Jung, motiviert, erfolgreich – mit ökologischem Gemüse

Von

Florian Blumer, Biovision (Text) und Noor Khamis (Bilder)

Ein gutes Dutzend junge Männer und Frauen haben sich vor drei Jahren in Murang’a, Zentralkenia, zu einer ökologischen Bauerngruppe zusammengeschlossen. Die Ernährungsunsicherheit in ihren Familien haben sie erfolgreich überwunden – nun träumen sie von mehr.

«Unsere Vision? Das Land ernähren!» Bernard Ngugi, 32, Initiator und Finanzverant­wortlicher der Bauerngruppe «Witeithia Gathimaini Youth Group», verzieht keine Miene, als er dies sagt. Seit drei Jahren be­wirtschaften er und weitere 13 Männer und Frauen, die meisten zwischen 24 und 32 Jahren alt, rund 7,5 Hektar Land im frucht­baren Hochland nördlich von Nairobi. Das reicht noch nicht, um Essen für ganz Kenia
zu produzieren, doch Ngugis Aussage bringt es auf den Punkt: Damit, dass sie die Ernäh­rungssituation in ihren Familien nachhaltig verbessert haben, ist ihre Geschichte noch lange nicht zu Ende.

So richtig begonnen hat sie vor drei Jahren, als Gruppenmitglied Simon Kimani eine Radio­ sendung hörte über ökologischen Gemüse­ anbau. Kurzentschlossen ging er beim lokalen Bauern­Informationszentrum von Biovision Africa Trust (BvAT) vorbei. Die Partnerorga­nisation von Biovision produziert die Radio­sendungen und bietet Ausbildung und Be­gleitung in ökologischer Landwirtschaft an. Sie seien eine Gruppe von rund 15 jungen Leuten, so Kimani, die gemeinsam Land be­wirtschaften wollten, und zwar ohne Pesti­zide – aber nicht wüssten wie.

Verlockung schnelles Geld

Die Anfrage löste bei Sarah Karanja, welche die Radiosendung gestaltet hatte, ungläu­biges Staunen aus. Seit acht Jahren war sie damals Ausbilderin für BvAT, ihre bisheri­gen Gruppen bestanden hauptsächlich aus Bäuerinnen und Bauern mittleren Alters, die unabhängig voneinander ihre eigenen Höfe bewirtschafteten. Mit Unter-30-Jährigen hatte sie bis dahin nichts zu tun. Diese interessieren sich in der Regel nicht für Landwirtschaft, sondern träumen von einer Karriere als Geschäftsmann oder Bankerin in der Stadt oder gehen Gelegenheitsjobs nach, auf der Suche nach schnellen 50 «Bob» (umgangssprachlich für Kenianische Schilling). Mit den umgerechnet rund 40 Rappen lässt sich bereits eine Flasche selbstgebrannter
Alkohol, etwas Khat oder Marihuana kaufen.

Bernard Ngugi, damals Mitte 20, hatte eine andere Idee. Er hatte es satt, seiner jungen Familie kaum mehr als Mais, Bohnen, Kohl oder ein paar Bananen vorsetzen zu können – wofür auch ein Grossteil seines bescheidenen Einkommens als Verkäufer draufging. Dazu hörte er immer öfter, dass der eigenartige Geschmack im Marktgemüse von den Pestiziden komme und dies etwas mit der hohen Krebsrate in der Region zu tun habe. Er erkannte seine Chance: Boden war da, auf dem Hof seiner Eltern gab es Felder, die brachlagen. Auch an jungen Leuten, die nichts zu tun hatten, fehlte es nicht. Also fing er an, Männer und Frauen aus seinem Umfeld anzusprechen. Sie zu überzeugen, war erst gar nicht so einfach. Denn, so betont Ngugi: «Für die Landwirtschaft braucht es viel Geduld.» Bis man etwas ernten kann, vergehen Wochen bis Monate. Diese Geduld brachten viele nicht auf. Und, so der junge Bauer: «Einige waren schon zu tief in den Drogen drin – Feldarbeit ist harte körperliche Arbeit.» Dazu gilt Landwirtschaft vielen als etwas Rückständiges, die meisten lehnten dankend ab. «Als sie unseren Erfolg sahen», sagt Ngugi und lacht, «kamen sie dann wieder und fragten, ob sie auch mitmachen dürfen.»

