Angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust sowie Mangel- und Fehlernährung gewinnt Agrarökologie als zukunftsweisender Ansatz für nachhaltige Ernährungssysteme zunehmend an Bedeutung. Ihr Ziel ist es, gerechte Ernährungssysteme im Einklang mit der Natur zu schaffen. Drei Einblicke zeigen, wie Biovision ihr zum Durchbruch verhilft.
Wie Allianzen unsere Wirkung verstärken
Wie drei Organisationen Hand in Hand arbeiten, haben wir am Symposium 2025 mit dem Projekt «Gesunde Ernährung für Menschen in Armutsvierteln» vorgestellt: Während Feedback to the Future Bäuerinnen und Bauern im kenianischen County Makueni in agrarökologischem Anbau schult, klärt Diabetes Awareness Trust in Nairobis Stadtviertel Viwandani Gesundheitsfachkräfte und Bewohner:innen über ausgewogene Ernährung auf. Um die beiden Elemente zu verbinden, entwickelt die dritte Partnerorganisation Alliance of Bioversity International & CIAT lokale Vermarktungssysteme, damit die gesunden Produkte von den Bäuerinnen und Bauern in Makueni zu den Konsument:innen in Viwandani kommen. Jede Organisation bringt ihre Expertise ein, gemeinsam entsteht ein funktionierendes agrarökologisches Ernährungssystem vom Feld bis zum Teller.
Es ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie wir unsere Arbeit verstehen. Unsere Priorität ist es, die uns zur Verfügung stehenden Gelder so wirkungsvoll wie möglich einzusetzen. Damit die von Biovision unterstützten Projekte in Subsahara-Afrika ihre optimale Wirkung entfalten können, spielen Allianzen eine entscheidende Rolle. Deshalb fördern wir die Zusammenarbeit zwischen Partnerorganisationen und bilden selbst Allianzen mit Organisationen.
Unter einer «Allianz» verstehen wir ein Bündnis zur Zusammenarbeit, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Gerade im Rahmen komplexer globaler Herausforderungen wie der agrarökologischen Transformation der Ernährungssysteme sind Allianzen elementar, um mehr Reichweite und Wirkung zu erzielen.
Biovision fördert durch Vernetzung
Die Rolle von Biovision besteht unter anderem darin, die richtigen Organisationen miteinander zu vernetzen, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen und die Zusammenarbeit zu fördern. So können wir, wie dieses Beispiel in Kenia zeigt, auch kleinere Organisationen in Allianzen einbinden, welche zwar alleine keine grösseren Projekte stemmen können, aber in der Lage sind, wichtige Lücken zu schliessen oder ergänzende Kapazitäten einzubringen.
Gemeinsam Erfolge erzielen
Beim Beispiel aus Kenia zeigt die Zusammenarbeit der drei Organisationen erste Erfolge: 194 Kleinbäuerinnen und -bauern produzieren heute auf 40 Hektaren agrarökologisch und beliefern mit ihrer Ernte das Armenviertel Viwandani, wo 466 Personen zum Thema Ernährung weitergebildet oder beraten wurden. Seit Gemüse und Früchte aus Makueni 2025 erstmals dort angeboten wurden, sind sie jeweils innert Stunden ausverkauft. Den Verkaufsladen musste bereits vergrössert werden.
In den kommenden Jahren werden wir Allianzen zwischen lokalen Partnerorganisationen weiter vorantreiben und stärken, damit möglichst viele vom Wissen und den gemachten Erfahrungen profitieren können, was der Agrarökologie zusätzlichen Aufwind verschafft.
Wie sich Agrarökologie auf Babynahrung auswirkt
Veränderungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene haben enorme Wirkung auf unser Ernährungssystem: Für einen echten Wandel unseres Ernährungssystems braucht es deshalb förderliche politische Rahmenbedingungen und Zugang zu Finanzierung für Bäuerinnen und Bauern, die Zivilgesellschaft sowie Unternehmen im Agrar- und Lebensmittelsektor. Doch wie kann Biovision Entscheidungsträger:innen erreichen und beeinflussen?
Dialog als Schlüssel zum Wandel
Ein vielversprechender Ansatz ist der Dialog zwischen allen Beteiligten des Ernährungssystems; von Politik, über Zivilgesellschaft, Wirtschaft und internationale Organisationen. Ein wirksames Instrument dafür sind thematische Workshops im Umfeld internationaler Konferenzen. So hat Biovision 2025 eine Workshop-Reihe im Vorfeld des Africa Food System Forum (AFSF) in Dakar organisiert. Der Anlass mit über 80 Teilnehmenden aus 13 Ländern West-, Süd- und Ostafrikas, von Regierungen, der Zivilgesellschaft, dem Impact Investing sowie von internationalen Förder- und Finanzierungsorganisationen, sollte denn auch eine wichtige Erkenntnis liefern.
Die Workshops konzentrierten sich auf zwei Hauptthemen. Erstens auf die zunehmende Unterstützung der Agrarökologie durch afrikanische Regierungen, die auf Nationale Agrarökologie-Strategien (NAS) setzen. Es ging um die nächsten Schritte, nachdem eine solche Strategie verabschiedet wurde: wie mit konkreten Massnahmen (etwa Förderung der Produktion von Biodünger oder Aufbau von Zertifizierungssystemen) die Umsetzung aber auch der Zugang zum benötigten Kapital sichergestellt werden.
