Langsam und schnaubend setzt sich die Kuhherde an diesem Morgen in Bewegung; als würde jeder Schritt mehr Kraft kosten als sonst. Hufe wirbeln roten Staub auf, trockenes Laub und Äste knacken unter der Last der Tiere. Die Sonne malt auf ihre Rippen senkrechte Schatten. Es ist Ende November im kleinen Dorf Mingo in der Nähe der tansanischen Stadt Morogoro. Schon vor Wochen hätte der Regen einsetzen sollen. Das Land ist ausgetrocknet und immer weiter müssen die Massai-Familien ihr Vieh treiben, um an die noch letzten Futterreste zu kommen.
Pendo Ndemo Simangio melkt gerade eine ihrer Kühe. Einen kleinen Plastikeimer in der Hand, lehnt sie mit geschlossenen Augen am warmen Bauch des Tieres. Die Milch wirft im Eimer schneeweisse Schaumblasen. «Noch vor wenigen Jahren hätten wir in so trockenen Zeiten vermutlich schon die ersten Kühe an den Schlachthof verkaufen müssen. Damals gaben sie in Dürrezeiten teils gar keine Milch. Und für diese bekamen wir auch viel weniger Geld als jetzt. Heute ist alles anders», erklärt
Simangio und richtet sich auf.
Der Grund für den Wandel: 2017 ging unsere Partnerorganisation Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) auf die Massai-Gemeinschaften zu. Mit der Unterstützung von Biovision gab es Schulungen in nachhaltiger Viehhaltung. Die besten Zuchtbullen und Ziegenböcke wurden ausgewählt, es entstanden robustere Kreuzungen. Für viele Familien in der Region ein Wendepunkt: Zum ersten Mal gab es auch in langen Trockenzeiten ausreichend Milch. «Kälber wurden verteilt. Jede Gruppe hat heute mindestens eine gute Kuh. Selbst in Dürren geben sie bis zu zwei Liter Milch. In der Regenzeit sogar fast doppelt so viel. Genug für den Eigenbedarf. Und den Verkauf.»
Ein langfristiges Ziel für mehr sicherheit trotz Dürre
Seit Jahren erleben Massai‑Familien in der Region Morogoro extreme Trockenheit, schwankende Preise und hohe Verluste. Biovision stärkt sie gemeinsam mit der Organisation SAT durch Schulungen in nachhaltiger Viehhaltung, bessere Zucht und agrarökologisches Wissen. So geben Kühe auch in Dürrezeiten Milch, und Familien sichern ihre Existenz aus eigener Kraft. Dauerhaft und unabhängig.
Besserer Preis, fixe Abnahme
Auch kriegen die Massai für ihre Milch deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.
Früher waren es etwa 400 bis 500 tansanische Schilling pro Liter, umgerechnet
etwa 15 Rappen. Heute ist es rund dreimal so viel. Verkauft wird die Milch dabei
nicht an irgendwelche Zwischenhändler, sondern an eine von SAT aufgebaute und
von Biovision unterstützte Kooperative, an der die Massai mitbeteiligt sind. Die
Kooperative garantiert tägliche, verlässliche Abnahmen und faire Preise. «Planbarkeit
ist für uns so wichtig. Zu wissen, dass jemand jeden Tag deine Milch kauft – und
selbst wenn es nur wenige Liter sind – macht einen riesigen Unterschied», erklärt
Simangio. Die Mitglieder der Kooperative entscheiden auch über mögliche Überschüsse oder Investitionen mit. «Alle müssen einverstanden sein. Ausserdem
laufen über die Kooperative Kredit- oder Notfallfonds.» So vergeben die Mitglieder
kleine Darlehen mit minimalem Zinssatz. Oder unterstützen sich gegenseitig bei
Notlagen wie Krankheit oder Todesfall.
Einblick in den Alltag von Massai Familien in der Region Morogoro, wie gemeinsames Handeln Milchproduktion auch in Dürrezeiten ermöglicht.
Mehrwert mit Massai-Mozzarella
Einmal verkauft, landet die Milch der Massai in einer Molkerei, keine 30 Minuten
mit dem Auto entfernt. Geleitet wird sie von SAT, gehört aber der Kooperative.
Allein in den letzten zwei Jahren wurden hier über 140 000 Liter Milch weiterverarbeitet, zu Bio-Produkten wie Joghurt oder verschiedenste Käsesorten.
Mozzarella, Gouda oder Cheddar zum Beispiel. Die Weiterverarbeitung schafft
Mehrwert, die Endprodukte können für gutes Geld verkauft werden; an Hotels oder
Restaurants in Morogoro und darüber hinaus. «Unsere Kinder können heute das
ganze Jahr über Milch trinken. Auch sind wir mit den neuen Einnahmen in der Lage,
sie auf bessere Schulen zu schicken. Arztbesuche sind auf einmal erschwinglich.
