Das Projekt im Kurzporträt
Die Müli Geuensee liegt im luzernischen Surental und verbindet seit Jahrhunderten landwirtschaftliche Produktion mit handwerklicher Verarbeitung. Heute wird die historische Mühle von Jonas und Marina Imfeld bewirtschaftet, die seit 2020 gemeinsam mit ihren zwei Kindern im Mühlegebäude leben und arbeiten.
Zum Betrieb gehören neben der Mühle ein biologischer Landwirtschaftsbetrieb, ein Hofladen sowie eine kleine Backstube. Die Müli verarbeitet ausschliesslich regionales Bio-Getreide und steht für eine agrarökologische Wertschöpfung, die Produktion, Verarbeitung, Direktverkauf und Gemeinschaft eng miteinander verbindet. Getragen wird der Betrieb nicht nur vom Pächterpaar, sondern auch von einem Trägerverein und einer Stiftung, die den langfristigen Erhalt der Mühle sichern.
Wo Wohnen, Arbeiten und Mahlen zusammenkommen
Wenn Jonas Imfeld frühmorgens die Mühle in Gang setzt, ist er nicht allein. Ein paar Meter weiter oben, in der Wohnung im selben Gebäude, drücken zwei kleine Kinder ihre Nasen ans Fenster. Durch die eingelassene Scheibe können sie direkt in den Mühleraum blicken und zuschauen, wie ihr Vater Getreide zu Mehl verarbeitet. Wohnen, arbeiten und wirtschaften greifen hier ineinander. Die Müli Geuensee ist nicht nur Produktionsort, sondern auch Lebensraum.
Der markante spätmittelalterliche Steinbau prägt das Dorfbild von Geuensee. Die Mühle wurde 1564 errichtet und gehört zu den ältesten erhaltenen Mühlen im Kanton Luzern. Über Jahrhunderte wurde sie vom Wasser des Dorfbachs angetrieben, unterstützt durch Stauweiher oberhalb des Gebäudes. Heute sorgt ein Elektromotor für den Antrieb, doch die Grundprinzipien des Müllerns sind geblieben. Nebst der Mehlmühle mit dem Mühlstein gibt es auch eine Röllmühle, bei der das Getreide zwischen zwei Walzen zerkleinert wird. Die Maschinen stammen grösstenteils aus den 1940er‑Jahren. Die langsamen Mahlprozesse und die schonende mechanische Verarbeitung ergeben ein Mehl mit einem eigenen Charakter. «Hier ist Mehl noch Mehl», sagt Jonas Imfeld. Kein standardisiertes Industrieprodukt, sondern ein naturbelassenes Lebensmittel mit Herkunft.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Müli Geuensee im Internet
Das Getreide für die Müli stammt ausschliesslich von Bio-Betrieben aus der Region. Verarbeitet werden unter anderem Urdinkel, Weizen, Roggen, Hafer, Emmer und Einkorn.
Ein Teil des Getreides kommt vom Katzhof in Richenthal, einem weiteren von Biovision porträtierten Leuchtturmbetrieb. Der Demeter‑Hof verbindet vielfältigen Ackerbau mit regenerativen Ansätzen wie Keyline‑Design, gezieltem Wassermanagement und konsequentem Bodenaufbau. Dass Getreide vom Katzhof in der Müli Geuensee verarbeitet wird, macht die Verbindung zwischen agrarökologischer Produktion und regionaler Verarbeitung sichtbar und zeigt, wie sich Betriebe gegenseitig stärken können.
Verein und Stiftung bilden das Rückgrat
Zur Müli gehört auch ein eigener biologischer Landwirtschaftsbetrieb. Dadurch sind Ackerbau, Verarbeitung und Direktverkauf eng miteinander verknüpft (Prinzip 7 Wirtschaftliche Diversifizierung). Wer von der Müli dem Weg entlang des Dorfbachs folgt, gelangt unweigerlich zum Hofladen. Dort verkaufen Imfelds die Produkte der Mühle – Mehle, Getreide, Flocken – ergänzt durch Erzeugnisse anderer regionaler Bio–Produzent:innen. Besonders beliebt ist das selbst gebackene Brot, das regelmässig frisch aus der Backstube kommt.
Der Hofladen ist mehr als ein Verkaufsort. Er ist Treffpunkt, Schaufenster des Handwerks und Ort des Austauschs zwischen Produzierenden und Konsumierenden.
Dass die Müli Geuensee heute noch in Betrieb ist, ist nicht selbstverständlich. Als die früheren Bewirtschafter:innen keine Nachfolge in der eigenen Familie fanden, stand der Fortbestand der Mühle auf dem Spiel. Um dieses regionale Kleinod zu erhalten, wurde ein Trägerverein gegründet und für den Kauf der Liegenschaft zusätzlich eine Stiftung ins Leben gerufen. Verein und Stiftung bilden seither das Rückgrat des Betriebs. Sie sichern die denkmalgeschützten Gebäude, tragen Investitionen mit und schaffen den Rahmen, damit Jonas und Marina Imfeld sich auf das konzentrieren können, was sie am besten können: anbauen, mahlen, verarbeiten und verkaufen.
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
Die Müli Geuensee überzeugt durch die konsequente Verbindung von agrarökologischer Produktion und regionaler Verarbeitung. Das handwerkliche Müllerwissen wird bewahrt und gleichzeitig in ein zeitgemässes, biologisches Ernährungssystem eingebettet. Durch die enge Zusammenarbeit mit regionalen Bio-Betrieben bleibt die Wertschöpfung in der Region, Transportwege sind kurz und transparent (Prinzip 9 Soziale Werte & Ernährungsweisen). Der Hofladen schafft direkte Beziehungen zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Die Müli macht Herkunft und Verarbeitung der Lebensmittel erlebbar (Prinzip 11 Anschlussfähigkeit). Die gemeinschaftliche Trägerschaft durch Verein und Stiftung stärkt die langfristige Resilienz des Betriebs und ermöglicht es, wirtschaftliche, ökologische und soziale Ziele miteinander zu verbinden (Prinzip 13 Beteiligung).
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Der Alltag in der Müli Geuensee ist anspruchsvoll. Jonas und Marina Imfeld führen einen Betrieb mit vielen Standbeinen: Mühle, Landwirtschaft, Hofladen, Backstube und Angebote für Besuchende. Gleichzeitig sind sie Eltern von zwei kleinen Kindern und möchten bewusst Zeit für ihre Familie haben. Um diese Belastung aufzufangen, haben sie entschieden, Verantwortung zu teilen und weitere Menschen einzustellen. Das bringt Entlastung, erfordert aber auch zusätzliche Koordination und finanzielle Stabilität.
Neben der personellen Frage stellt auch die Zonenplanung eine Herausforderung dar. Die Müli liegt heute in der Landwirtschaftszone, was die Weiterentwicklung des Betriebs einschränkt. Gemeinsam mit dem Trägerverein wird deshalb daran gearbeitet, die Müli künftig in eine Sonderzone zu überführen. Ziel ist es nicht, unkontrolliert zu wachsen, sondern den bestehenden Betrieb langfristig tragfähig weiterzuentwickeln.
Die Müli Geuensee steht damit exemplarisch für viele agrarökologische Betriebe, die sich zwischen Tradition und Zukunft, Idealismus und Alltag bewegen – und deren Lösungen aus Gemeinschaft, Geduld und langfristigem Engagement entstehen. Leider ist für Jonas und Marina Imfeld Ende 2026 Schluss: Sie wollen sich künftig auf den Landwirtschaftsbetrieb konzentrieren. Nun sucht die Müli Geuensee eine neue Pächterschaft.