Gesundes vom Feld
fürs Armenviertel

Von

Patricio Frei, Biovision (Text) und Noor Khamis (Bilder).

Den Menschen in einem Armenviertel Kenias den Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln ermöglichen – eine enorme Herausforderung. Schliesslich muss eine ganze Lieferkette aufgebaut werden, vom Acker bis zum Ladentisch. Eines zeigt sich aber bereits: Es profitieren sowohl die Bauernfamilien als auch die Menschen im Armenviertel.

Beim Mangosetzling greift Miriam Mikayo David in den Boden und hält eine Handvoll Erde vor sich: «Schau nur, wie dunkel diese Erde hier ist! Da drüben beim alten Maisfeld ist sie rot.» Vor fünf Monaten hat die Bäuerin an einem von Biovision mitorganisiertem Workshop erstmals von der syntropischen Agroforstwirtschaft erfahren und danach sofort begonnen, ein Feld entsprechend zu bewirtschaften. 

Die Farm der 38-Jährigen misst gerade einmal eine Hektare und liegt im kenianischen Bezirk Makueni. Die Bäuerin muss sich allein um die drei Söhne im Schulalter und die Farm kümmern. Ihr Mann arbeitet in Nairobi, um die Familie finanziell zu unterstützen. 

Während nebenan die Maispflanzen weit auseinander stehen, gedeiht um Miriam David herum das neu angelegte Feld in üppigem Grün. In Reihen unterteilt wachsen hier Getreide, Maniok, Erdbeeren, Kürbisse und allerlei Gemüse – flankiert von Setzlingen von Bananen-, Avocado- und Papayabäumen. «Hirse und Spinat habe ich bereits geerntet», freut sie sich. 

Die Anbaumethoden wirken sich auf die Bodengesundheit aus: Links reiner Maisanbau, der Boden trocken und rot. Rechts Davids neues Feld mit vielfältigem Anbau, die Erde fruchtbarer und dunkler.

Mischkultur statt Ernteausfall 

Früher habe sie ausschliesslich Mais und Bohnen angepflanzt und auf synthetische Pestizide gesetzt: «Und trotzdem konnte ein Insekt eine ganze Ernte vernichten», erklärt Miriam David. «Im Workshop habe ich gelernt, wie wichtig Mischkultur für mich und meine Farm ist. Wenn jetzt der Mais von einem Schädling befallen wird, können wir immer noch andere Pflanzen ernten, die die Insekten nicht interessieren.» 

Dank des Projekts von Biovision hat ihre Familie mehr Abwechslung auf dem Teller, ein kleineres Risiko für Ernteausfälle und damit mehr Ernährungssicherheit– sowie ein zusätzliches Einkommen. 

Hier im Süden Kenias ist es trocken. «Die grosse Herausforderung ist das Wasser», sagt die Bäuerin. In der Trockenzeit muss sie es in Kanistern vom kleinen Stauwehr herschleppen. Bis zu 20-mal an einem einzigen Tag. Miriam David hofft, von unserer Partnerorganisation Feedback-to-the-Future einen grösseren Wassertank zu erhalten. Doch auf Hoffnung allein mag sie nicht setzen. Sie weiss: «Ich muss in der Regenzeit Wasser speichern, damit man die Schönheit der Farm sehen kann.» Und so finden sich überall auf ihrem Land Gräben, die das kostbare Regenwasser zurückhalten sollen. Der grösste, gleich unter den alten Bäumen bei ihrem neuen Feld, ist über zwei Meter tief. Auch diesen, so versichert sie lächelnd, habe sie ganz allein ausgehoben: «I’m a strong woman!» Sie sei eine starke Frau! 

Eine Perspektive für Junge 

Doch es sind nicht nur erfahrenere Bäuerinnen und Bauern, die ihre Anbautechniken überdenken. Auch die jüngere Generation entdeckt in der neuen Methode eine Perspektive für die Zukunft:  Isaac Mwoldo Ndolo, ein junger Mann aus der Region, hat sich ebenfalls für die syntropische Methode entschieden. Der 20-Jährige steht mit einer Gruppe junger Männer und zwei älteren Damen auf einem Feld eines Freundes, in der Hand eine schwere Hacke. Feldarbeit wird hier meistens gemeinsam erledigt. Die Gruppe legt heute die Reihen für einen neuen Agroforst an: Guave, Bananen und Maulbeere neben Zitronengras und Blattkohl. 

Dabei war Ndolo schon weit weg, wie die meisten in seinem Alter. Drei Viertel der Jungen leben wegen der Arbeit in Nairobi. Doch dann verlor er seinen Job in einem kleinen Laden. Zurück in seinem Dorf, hörte er zum ersten Mal von syntropischer Agroforstwirtschaft. Heute, nur wenige Monate später, hat er auf der Farm seiner Eltern bereits das zweite Feld neu angepflanzt, arbeitet für das Projekt und sieht seine Zukunft in Makueni: «Es ist viel besser, hier zu leben und die eigene Ernte an die Menschen in der Stadt zu verkaufen.» 

