Sparen bei der Prävention kommt teuer zu stehen

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella

Die Schweiz kürzt die Mittel für die internationale Zusammenarbeit drastisch. Und das in einer Zeit wachsender globaler Krisen. Für Anders Gautschi, Geschäftsführer von Biovision, ein strategischer Fehler. Im Interview erklärt er, weshalb langfristige internationale Partnerschaften entscheidend sind, um Krisen vorzubeugen und Stabilität zu schaffen.

Erneut kürzt der Bund die Mittel für die langfristige internationale Zusammenarbeit. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Die Kürzungen bei der internationalen Zusammenarbeit sind äusserst besorgniserregend und aus strategischer Sicht falsch. Entwicklungszusammenarbeit ist langfristig angelegt. Sie wirkt präventiv und schafft Stabilität, Sicherheit und Perspektiven. Genau das ist in der aktuellen Lage gefragt. Mit seinen Kürzungen bewirkt der Bundesrat genau das Gegenteil. 

Der Bund argumentiert, dass künftig vor allem auf Nothilfe gesetzt werden soll. Warum reicht dieser Weg aus deiner Sicht nicht aus? 

Nothilfe ist wichtig, aber sie bleibt Symptombekämpfung. Sie greift dann, wenn eine Krise bereits da ist. Langfristige Entwicklungszusammenarbeit setzt früher an und bekämpft die Ursachen: Sie stärkt Strukturen, schafft Perspektiven und hilft Menschen, ihre Lebensgrundlagen dauerhaft zu sichern. Genau das reduziert die Anfälligkeit für Krisen und macht Nothilfe langfristig weniger notwendig. 

Du sprichst von Prävention. Was bewirkt Entwicklungszusammenarbeit konkret? 

Nehmen wir als Beispiel unsere Arbeit bei Biovision: Unsere Projekte setzen dort an, wo Lücken bestehen. Wir vermitteln Wissen über Anbaumethoden, die dazu beitragen, Abhängigkeiten von globalen Märkten zu reduzieren und die Ernährungssicherheit langfristig zu stärken. Wir fördern Unternehmen, die agrarökologische Ansätze anwenden oder weiterentwickeln – also Geschäftsmodelle, die soziale Aspekte und Umweltverträglichkeit gezielt integrieren. Zudem setzen wir uns auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die notwendigen politischen Rahmenbedingungen ein. So entstehen nachhaltige lokale Ernährungssysteme, die Menschen genügend und vielfältiges Essen ermöglichen und sich positiv auf Gesundheit, Wohlbefinden und Einkommen auswirken. Genau darin liegt auch der präventive Ansatz: Wenn Menschen ihre Lebensgrundlagen langfristig sichern können, schwinden mögliche Krisenherde. Dafür braucht es aber auch eine langfristige Perspektive. Das geschieht nicht von heute auf morgen. 

Ein kleines Dorf im Inland Tansanias. Biovision unterstützt hier Projekte für eine nachhaltigere Landwirtschaft, die Viehhaltung und Gemüsepflanzungen miteinander verbindet. Im Hintergrund sieht man einen ersten kleinen Garten. Bild: Yusuf Msafiri.

Veränderung braucht also Zeit. Weshalb ist Verlässlichkeit in der internationalen Zusammenarbeit so entscheidend? 

Wir wollen nachhaltige und faire Ernährungssysteme aufbauen. Das braucht Zeit und Ausdauer. Wir sind nicht auf kurzfristige Erfolge aus, sondern auf stabilen Wandel. Und ja, auch hier gibt es manchmal Rückschläge. Durch das langfristige Engagement können wir daraus lernen und unsere Arbeit weiter verbessern. Verlässlichkeit ist dabei zentral – gegenüber unseren Partnerorganisationen, aber auch gegenüber unseren Geldgebenden. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass wir die eingesetzten Mittel zielgerichtet und wirkungsvoll einsetzen. Das ist unser Anspruch.

Biovision arbeitet hierfür mit lokalen Partnerorganisationen zusammen und spricht von internationaler Partnerschaft statt Entwicklungszusammenarbeit. Weshalb ist dieser Unterschied wichtig?

Wir arbeiten im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen bewusst ohne eigene Länderbüros und ausschliesslich mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Die Strukturen vor Ort bestehen bereits, wir unterstützen sie darin, sich weiterzuentwickeln und ihre Wirkung zu verstärken. Wir möchten unseren Partnern auf Augenhöhe begegnen. Wir sind davon überzeugt, dass wir nur gemeinsam langfristig Erfolge erzielen. Dazu braucht es ein entsprechendes Vertrauensverhältnis auf beiden Seiten. Und dieses Vertrauen aufzubauen, benötigt Zeit. Dank dieser Art der Zusammenarbeit kennen wir unsere Partner sehr gut. Und auch sie wissen, dass wir ein verlässlicher Partner sind, der Wirkung erzielen will und muss. Schliesslich haben wir eine Verantwortung gegenüber unseren Geldgebenden.