Theorie und Praxis kombiniert
Der zweite Schwerpunkt lag auf der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und dem gesellschaftlichen Nutzen agrarökologischer Unternehmen. In Gruppendiskussionen wurden der Bedarf an Unterstützung beim Aufbau und bei der Führung von Unternehmen sowie flexiblen Rückzahlungsmöglichkeiten für Kredite erörtert, um agrarökologische Unternehmen resilienter zu machen.
Biovision kombinierte den Anlass mit Besuchen bei zwei lokalen Unternehmen, um aufzuzeigen, wie Agrarökologie sich ganz praktisch auf tägliche Arbeit auswirkt. So öffnete Le Lionceau die Türen ihrer Produktionsstätten, wo sie aus Früchten des Affenbrotbaums und anderen traditionellen und lokalen Zutaten Babynahrung herstellt. Ein Unternehmen mit einer innovativen und inspirierenden Vision für die Menschen in Senegal und Westafrika.
Agrarökologische Unternehmen erzielen grosse Wirkungen
Unsere Veranstaltung lieferte eine wichtige Erkenntnis: Agrarökologie kann sich nur durchsetzen, wenn Politik und Finanzierung aufeinander abgestimmt sind und sich gegenseitig stärken. Um sicher zu stellen, dass die NAS nach der Verabschiedung auch tatsächlich Wirkung erzielt, gilt es einen Aspekt besonders zu beachten: Regierungen und zentrale Akteure des Ernährungssystems, die gemeinsam die NAS diskutieren und vorantreiben, müssen als legitime Steuerungsgremien gestärkt werden. Es gilt die Massnahmen und Ressourcen so zu priorisieren, dass die NAS die gesetzten Ziele erreichen. So müssen Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung ihrer Produktionsmethoden unterstützt und die Marktnachfrage nach agrarökologischen Produkten gestärkt werden, etwa durch die öffentliche Beschaffung.
Zudem haben unsere Workshops in Dakar gezeigt, dass viele agrarökologische Unternehmen tragfähige, wachsende und investitionswürdige Betriebe sind, die grosse soziale und ökologische Wirkungen erzielen.
Um die wichtigsten Erkenntnisse aus den Workshops in Dakar zu teilen, plant Biovision für 2026 eine Reihe von Analysen: zur Umsetzung der NAS, zur Koordination der beteiligten Akteure sowie zur Finanzierung dieser Strategien, zum wirtschaftlichen Potenzial und zur Wirkungskraft agrarökologischer Unternehmen.
Eine Studie, welche die Zukunft aufzeigt
Damit Agrarökologie auch in der Schweiz breiter umgesetzt wird, braucht es inspirierende Beispiele aus der Praxis. Biovision hat in den letzten Jahren über 20 Betriebe und Initiativen porträtiert und als «Leuchttürme» der breiten Öffentlichkeit näher gebracht.
Erfolg trotz schwieriger Rahmenbedingungen
Einer davon ist der Hof Adlerzart in Oberrüti AG. Die Kühe von Pirmin Adler profitieren von einer vielfältigen Weide mit Bäumen und Sträuchern wie Hainbuche, Ahorn oder Vogelbeere. Diese liefern wertvolle Nährstoffe, reduzieren den Bedarf an zugekauftem Futter und tierärztlichen Behandlungen und fördern gleichzeitig Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität. Die Umsetzung seines Agroforstsystems war jedoch anspruchsvoll: Fachwissen ist in der Schweiz kaum vorhanden, die Pflanzung der Bäume zeit- und kostenintensiv und es mussten rechtliche Fragen geklärt werden.
Dieses Beispiel zeigt, dass unsere Leuchttürme der Agrarökologie nicht dank, sondern trotz der aktuellen Rahmenbedingungen erfolgreich, aber zumeist eine Nische sind. Gleichzeitig stehen viele konventionelle Landwirtschaftsbetriebe unter enormem Druck tiefer Marktpreise und sind dringend auf eine Perspektive angewiesen. Hier setzt eine Studie von Biovision an: Soll Agrarökologie für eine breite Zahl von Betrieben attraktiv werden, müssen sich politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen grundlegend ändern. Sie bilden die Basis für eine nachhaltige Ernährungszukunft in der Schweiz.
Die Studie identifiziert drei zentrale Hebel:
- Vielfalt in Anbau und Tierhaltung stärkt die Resilienz gegenüber Klima- und Biodiversitätskrisen, deshalb müssen sie stärker gefördert werden.
- Agrarökologisches Wissen braucht einen festen Platz in Ausbildung und Praxis.
- Auch Handel und Konsum müssen nachhaltig produzierte Lebensmittel stärker wertschätzen und zugänglich machen.
Agrarökologie muss also systemisch gedacht werden – von der Praxis über die Bildung bis zum Konsum.
Ein breites Echo für unsere Erkenntnisse
Die Studie haben wir im April 2025 auf dem Hof Rinderbrunnen in Grüt ZH den Medien vorgestellt und wir stiessen dabei auf ein breites Echo. Die Ergebnisse haben wir innerhalb der Agrarallianz anderen Organisationen aus der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft vorgestellt, darunter Branchenorganisationen wie Bio Suisse und IP Suisse, aber auch Tierschutzorganisationen, der Schweizer Konsumentenschutz und Umweltorganisationen. Schliesslich wurden wir eingeladen, die Resultate auch dem Direktorium des Bundesamts für Landwirtschaft zu präsentieren und sind dort auf Interesse an unseren guten Beispielen gestossen.
Biovision wird sich auch 2026 dafür einsetzen, dass diese Erkenntnisse in die Agrarpolitik AP30+ einfliessen.