Miriam Kamp (29) ist hauptverantwortliche Lupinen-Züchterin bei der gzpk (Getreidezüchtung Peter Kunz). Der gemeinnützige Verein verfolgt das Ziel, Sorten für die nachhaltige Landwirtschaft zu züchten, gehört mit dem Projekt integraL zu unseren Leuchttürmen der Agrarökologie. Im ersten Teil unseres Gesprächs erzählt sie, was sie an Lupinen fasziniert und was es braucht, damit die proteinreiche Hülsenfrucht künftig häufiger auf unseren Feldern und Tellern zu finden ist.
Im zweiten Teil unseres Gesprächs erzählt sie, was die Lupine so einzigartig macht, warum sie einen Platz auf unserem Speiseplan verdient – und wieso ausgerechnet ein zerstörerischer Pilz ihre Faszination für diese Kulturpflanze noch verstärkt.
Was fasziniert Sie an der Lupine?
Sie ist eine wunderschöne Pflanze. Viele Leute kennen sie als Zierpflanze. Die Arten, mit denen wir arbeiten, liefern sehr proteinreiche, gesunde Samen, die gut schmecken und sehr vielfältig einsetzbar sind. Zudem nutzen viele Wildbienen und Hummeln die Lupine als Pollenpflanze.
Über Miriam Kamp
Miriam Kamp ist hauptverantwortliche Lupinen-Züchterin bei der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk).
Welches Potenzial hat sie in der Landwirtschaft?
Im Gegensatz zu Soja ist die Lupine relativ kältetolerant. Zudem ist sie in der Lage, Stickstoff zu fixieren und für andere Pflanzen verfügbar zu machen. Und sie kann Phosphor im Boden mobilisieren. Das macht sie gerade für den Bio-Landbau interessant, der auf geschlossene Betriebskreisläufe setzt und wo Futtermittel überwiegend auf dem eigenen Betrieb hergestellt werden müssen. Hier ermöglicht die Lupine, pflanzliches Eiweiss lokal anzubauen. Deshalb nennt man sie auch «Soja des Nordens». Kommt hinzu, dass für die industrielle Tierhaltung aktuell zu viel Soja importiert wird. Auch hier kann die Lupine eine lokale Alternative sein.
Und was bietet sie für unsere Gesundheit?
Die Nährwerte sind beeindruckend: Die Lupine hat ein Proteingehalt von rund 40%, enthält alle essentiellen Aminosäuren und überwiegend ungesättigte Fettsäuren. Aber kaum Kohlenhydrate. Das ist nicht nur im Fitnessbereich sehr interessant. Und sie ist mit 15% sehr ballaststoffreich. Das ist vorteilhaft für die Verdauung und macht länger satt. Und Lupinen können helfen, den Cholesterinwert zu senken. Und im Vergleich zu anderen Hülsenfrüchten sind sie weniger blähend.
Wie schmeckt sie denn?
Das hängt von der Verarbeitung ab. Gekocht und gesalzen schmeckt sie leicht bohnig, aber sie ist trotz des Kochens noch recht knackig und bissfest.
Was ist bei der Lupine die grösste Herausforderung?
Die Lupine ist wenig bekannt und wird häufig verwechselt: Nebst den Zierpflanzen gibt es zwei Spezies, die für die Schweizer Landwirtschaft relevant sind: die Weisse und die Blaue Lupine. Die sind alle ein bisschen unterschiedlich, auch in der Form und in der Kornbeschaffenheit. In der Schweiz empfehlen wir für den Anbau zur menschlichen Ernährung aktuell nur Sorten der Blauen Lupine. Die Weisse hat aber den besseren Ertrag: 3.5 gegenüber 2.5 Tonnen pro Hektare.
Weshalb wird die Weisse dennoch kaum angebaut?