Apropos Geld. Biovision ist ebenfalls Partnerin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und erhält öffentliche Gelder. Inwiefern ist die Umsetzung aktueller Biovision-Projekte von den Kürzungen betroffen?

Der Programmbeitrag der DEZA ist für uns sehr wichtig. Die aktuelle Phase läuft bis Ende 2028. Das Parlament kann aber im Rahmen der jährlichen Budgetberatung weitere Kürzungen vornehmen. Für die Zeit nach 2028 müssen wir zudem damit rechnen, dass die Beiträge noch weiter gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden. Entsprechend müssen wir schon heute Szenarien entwickeln, wie wir allfällige Kürzungen auffangen können. Etwa durch eine breitere Finanzierung und Priorisierung unserer Aktivitäten. Unser Ziel bleibt dabei klar: die Wirkung unserer Arbeit langfristig zu sichern.

Besonders in Dürrezeiten sind manche Gemeinschaften auf Sparreserven angewiesen. Bild aus Tansania, wo Biovision Massai-Gemeinschaften bei der Verarbeitung und Vermarkung von Milchprodukten unterstützt. Bild: Yusuf Msafiri

Die Sparmassnahmen gehen auch mit einer allgemeinen Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit einher. Viele Menschen fragen sich, ob Entwicklungszusammenarbeit tatsächlich wirkt. Welche Erfahrungen zeigen dir persönlich, dass langfristige Partnerschaften einen Unterschied machen? 

Ich durfte auf meinen Dienstreisen zahlreiche Projekte und Unternehmen besuchen und dabei hoch qualifizierte, motivierte Persönlichkeiten kennenlernen, die vor Ort echte Veränderungen vorantreiben. Wirkung zeigt sich in der Entwicklungszusammenarbeit oft nicht in grossen Zahlen, sondern in konkreten Veränderungen. So haben unsere Partnerorganisationen in Kenia im vergangenen Jahr zum Beispiel dazu beigetragen, dass ein Gesetz geändert wurde, das Bäuerinnen und Bauern den Austausch von Saatgut untersagte. Das ist auf den ersten Blick nur eine einzelne Gesetzesanpassung; in der Praxis verbessert sie aber die Lebensgrundlagen von tausenden Menschen. Unsere Unterstützung ist deshalb als Investition in die Zukunft zu verstehen; in Menschen, in Strukturen und in stabile Entwicklung. Gerade deshalb wäre es fatal, wenn die wohlhabende Schweiz hier den Sparhebel ansetzt. 

Was passiert, wenn langfristige Entwicklungsarbeit wegfällt? Welche Folgen siehst du für die betroffenen Gemeinschaften, aber auch für die Schweiz und Europa? 

Gerade die Länder Ostafrikas besitzen ein enormes Potenzial. Das macht die Region für globale Investoren interessant. Diese verfolgen jedoch in erster Linie eigene Interessen, die nicht zwingend mit denen der lokalen Bevölkerung übereinstimmen. Langfristige Entwicklungsarbeit kann hier gegensteuern, indem sie lokale Strukturen stärkt und ressourcenschonende Produktionsweisen fördert. Das ist letztlich auch im Interesse der Schweiz und Europas. Wo Perspektiven entstehen, bleiben Gesellschaften stabiler und der Druck durch Krisen oder Konflikte nimmt ab. 

Wenn du den politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in der Schweiz eine Botschaft mitgeben könntest: Weshalb lohnt es sich gerade jetzt, in langfristige internationale Partnerschaften zu investieren? 

Die Welt ist im Umbruch. Gerade für uns als kleines Land sind stabile und prosperierende Verhältnisse auf globaler Ebene von fundamentalem Interesse. Deshalb sollten wir gerade jetzt, wo andere Akteure ihre Beiträge für Entwicklungsarbeit zurückfahren, Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Wir im globalen Norden schützen unsere Märkte mit Zöllen und unterstützen unsere Landwirtschaft mit Direktzahlungen. Die ärmeren Länder des globalen Südens haben diese Möglichkeiten nicht. Mit unserer Arbeit können wir dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten auszugleichen und fairere Voraussetzungen für alle zu schaffen. Als wohlhabendes Land ist das nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern auch eine Frage der moralischen Verantwortung.

Anders Gautschi

Anders Gautschi, Geschäftsführer der Stiftung Biovision

Der studierte Agrarwissenschaftler verfügt über langjährige Erfahrung in Landwirtschaft, Umweltpolitik und Non-Profit-Management, unter anderem beim Bundesamt für Landwirtschaft, beim Bundesamt für Umwelt sowie zuletzt als Direktor des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS).

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