In Kochkursen lernen Bewohner:innen des Armenviertels die Bedeutung gesunder und die Risiken einer einseitigen Ernährung.

Neue Lieferketten entstehen 

Miriam David und Isaac Ndolo gehören zu den rund 500 Bäuerinnen und Bauern, die für das Biovision-Projekt Urban Nutrition – zu Deutsch Ernährung in der Stadt – mit nachhaltigen Anbaumethoden Lebensmittel produzieren.  

Zwei Mal die Woche bringt ein Lieferwagen ihre Avocados, das Blattgemüse und die Süsskartoffeln in die Hauptstadt Nairobi. Dort landen die Produkte jedoch nicht etwa in Supermärkten, sondern im Armenviertel Viwandani. Verkauft wird das Obst und Gemüse im projekteigenen Laden und bei fünf Mama Mbogas, wie die Strassenverkäuferinnen hier genannt werden.  

Eine Kundin der ersten Stunde ist Lucy Kinyua: «Das Gemüse ist viel frischer und behält auch beim Kochen den Geschmack. Und wenn man es isst, ist es einfach wow!» Die Polizeioffizierin ist derart begeistert, dass sie das Gemüse auch bei der Arbeit und in ihrem Freundeskreis weiterempfiehlt. 

Einseitige Ernährung im Armenviertel 

Eines der Probleme in Viwandani: Viele Menschen ernähren sich ungesund und einseitig. Fehlende finanzielle Ressourcen und der eingeschränkte Zugang zu frischen Lebensmitteln spielen dabei ebenso eine Rolle wie Ernährungsgewohnheiten und begrenztes Wissen über gesunde Ernährung. Deshalb zeigen Mitarbeitende unserer Partnerorganisationen den Bewohner:innen in Schulungen und Kochkursen die Bedeutung gesunder – sowie die Risiken einer einseitigen Ernährung. 

Damit die Nachfrage nach dem Gemüse und Obst von Miriam David und den anderen Bauernfamilien wächst, spielen auch Gesundheitsberaterin eine wichtige Rolle. Zu ihnen gehört Beatrice Atieno. Sie gibt ihr Wissen an Nachbarinnen und Nachbarn im Viertel weiter. Meist geschieht dies bei einer zufälligen Begegnung in einer der engen Gassen oder wenn Atieno um Rat gefragt wird. Für sie ist klar: «Viele Krankheiten hängen damit zusammen, wie wir uns ernähren und wie wir leben.»  

Die Reportage aus Viwandani zeigt, wie das Projekt Urban Nutrition im Armenviertel wirkt.

Gibt ihr Wissen über Ernährung im Armenviertel weiter: Gesundheitsberaterin Beatrice Atieno wäscht Blattgemüse für ihr Mittagessen.

Nachfrage übersteigt Angebot 

Erfreulich: Aktuell übertrifft die Nachfrage das Angebot. Dies hat auch damit zu tun, dass die Menge an Nahrungsmitteln aus Makueni noch bescheiden ausfällt. Denn Miriam David, Isaac Ndolo und die anderen Bauernfamilien haben eben erst umgestellt und bauen noch nicht grossflächig nachhaltig an. So brauchen zum Beispiel einzelne Obstbäume noch ein paar Jahre, bis sie genügend Früchte für den Verkauf tragen.  

Um die wachsende Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln zu befriedigen, wollen die Projektverantwortlichen nun auch nachhaltig angebautes Gemüse und Obst aus einem anderen Biovision-Projekt im Bezirk Vihiga beziehen. Zudem wurde ein Kühler im Laden in Viwandani installiert, um die Haltbarkeit der Lebensmittel zu verlängern. Es sind kleine Schritte, doch sie machen einen grossen Unterschied. 

So zeigt Urban Nutrition auf eindrucksvolle Weise, wie es gelingt, dass alle voneinander profitieren: Weil Miriam David und die anderen Bauernfamilien aus Makueni nachhaltig anbauen, erhalten die Menschen im Armenviertel gesundes Lebensmittel und ermöglichen ersteren einen Zusatzverdienst. Vor allem aber zeigt Urban Nutrition, wie nachhaltige Landwirtschaft Leben verändern kann – und gleichzeitig der Natur zugutekommt. 

Und Miriam David wird, sobald sie den Mais geerntet hat, auch das alte Feld mit der noch roten Erde in einen Agroforst verwandeln. Ihre Begeisterung hält an und wirkt weit über ihre Farm hinaus: «Ursprünglich stamme ich aus dem Massai-Land. Meine Familie dort setzt allein auf Mais, Bohnen, Milch und Fleisch. Doch jedes Mal, wenn sie mich hier besuchen kommt, zeige ich ihnen die Veränderungen auf meiner Farm. Mit der Zeit werden sie von uns lernen.» 

 

Miriam David zeigt ihr Saatgut: «Meine Familie wird mit der Zeit von uns lernen.»

Dieses Projekt wird von der Deza unterstützt.

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