Globale Ernährungskrise – so gibt Biovision Gegensteuer 

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Frank Eyhorn, Geschäftsleiter Biovision (Bild oben: FAO/IFAD/WFP Michael Tewelde)

Erhöhte Lebensmittelpreise, gestoppte Getreidelieferungen, extreme Dürren: Die Ernährungssituation hat sich in diesem Jahr weltweit für Millionen von Menschen dramatisch verschlechtert. Besonders prekär ist die Situation in Subsahara-Afrika, wo unsere Organisation rund 50 Projekte unterhält. Wie engagiert sich Biovision in der Krise?

Die gestiegenen Preise für Getreide-, Düngemittel- und Treibstoffimporte stellen für die Regierungen wie auch für die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen in unseren Partnerländern im östlichen und südlichen Afrika eine grosse Herausforderung dar. Biovision setzt sich deshalb zusammen mit ihren Partnerorganisationen vor Ort verstärkt für eine diversifizierte lokale Nahrungsmittelproduktion mit agrarökologischen Anbausystemen und für die Stärkung von Kreislaufwirtschaften und lokalen Märkten ein.

Ökologische Bauern weiten Produktion aus

Allgemein stellen wir fest, dass die Gemeinschaften, mit denen wir in den letzten Jahren zusammengearbeitet haben, aufgrund ihres höheren Selbstversorgungsgrades weniger stark von der Krise betroffen sind. Für Landwirt:innen, die nicht auf synthetische Düngemittel angewiesen sind, bieten die gestiegenen Marktpreise für Nahrungsmittel sogar einen Anreiz, die Nahrungsmittelproduktion auszuweiten. Und wir beobachten, dass sich aufgrund der stark gestiegenen Preise für synthetische Düngemittel immer mehr Menschen für Anbaumethoden interessieren, die ohne künstliche Inputs auskommen.

Von der Krise verschont – dank ökologischer Landwirtschaft

Exemplarisch ist die Geschichte einer Bauerngruppe im Murang’a, Kenia. Noch vor wenigen Jahren mussten sie einen Grossteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben und ihre Familien litten unter der unsicheren Ernährungssituation. Begleitet von unserer Partnerorganisation Biovision Africa Trust (BvAT) bauten sie sich in Form einer gemeinsam bewirtschafteten, ökologischen Farm eine Existenz auf, die ihnen und ihren Familien ermöglichte, sich dauerhaft gesund zu ernähren. Da sie sich selbst versorgen konnten, blieben sie von der Ernährungskrise verschont. Die Geschichte der jungen Bauerngruppe zeigt beispielhaft unseren Ansatz, gemeinsam mit unseren Partnern in Subsahara-Afrika Kleinbauernfamilien in ihren Bemühungen zu unterstützen, sich langfristig gegen Ernährungskrisen zu rüsten. Aktuell sind wir dabei, diese Aktivitäten weiter auszubauen und auszuweiten.

jeunes agriculteurs marchant dans les champs
Die Gruppenmitglieder James Njoroge, 31, (vorne) und John Wainaina, 30, auf dem Heimweg nach einem Tag Feldarbeit. Links im Bild ihr agrarökologisch bewirtschaftetes Feld, rechts, das konventionell betriebene der Nachbarn.

Das Problem an der Wurzel packen

Wir setzen bei den Ursachen des Problems an. Und diese liegen nicht etwa in einer mangelnden globalen Nahrungsproduktion: Weltweit werden rund doppelt so viele Kalorien an Nahrung produziert als es bräuchte, um die Menschheit zu ernähren. Rund 40% der globalen Ackerfläche wird aber für die Tierfutterproduktion verwendet; 10% des Getreides für Biotreibstoffe. Letztlich sind es vielerorts die billigen Nahrungsmittelimporte und die staatlich subventionierte agrarindustrielle Landwirtschaft, die eine vielfältige lokale Nahrungsproduktion zugunsten von Exportkulturen verdrängt hat. Der Schlüssel zur Lösung der Ernährungskrise liegt also nicht in einer Steigerung der industriellen Produktion, sondern im Gegenteil in der Förderung vielfältiger, kleinbäuerlicher Betriebe in Kombination mit modernen ökologischen Anbaumethoden.

Regierungen bekennen sich zur Agrarökologie und erstellen bindende Pläne

Um die nötige Transformation der Ernährungssysteme zu fördern, führen wir politische Dialoge mit nationalen und regionalen Regierungen, etwa in Burkina Faso, Kenia, Uganda oder Malawi, sowie mit globalen Krisenreaktionsgruppen wie der UN Global Crisis Response Group on Food, Energy, and Finance. Über Multistakeholder-Plattformen, die insbesondere Frauen- und Jugendgruppen einbeziehen, konnte in Kenia und Uganda erreicht werden, dass die jeweiligen Regierungen einen bindenden Plan für die Erarbeitung nationaler Agrarökologiestrategien unterstützen. Auf globaler Ebene organisieren wir gemeinsam mit der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO einen politischen Dialog über die Rolle der Agrarökologie als Antwort auf die Verknappung von Agrarinputs.
Auch in mediale Debatten bringen wir uns ein, um die Ursachen der Krise aufzuzeigen und nachhaltige Lösungen einzubringen. Als im Mai 2022 die Aussage eines Vertreters einer grossen Agrochemie-Firma in den Medien kursierte, dass hiesige Bio-Konsument:innen am Hunger in Afrika Schuld seien, brachten wir unsere Sicht in die Diskussion ein.

Kamele, die der extremen Dürre in Äthiopien standhalten.
Biovision betreibt im Norden Äthiopiens mit der Jigjiga Universität ein Projekt zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Pastoralist:innen. Kamele kommen mit Trockenheit wesentlich besser zurecht als Rinder. Dieses Bild entstand auf Projektreise 2022, als bereits zum fünften Mal in Folge der Regen ausblieb. Bild: Sévérine Erismann/Biovision.

Sofortmassnahmen zur akuten Linderung der Krise

Alle oben genannten Aktivitäten dienen dem Ziel, die Ernährungskrise mittel- bis langfristig zu lindern. Als Reaktion auf die aktuelle Krise unterstützen wir unsere Partner aber auch mit kurzfristigen Sofortmassnahmen zur Resilienzförderung. So hat das lokale Projektteam in der Somali-Region in Äthiopien seine Aktivitäten aufgrund der Dürrekrise angepasst, um die Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit gezielt zu unterstützen: Über die bereits bestehende gemeindebasierte Krankenversicherung bietet Biovision zusätzliche finanzielle Unterstützung. Sie hilft Menschen in Not, indem sie ihnen den Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten sicherstellt und die Ausgaben für die medizinische Notfallversorgung deckt. Dies ermöglicht Biovision, dem Projektteam und insbesondere der lokalen Bevölkerung, den Weg für eine langfristige Zusammenarbeit zur Förderung zusätzlicher Einkommensquellen und verbesserter Lebensbedingungen zu ebnen.

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