Das Projekt im Kurzporträt
Die Ferme du Château aus Payerne liegt mitten in der fruchtbaren Ackerbauregion des Waadtlands. Bruno und Cathy Graf bewirtschaften seit über 10 Jahren den 20 Hektaren grossen, biologischen Betrieb konsequent ohne Tiere und ohne tierische Betriebsmittel. Statt Mist oder Gülle setzen sie auf Gründüngung, Mulch und Kompost aus rein pflanzlichen Reststoffen. Damit gehört die Ferme du Château zu den wenigen bioveganen Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz. Ziel des Betriebs ist es, Bodenfruchtbarkeit aufzubauen, klimaresiliente Kulturen zu fördern und landwirtschaftliche Produktion vollständig ohne Tierhaltung zu realisieren.
Bio‑vegane Landwirtschaft als agrarökologisches Experimentierfeld
Ein kühler Wind streicht über die Felder im waadtländischen Mittelland. Wo sonst Weizen oder Mais das Landschaftsbild prägen, wachsen auf der Ferme du Château Sorghum, Lupinen und Kichererbsen. Es sind Kulturen, die man eher aus trockenen Regionen kennt als aus einer der produktivsten Ackerbauregionen der Schweiz. Und doch stehen sie hier sinnbildlich für einen Betrieb, der bewusst neue Wege geht.
Bruno Graf kniet sich zwischen die Reihen einer Leguminosen-Kultur und greift in den Boden. Die Erde ist dunkel und locker. «Der Boden ist unser wichtigstes Kapital», sagt er. Genau darauf zielt die bio‑vegane Bewirtschaftung ab: Statt Nährstoffe mittels tierischem Dünger einzubringen, wird die Fruchtbarkeit über vielfältige Fruchtfolgen, Zwischenbegrünungen und pflanzenbasierten Kompost aufgebaut. Diese Praxis verbessert die Bodenstruktur, erhöht die Wasserspeicherfähigkeit und trägt dazu bei, Kohlenstoff im Boden zu binden (Prinzip 3 Gesundheit der Böden) – ein wichtiger Beitrag zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Ferme du Château im Internet
Ein besonderes Augenmerk legen Bruno und Cathy Graf auf robuste, trockenheitsresistente Kulturen. Sorghum spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Pflanze kommt mit wenig Wasser aus, verträgt hohe Temperaturen und liefert dennoch gute Erträge. «Sorghum ist unglaublich vielseitig», erklärt Cathy Graf. «Es ist Grundlage vieler Speisen, so verarbeiten wir es auch zu Sirup.»
Neben Sorghum wachsen Lupinen, Kichererbsen, Soja, Sonnenblumen sowie weitere Hülsenfrüchte und Ölsaaten auf den Feldern (Prinzip 7 Wirtschaftliche Diversifizierung). Sie bringen Vielfalt in die Fruchtfolge, binden Stickstoff aus der Luft und stärken die natürliche Nährstoffversorgung des Bodens. Gleichzeitig machen sie das Anbausystem widerstandsfähiger gegenüber Klimaschwankungen.
Wissen teilen und weiterentwickeln
Hier zeigt sich eine inhaltliche Nähe zur Arbeit von Biovision in Ostafrika. Auch dort spielen Sorghum, Hirse und Leguminosen eine zentrale Rolle für die Ernährungssicherheit, Bodengesundheit und Anpassung an den Klimawandel. Die Erfahrungen von der Ferme du Château verdeutlichen, dass agrarökologische Ansätze standortübergreifend voneinander lernen können.
Die Ferme du Château versteht sich nicht nur als Produktionsbetrieb, sondern auch als Lernort. In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) werden neue Anbaumethoden erprobt und wissenschaftlich begleitet. Gleichzeitig ist der Hof offen für Besucher:innen, freiwillige Helfer:innen sowie interessierte Bäuerinnen und Bauern. Wissen soll hier nicht gehortet, sondern geteilt und weiterentwickelt werden (Prinzip 8 Gemeinsame Wissensgenerierung).
Auch bei der Vermarktung gehen Bruno und Cathy Graf konsequent ihren eigenen Weg. Ein Teil der Produkte wird direkt an Kund:innen verkauft. Für die Auslieferung nutzen sie bewusst den öffentlichen Verkehr. Mit einem Generalabonnement beliefern sie ihre Kundschaft per Zug und Bus. Das spart CO₂, reduziert Lieferfahrten und macht die klimafreundliche Haltung des Betriebs auch in der Logistik sichtbar. Gleichzeitig entstehen persönliche Begegnungen und kurze, transparente Wertschöpfungsketten (Prinzip 11 Anschlussfähigkeit).
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
Die Ferme du Château zeigt, dass bio–vegane Landwirtschaft auch in der Schweiz praktikabel ist. Der vollständige Verzicht auf Tierhaltung und tierische Betriebsmittel wird hier nicht als Einschränkung verstanden, sondern als Chance, Bodenfruchtbarkeit über pflanzliche Kreisläufe aufzubauen (Prinzip 1 Recycling). Durch vielfältige Fruchtfolgen, den gezielten Anbau von Leguminosen und den Einsatz von pflanzenbasiertem Kompost werden Bodenleben, Struktur und Wasserspeicherfähigkeit langfristig gestärkt (Prinzip 6 Synergien). Die Wahl klimaresilienter Kulturen wie Sorghum macht den Betrieb anpassungsfähig gegenüber zunehmender Trockenheit.
Gleichzeitig überzeugt das Projekt durch seinen offenen Wissensaustausch, die Zusammenarbeit mit der Forschung, kurze Wertschöpfungsketten und eine konsequent klimafreundliche Logistik. Die Ferme du Château schlägt damit eine Brücke zwischen agrarökologischer Praxis in der Schweiz und den Erfahrungen von Biovision und unseren Partnerorganisationen in Ostafrika.
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Die konsequent bio‑vegane Bewirtschaftung bringt auch Herausforderungen mit sich. Da entsprechende Anbausysteme in der Schweiz noch wenig verbreitet sind, erfordert die Planung der Fruchtfolgen und der Nährstoffversorgung, neben einer grossen Beobachtungsgabe und Freude am Experimentieren, vor allem enorm viel Fachwissen: Nährstoffkreislauf, Humusmanagement, Humusaufbau, aerobe Kompostierung, Bodenbearbeitung mit geeigneten Spatenmaschine, um nur ein paar Punkte aufzuzählen.
Beratung und Erfahrungsaustausch sind im Vergleich zu tierbasierten Systemen noch relativ begrenzt. Hinzu kommen Ertragsrisiken bei Kulturen wie Sorghum, Augenbohnen, und Kichererbsen, die hierzulande noch wenig etabliert sind und deren Vermarktung Aufbauarbeit verlangt. Auch der höhere Arbeitsaufwand für eine sorgfältige Bodenpflege, vielfältige Kulturen und Direktvermarktung stellt Anforderungen an Zeit und Organisation.
Trotz dieser Herausforderungen zeigt die Ferme du Château, dass agrarökologische Innovation möglich ist, wenn Betriebe bereit sind, neue Wege zu gehen und kontinuierlich dazuzulernen.