Agrarökologie: Was ihr zum Durchbruch fehlt

Von

Samira Amos und Patricio Frei

Wie können wir den Leuchttürmen der Agrarökologie helfen und gleichzeitig den Einstieg für andere landwirtschaftliche Betriebe erleichtern? Diese Frage steht im Zentrum einer Studie, mit der Biovision Agrarökologie in der Schweiz breiter fördern will.

Die Kühe von Pirmin Adler haben abwechslungsreiches Futter: Ihre Weide ist umsäumt von Hainbuchen, Ahorn, Vogelbeere und vielen weiteren Bäumen und Sträuchern. Diese dienen ihnen als wertvolle Vitamin- und Mineralstofflieferanten. Dadurch braucht der Hof Adlerzart in Oberrüti AG weniger zugekaufte Futterergänzungsmittel und tierärztliche Behandlung. Das Agroforstsystem hält den Boden gesund und fördert die Artenvielfalt. Allerdings war dessen Planung und Umsetzung für Pirmin Adler aufwendig: Expertise für agrarökologische Methoden ist nicht einfach zu finden, das meiste Wissen musste er sich selbst aneignen. Bäume zu pflanzen kostet viel Zeit und Geld. Zudem galt es, rechtliche Fragen zu klären.  

Dieses Beispiel zeigt: Die Leuchttürme, wie wir die Vorreiter der Agrarökologie nennen, existieren nicht wegen, sondern trotz der vorherrschenden Rahmenbedingungen. Erfolgreich sind sie einzig in der Nische. Gleichzeitig sind auch viele konventionelle Landwirtschaftsbetriebe dem Druck des Marktes und seinen tiefen Lebensmittelpreisen ausgesetzt. 

Hier setzt die Studie von Biovision an: Wenn agrarökologische Ansätze nicht nur etwas für hochmotivierte Einzelne bleiben, sondern für viele Betriebe attraktiv werden sollen, dann müssen sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Diese sind die zentrale Grundlage für eine nachhaltige Schweizer Ernährungszukunft. 

Das aktuelle Direktzahlungssystem reagiert nicht flexibel auf die Bedürfnisse innovativer Betriebe; Auf dem Hof Adlerzart umsäumen Bäume und Sträucher die Weide.

«Agrarökologie systemisch denken» 

Basis für die Studie bildeten zahlreiche Gespräche mit Vertreter:innen innovativer Betriebe sowie Personen aus der Beratung und Forschung. Zusätzlich hat das Beratungsbüro Flury & Giuliani, das die Studie erarbeitete, eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt. Die Studie geht dabei neue Wege: Sie legt den Fokus auf die Erfahrungen derer, die bereits heute den Wandel vorleben. Denn diese wissen am besten, was funktioniert – und wo die grössten Stolpersteine liegen. 

Die Studie liefert uns drei wichtige Erkenntnisse: 

1. Vielfalt ist in der Agrarökologie entscheidend, um die Resilienz von Betrieben gegenüber Klimakrise und dem Biodiversitätsverlust zu stärken. So baut das Team des Biohofs Rinderbrunnen in Grüt ZH auf 30 Hektaren Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchte an – und hält zudem Rinder, Lämmer und Hühner. Möglich ist dies nur, wenn die Last und das nötige Knowhow auf mehrere Personen verteilt wird. Das Direktzahlungssystem muss Diversität und neue Organisationsformen stärker fördern. 

2. Das Wissen zu agrarökologischen Praktiken mussten sich viele Pionierbetriebe selbst aneignen. Nachhaltigkeit und Agrarökologie sollen einen festen Platz in der landwirtschaftlichen Ausbildung erhalten. Ebenso wichtig ist der Wissenstransfer zwischen Betrieben. 

3. Handel und Konsum müssen mitziehen. Die Konsument:innen müssen verstehen, wie ihre Kaufentscheidungen einen Unterschied machen: Nachhaltig produzierte Lebensmittel dürfen kein Luxus bleiben, sondern müssen für alle erschwinglich sein.  

Die Studie hat gezeigt, wie viel Wissen, Expertise und Erfahrung jene besitzen, die bereits heute mit grossem persönlichem Engagement agrarökologische Ansätze in die Praxis umsetzen. Unser Projektleiter Daniel Seifert fasst es treffend zusammen: «Es war enorm wertvoll, direkt von den Erfahrungen aus den Leuchttürmen für unsere politische Arbeit zu lernen. Die Studie hat aber auch klargemacht: Einzelbeispiele reichen nicht aus, agrarökologische Landwirtschaft muss systemisch gedacht werden.» Zwischen Feld und Teller gibt es in jedem Bereich zahlreiche Handlungsoptionen, die es zu nutzen gilt, in der Landwirtschaft, im Handel und im Konsum. 