 

Der Durchbruch für die Gruppe kam mit den Workshops von «Madam Sarah», wie die jungen Bäuerinnen und Bauern ihre Ausbilderin respektvoll nennen. «Sie waren sehr wissbegierig», erinnert sich diese und lächelt, «aber auch ziemlich ahnungslos, was ökologischen Anbau betrifft.» Als Erstes sagte sie ihnen, dass sie die Bodenfruchtbarkeit wiederherstellen müssten: Sie brachte ihnen bei, Kompost und natürlichen Dünger herzustellen.

Bestseller Pfeilwurz

Karanja schlug ihnen vor, auf Pfeilwurz zu setzen. Diese Pflanze hat wenig Probleme
mit Schädlingen und verkauft sich gut – erst recht, wenn sie ökologisch produziert wurde. Bernard Ngugi erklärt: «Unser Pfeilwurz ist schwerer als der konventionelle auf dem Markt, er ist weniger wässrig und süsser.» Während viele Nachbarn noch immer auf «the usual maize and beans» setzen, wie es Ngugi bezeichnet, findet sich auf den Feldern der Gruppe eine fast endlose Vielfalt: Es wachsen Süsskartoffeln, Cassava, Papayas, Amaranth, Peperoni, Auberginen, Yams, Bohnen, Erdbeeren, Schwarzer Nachtschatten und so weiter. Noch vor ein paar Jahren kam in den Familien der jungen Männer und Frauen nicht immer genügend gesundes Essen auf den Tisch. Nun sagen sie übereinstimmend: «Ernährungssicherheit ist bei uns kein Thema mehr.»

Simon Kimani (links) und zwei Kollegen bringen Mulch auf einem Pfeilwurzfeld aus.
Simon Kimani (links) und zwei Kollegen bringen Mulch auf einem Pfeilwurzfeld aus.

Und: Was sie früher für Lebensmittel ausgeben mussten, haben sie nun für anderes zur Verfügung, für Schulgeld etwa oder Fahrten in die Stadt. Was mit den Einnahmen aus dem Verkauf geschieht, darüber bestimmen die Mitglieder der Gruppe an gemeinsamen Sitzungen. Ein Teil wird jeweils an die Mitglieder ausbezahlt, ein Teil geht in die Weiterentwicklung ihres Projekts. So konnten sie von den Einnahmen Baumaterialien für ein Gewächshaus kaufen. Das Know -how zum Bau holten sie sich auf YouTube.

Doch so erfolgreich die enthusiastischen Jungbäuerinnen und -bauern wirtschaften, sie stossen auch an Grenzen. So fällt immer wieder der – teure – Strom für die Pumpe aus, die das Wasser vom Brunnen auf die Felder bringt. Die Gruppe träumt von einer Solaranlage. Im Moment sind sie dabei zu ermitteln, wie eine solche beschafft und finanziert werden könnte. «Ich kann sie in agrarökologischen Methoden unterrichten, die Beschaffung von Solaranlagen ist aber nicht mein Fachgebiet», meint Sarah Karanja schmunzelnd. Dennoch versucht sie, die Gruppe auch dabei zu unterstützen.

Bernard Ngugi sagt, der Plan der Gruppe sei, dereinst eine Firma zu gründen, die ihre Produkte ins ganze Land – und darüber hinaus – vertreibt. Die jungen Bäuerinnen und Bauern träumen gross – zu gross? Danach gefragt, wohin ihre Reise noch gehen könnte, sagt ihre Ausbilderin, ohne zu zögern: «Diese Gruppe wird es weit bringen.»

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