Aus zwei Gründen: Einerseits macht die zerstörerische Pilzkrankheit Anthraknose ihren Anbau unter feuchten Bedingungen wie in der Schweiz sehr schwierig. Anderseits ist der Alkaloid-Gehalt ein Problem, also der Anteil giftiger Bitterstoffe. In der traditionellen Verarbeitung werden bittere Lupinen eingeweicht und das Wasser mehrfach gewechselt. Das geht über ein paar Tage, dann sind sie essbar. Das geht aber nicht bei Trockenproduktion oder bei direktem Verzehr, quasi vom Feld in den Mund. Deswegen empfehlen wir für die menschliche Ernährung aktuell den Anbau der Blauen Lupine. Denn da gibt es ein paar Sorten, die sowohl resistent gegen Anthraknose sind als auch zuverlässig süss sind, also wenig Bitterstoffe enthalten.
Diese Zuverlässigkeit fehlt bei der Weissen Lupine?
Genau. Bei der Weissen Lupine gibt es zwei Sorten Frieda und Celina, die eine zuverlässige Anthraknose-Resistenz haben, und als Süsslupinen gelten. Leider ist der Alkaloid-Gehalt bei diesen Sorten nicht sehr zuverlässig und das Erntegut überschreitet häufig die Alkaloid-Grenzwerte für menschliche Ernährung und Tierfütterung. Nicht selten landen sie in der Biogas-Anlage, was ein beträchtlicher wirtschaftlicher Schaden für die Bäuerinnen und Bauern bedeutet. Es gibt Sorten der Weissen Lupine mit zuverlässig tiefem Alkaloid-Gehalt, aber denen fehlt die Anthraknose-Resistenz und diese sind daher für den Anbau in der Schweiz nicht geeignet. In trockenen Regionen, wie dem mediterranen Raum, kann man diese problemlos anbauen.
Woran arbeiten Sie in der Züchtung?
Wir bei der gzpk sehen es als unsere Aufgabe, in Zusammenarbeit mit dem FiBL Sorten zu entwickeln, die genau zwei Eigenschaften haben: resistent gegen Anthraknose und wenig Bitterstoffe. Ich bin froh, dass unsere wichtige Züchtungsarbeit aktuell im Rahmen des Projektes LuZIA vom Bundesamt für Landwirtschaft gefördert wird. Das Projekt hat Anfang 2025 begonnen, dauert vier Jahre und ermöglicht uns die Finanzierung unserer Arbeit, bis wir erstmalig Sorten anmelden und das Saatgut auf den Markt kommt.
Und wie weit sind Sie?
Wir haben erfolgversprechende Zuchtstämme. Mit Feldversuchen auf grossen Parzellen testen wir in den nächsten zwei Jahren, ob sie stabil gute Erträge und Qualität liefern. Zudem haben wir grosse Fortschritte beim Verständnis der genetischen Architektur gemacht, die für tiefe Alkaloid-Gehalte zuständig ist. Dazu hat das FiBL ein Alkaloid-Gen erstmals kartieren und beschreiben können. Jetzt können wir gezielt Pflanzen selektieren, die statt einem zwei Alkaloid-Gene besitzen. Dadurch können wir Pflanzen auswählen, die wirklich zuverlässig und süss sind, unabhängig von den Umwelteinflüssen. Und das geht ohne Gentechnik, nur über Selektion.
Wie sind die Rahmenbedingungen für den Anbau?
Obwohl das Interesse an pflanzlicher Ernährung wächst, und in der Landwirtschaft wird viel über Körnerleguminosen diskutiert, bewegt sich in der Praxis kaum etwas. Das liegt auch daran, dass Körnerleguminosen wie die Lupine ohne Einschränkungen importiert werden können. Der Binnenmarkt ist somit nicht geschützt. Dadurch sind die Preise zu tief. Und deshalb lohnt sich der Anbau für viele Schweizer Betriebe kaum.
Was müsste sich ändern?
Das Beispiel Bio-Soja zeigt, dass es auch anders ginge: Weil im Bioanbau der Soja-Import für die Tierfütterung so stark eingeschränkt ist, ist Soja ein tolles Beispiel, wie Bäuerinnen und Bauern mit dem Anbau von Körnerleguminosen Geld verdienen können.