Unser Leben hat sich mit dem Projekt komplett verändert», erklärt Simangio,
selbst Mutter von drei Kindern, stolz.
Ihr Mann Kimorwai Sekemi pflichtet ihr bei. «Heute haben wir die finanziellen Mittel, allein Tiere zu kaufen, die mehr Milch geben. Das macht uns unabhängiger», erklärt er und klopft dabei auf das Fell einer seiner Kühe. Trockener Staub wirbelt durch die heisse Luft, im Hintergrund blökt ein junges Kalb.









Strukturen ändern sich
Doch nicht nur das Leben von Simangios Familie, auch jenes der gesamten
Gemeinschaft ist im Wandel. So erhielten die beteiligten Massai-Familien neben
Schulungen in der Viehhaltung auch Kurse für nachhaltige Anbaumethoden von Obst
oder Gemüse. Für die Massai – traditionell Pastoralisten, also von Landstreifen zu
Landstreifen ziehende Hirtenfamilien – ist dies eine neue Entwicklung. «Ich war
einst ein Viehzüchter mit wenigen Tieren. Heute habe ich eine grosse Herde. Und
ein stabiles Einkommen», erzählt Sekemi weiter. «Wir haben sogar angefangen,
Gemüse und Obst anzubauen. Später will ich euch unsere Tomaten zeigen. Das sind
echte Erfolge für uns.» Dabei deutet er auf einen abgezäunten Bereich am Rand des
Dorfes. Neben Tomaten wachsen hier – inmitten der sonnenverbrannten Steppe
Tansanias und auf kärgstem Boden – Salatköpfe, Kohl oder Bohnen. Mischkulturen
mindern das Risiko von totalen Ernteausfällen. Kuhdung spendet wichtige Nährstoffe,
Obstbäume Schatten. Zwar sei es gerade in so extremen Trockenzeiten
wie diesen mit dem knappen Wasser alles andere als einfach, Vieh und Ernten durch
die bittere Dürre zu bringen. «Aber wir lernen in den kostenlosen Trainings, auch
mit schwierigsten Gegebenheiten besser umzugehen. Viele Menschen könnten sich
solche Schulungen anders schlichtweg nicht leisten. Allein schon die Tatsache,
dass ich in meinem Alter noch gelernt habe, zu lesen und zu schreiben, ist eine
grosse Hilfe», so Sekemi weiter.
Mit vereinten Kräften gegen Krankheiten
Trotz aller Fortschritte bleibt der Alltag für die Massai anspruchsvoll. «Ein schweres
Lungenleiden bei den Kühen macht uns am meisten zu schaffen.» Ndigana heisst die
Krankheit in Maa, der Sprache der Massai. Immer wieder verenden Tiere daran.
Die neuen Einnahmen helfen, teure Medikamente zu bezahlen. «Wir arbeiten aber
auch mit den Mitteln, welche die Natur um uns bereitstellt. In den Trainings haben wir gelernt, Blätter des Niembaums zu feinem Pulver zu vermahlen. Das streuen wir dann als Schutz vor Zecken auf unsere Tiere. Es hilft, aber wir müssen ständig dranbleiben», sagt Sekemi abschliessend.











Berechtigte Zuversicht
Mit dem neu gewonnenen Wissen gelingt es den Familien besser, sich selbst, ihre
Tiere und die ersten eigenen Pflanzungen durch schwierige Monate zu bringen.
Die Belastung ist heute kleiner als früher. «Wir alle schätzen die Trainings und
profitieren enorm davon», ergreift wieder Pendo Ndemo Simangio das Wort. Für sie
seien die von SAT und Biovision bereitgestellten Schulungen keine Selbstverständlichkeit. «Sie geben uns Wissen. Und Wissen bleibt, auch wenn das Projekt einmal endet. Wir versuchen deshalb alles, was wir lernen, in der Praxis umzusetzen. So haben wir auch in harten Jahren Erfolg.»
Zufrieden streicht sie beim Reden über den Rücken der gemolkenen Kuh. Über eineinhalb Liter Milch hat sie heute morgen gegeben. «Früher bewohnten wir einfache Lehmhütten. Heute haben wir dank der Milch ein kleines Häuschen für uns und unsere Familie.» Dabei hört man in ihren Worten etwas ganz deutlich heraus: Zuversicht. Die Gemeinschaft hat Strukturen aufgebaut, die tragen, eine Kooperative, die faire Preise garantiert, robuste Tiere, neue Anbaumethoden und ein Sicherheitsnetz, das in Notlagen hält. «Wenn ich sehe, wie weit wir gekommen sind», sagt Simangio und blickt auf die Herde um sie herum, «dann weiss ich: Wir können auch die nächsten Jahre schaffen.»