Wie können wir uns in der Schweiz im Jahr 2050 ernähren, damit Mensch und Umwelt davon profitieren? Dieser Frage geht die Agroscope-Studie Zukunftsbild eines nachhaltigen Schweizer Ernährungssystems nach. Albert von Ow, Mitautor der Studie, erklärt im Interview, weshalb von einer nachhaltigeren Zukunft nicht nur die Umwelt und Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft profitieren könnten.
Biovision: Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft wird oft als Gegensatz zu wirtschaftlichem Erfolg und einer ausreichenden Lebensmittelversorgung gesehen. Ihre Ergebnisse widersprechen diesem Bild. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Albert von Ow: Überraschend war, dass ein nachhaltigeres Ernährungssystem viele Vorteile bietet und nur wenige Nachteile mit sich bringt. Natürlich wären nicht alle Bereiche gleich betroffen. So müssten sich beispielsweise die Fleischproduktion und die Fleischverarbeitung auf Veränderungen einstellen. Dafür braucht es Zeit und geeignete Begleitmassnahmen. Gleichzeitig würde die Volkswirtschaft insgesamt profitieren. So könnten andere Bereiche wachsen, etwa die Produktion und Verarbeitung von Getreide und Hülsenfrüchten für die menschliche Ernährung. Zudem würden die Gesundheits- und Umweltkosten deutlich sinken. Zwei weitere Studien bestätigen diese Ergebnisse.
Wenn die Schweiz die Nachhaltigkeitsziele des Bundes erreichen will: Wie würde die Landwirtschaft im Jahr 2050 konkret anders aussehen als heute?
Die Nachhaltigkeitsziele des Bundes streben eine nachhaltige Entwicklung in allen gesellschaftlichen Bereichen an, wobei ein nachhaltiger Konsum eines der Schwerpunktthemen der Schweiz ist. Die Menschen würden mehr pflanzliche und regional produzierte Lebensmittel essen. Und die Landwirtschaft würde ihre Produktion entsprechend anpassen: Im Ackerbau würden mehr Getreide, Hülsenfrüchte, Ölsaaten, Kartoffeln und Gemüse für die menschliche Ernährung produziert. Gleichzeitig nähmen Futtermittelproduktion und Tierhaltung ab. Die Milchviehhaltung würde sich auf geeignete Grünlandgebiete konzentrieren. Mutterkühe, Schafe und Ziegen würden vermehrt auf extensiveren Standorten gehalten. Zudem kämen ressourceneffiziente und umweltschonende Produktionsweisen häufiger zum Einsatz.
Albert von Ow
Ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe «Ökonomische Modellierung und Politikanalyse» (ÖMPA) von Agroscope.
Als Agrarökonom ETH bearbeitet er Projekte, die zur Erhöhung der Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit der Ernährung beitragen sollen. Dabei beurteilt er sowohl die Produktion als auch den Konsum von Nahrungsmitteln. Bei der Versorgungssicherheit stehen die Massnahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung wie zum Beispiel die Pflichtlagerhaltung im Vordergrund.
Agroscope ist das Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung und ist dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) angegliedert. Agroscope leistet einen bedeutenden Beitrag für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft sowie eine intakte Umwelt.
Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit der Wandel zu einem nachhaltigen Ernährungssystem gelingt?
Entscheidend ist eine langfristige Perspektive: Betriebe brauchen genügend Zeit, damit bestehende Anlagen ersetzt und neue Investitionen geplant werden können. Auch die Agrarpolitik müsste den Wandel gezielt unterstützen und den Anbau pflanzlicher Lebensmittel fördern. Gleichzeitig braucht es Massnahmen auf der Konsumseite, etwa indem nachhaltige und gesunde Ernährung in der Aus- und Weiterbildung stärker verankert wird. Ebenso wichtig ist eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie sich unsere Ernährung langfristig verändern soll. Denn nur wenn möglichst viele Menschen diesen Wandel mittragen, kann er gelingen.
Ihre Modellrechnungen zeigen eine deutlich höhere Nachfrage nach Hülsenfrüchten und anderen pflanzlichen Proteinen. Welche Chancen eröffnet das für Schweizer Bäuerinnen und Bauern?
Unsere Studie geht davon aus, dass sich der Konsum stärker an den Ernährungsempfehlungen orientiert. Dadurch steigt die Nachfrage nach Hülsenfrüchten und anderen pflanzlichen Proteinen. Damit die Schweizer Landwirtschaft dieses Potenzial nutzen kann, braucht es entsprechende Anpassungen in der Agrarpolitik. Betriebe in Ackerbaugebieten, die ihre Tierhaltung reduzieren oder aufgeben, könnten beispielsweise mehr Hülsenfrüchte anbauen. Alternativ könnten sie auf Kulturen mit höherer Wertschöpfung setzen, etwa Gemüse oder andere Nischenkulturen.
Ihre Studie argumentiert: Die grössten Hebel liegen nicht auf dem Feld, sondern auf dem Teller. Warum?
Mit Massnahmen bei der Produktion kann die Nachhaltigkeit der Ernährung zwar zu einem gewissen Grad verbessert werden. Deutlich grösser ist das Potenzial aber bei einer Anpassung des Konsums. Verschiedene Lebensmittel unterscheiden sich stark in ihrer Umweltwirkung, beispielsweise beim Treibhauspotenzial. Auch die Vermeidung von Food Waste bietet grosses Verbesserungspotenzial. Um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, braucht es deshalb Massnahmen auf beiden Seiten: bei der Produktion ebenso wie beim Konsum.
Tage der Agrarökologie: zweimal mit Biovision
Der Oktober steht erneut ganz im Zeichen der Tage der Agrarökologie. Biovision lädt am 21. Oktober zu einer Online-Veranstaltung ein, bei der Albert von Ow die wichtigsten Ergebnisse der Agroscope-Studie «Zukunftsbild eines nachhaltigen Schweizer Ernährungssystems» vorstellt und einordnet.
Mehr dazu:
- Tage der Agrarökologie: agroecologyworks.ch/de/tage-der-agraroekologie
- Online-Event «Zukunftsbild eines nachhaltigen Schweizer Ernährungssystems» am 21. Oktober (von Biovision organisiert): https://www.agroecologyworks.ch/de/tage-der-agraroekologie/2026/events/zukunftsbild-2050-entwicklungsszenarien-fuer-die-schweizer-land-und-ernaehrungswirtschaft
- Tagung «Krise Landwirtschaft Klima» am 26. Oktober (mit Beteiligung von Biovision): https://www.agroecologyworks.ch/de/tage-der-agraroekologie/2026/events/krise-landwirtschaft-klima