Dieses Beispiel zeigt: Die Leuchttürme, wie wir die Vorreiter der Agrarökologe nennen, existieren nicht wegen, sondern trotz der vorherrschenden Rahmenbedingungen. Erfolgreich sind sie einzig in der Nische. Gleichzeitig sind auch viele konventionelle Landwirtschaftsbetriebe dem Druck des Marktes und seinen tiefen Lebensmittelpreisen ausgesetzt. 

Hier setzt die Studie von Biovision an: Wenn agrarökologische Ansätze nicht nur etwas für hochmotivierte Einzelne bleiben, sondern für viele Betriebe attraktiv werden sollen, dann müssen sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Diese sind die zentrale Grundlage für eine nachhaltige Schweizer Ernährungszukunft. 

Biovision Schweiz Adlerzart Agrofosrt Pflanzung Hochstamm
Nachhaltigkeit und Agrarökologie sollen einen festen Platz in der landwirtschaftlichen Ausbildung erhalten; Pirmin Adler pflanzt auf seinem Hof einen Hochstammbaum.

Kleine Schritte statt einer Revolution 

Eigentlich bräuchte es nicht viel, um Agrarökologie als Standard in der Landwirtschaft und Ernährung zu etablieren. Viele der vorgeschlagenen Massnahmen sind keine Revolution, sondern kleine Schritte: Anpassungen im Direktzahlungssystem hin zu mehr Vielfalt, stärkere Förderung von Wissenstransfer und mehr Sensibilisierung der Konsumierenden. 

Realität ist aber: Diese Schritte sind schwer umzusetzen. Das aktuelle System reagiert nicht flexibel auf die Bedürfnisse innovativer Betriebe. Und die bestehenden Machtverhältnisse in der Agrarpolitik erschweren überfällige Veränderungen. 

Wir werden unsere Erkenntnisse der Studie in unsere Arbeit zur Agrarpolitik AP30+ einfliessen lassen, mit der die zukünftige Schweizer Landwirtschaft festgelegt wird. Zudem wollen wir die Ergebnisse der Studie kommunikativ aufarbeiten, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen und zu inspirieren: vom Laien bis zur Politikerin.  

Betriebscoaching ermöglicht Wissenstransfer 

Die Studie bildet eine wichtige Grundlage für die Arbeit von Biovision. So unterstreicht sie die Wichtigkeit unsere Projekte, wie das «Betriebscoaching mit Leuchttürmen der Agrarökologie», welches Biovision in Zusammenarbeit mit Agroecology Works! durchführen wird: Dieses praxisnahe Angebot ermöglicht den Wissenstransfer zwischen Bäuerinnen und Bauern – laut Studie ein zentrales Handlungsfeld. 

Die Studie finden Sie auf www.biovision.ch/studie-agraroekologie  

Weitere Beiträge

Landwirtschaft

Altes Getreide, neue Stärke 

Mehr und mehr Vielfalt in den Getreidearten verschwindet. Auch in der Schweiz. Die Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk) will das verhindern. Sie arbeitet in partizipativen Projekten mit Landwirtinnen und Landwirten daran, altes Wissen und moderne Forschung zu verbinden – etwa beim fast vergessenen Getreide Emmer. Ein Gespräch mit Emmerzüchter Felix Jähne über Vielfalt, bäuerliche Erfahrung und die Landwirtschaft der Zukunft.
Märkte, Politik

Die nächste Tür für Agrarökologie öffnet sich

Das African Food System Forum (AFSF) ist einer der einflussreichsten Treffpunkte für die Zukunft afrikanischer Ernährungssysteme. Lange war die Debatte vor allem von Konzernen und grossen Geldgebenden geprägt. Im 2025 war Biovision erstmals dabei und konnte erreichen, dass Agrarökologie offiziell mit einem eigenen Programmpunkt vertreten war – ein Meilenstein und ein Zeichen dafür, dass sich mit viel Geduld und Hartnäckigkeit auch die schwersten Türen öffnen lassen.
Konsum, Landwirtschaft

Landwirtschaft stärken: mit Allianzen und Analysen

Die bäuerliche Landwirtschaft steht unter Druck: In der Schweiz schliessen seit Jahrzehnten täglich Bauernhöfe. Im Kommentar erklärt Expertin Marie Brault, Projektleiterin beim Mouvement pour une agriculture paysanne et citoyenne (MAPC), weshalb neue Allianzen und fundierte Analysen nötig sind, um Wissen, Kultur und Zukunftsperspektiven zu sichern.
Landwirtschaft

«Die Lupine wäre hervorragend geeignet für den Anbau in der Schweiz»

Biovision hat die Lupine zum Superfood des Jahres 2026 gekrönt. Züchterin Miriam Kamp erklärt, warum die Pflanze so viel Potenzial hat, wo die Herausforderungen sind und wie neue Sorten den Durchbruch schaffen.