffe wieder zurück in anderer Form, sprich als Dung. Aber immer sind es die Rhizobakterien, welche in Symbiose mit den Leguminosen den Stickstoff fixieren und so ins System bringen.
Ihre Begeisterung für die Lupine ist enorm!
Sie ist einfach eine Bereicherung: Sie bringt mehr Vielfalt auf den Acker. Und für die Krisen, die da kommen, brauchen wir einfach Vielfalt. Nicht nur um Risiken zu reduzieren, sondern auch zur Bereicherung unseres Lebens. Es ist wichtig, dass in der Landschaft verschiedenste Pflanzen blühen und sich Vielfalt auf dem Acker auch auf unsere Teller niederschlägt. Wir gewinnen dadurch nur!