Beatrice Peter und Jorge Vásquez stehen auf dem Feld ihres Grüthofs im Zürcher Wildensbuch und müssen die blauen Lupinen geradezu suchen, die sie vor Monaten hier gesät hatten. Bei der Aussaat damals (siehe Biovision Magazin 88 vom Mai) waren die Vorzeichen noch ausgezeichnet: Nach einer längeren Trockenphase konnte Jorge Vásquez im März auf einer Hektare die Samen ausbringen. Der Boden war schön krümelig und nicht durch Nässe verdichtet. Und weil Lupinen als kälteresistent gelten, konnte Vásquez sie so früh im Jahr ausbringen, zusammen mit Leindotter. Dieser sollte ihm helfen, das Unkraut in Schach zu halten.
Wo sind die Lupinen?
Zwei Wochen nach der Aussaat hätten die Lupinenkeimlinge bereits zwei Finger breit aus der Erde schauen sollen. In einem normalen Jahr wäre Jorge Vásquez dann mit dem Traktor wieder über das Feld gefahren, um das erste Unkraut mit den Metallborsten eines Striegels zu beseitigen. Doch 2026 ist kein normales Jahr.
«Auf einem Quadratmeter sind nur 20 bis 25 Pflanzen gewachsen, normal wären etwa 45 bis 50 Pflanzen», schätzt Vásquez und nennt zwei mögliche Ursachen: Trockenheit und Kälte. «Bei der Aussaat dachte ich noch, ich könne den bevorstehenden Regen nutzen, aber dann kam nichts mehr: kein Niederschlag.»
Und als das Saatgut endlich doch noch zu keimen begann, gab es einen Wintereinbruch. Im Gegensatz zu Soja gilt die Lupine zwar als kälteresistent, «aber nicht gegen so extreme Kälte: Es hat geschneit und blieb mehrere Tage kalt», erklärt der Bauer.
Nicht einmal die Hälfte einer normalen Ernte
Bereits im Juli statt erst im August konnten Beatrice Peter und Jorge Vásquez ernten. Für die eine Hektare benötigte der Mähdrescher nicht einmal eine Stunde.
In einem durchschnittlichen Jahr ernten die beiden 600 bis 700 Kilogramm Lupinen. Dieses Jahr müssen sie wohl mit 300 Kilo zufrieden sein. Und trotzdem rechnen die beiden kaum mit einer Einbusse. Denn auf demselben Feld wächst ja noch Leindotter, heuer besonders üppig. Davon haben sie deutlich mehr als die 500 bis 600 Kilogramm eines gewöhnlichen Jahres geerntet. «Das gleicht den Verlust bei den Lupinen etwas aus», erklären sie.
Warum es sich trotzdem lohnt, die Lupine anzubauen
Einen grossen Teil der weiteren Verarbeitung übernehmen Beatrice Peter und Jorge Vásquez selbst, etwa die Trocknung und Lagerung der Hülsenfrüchte. Wenn es auf dem Grüthof wieder etwas ruhiger und kälter wird, lässt Jorge Vásquez seine getrockneten Lupinen bei einem Nachbarn in Wildensbuch vom Leindotter und von Pflanzenresten trennen. Erst dann wird er wissen, wie viele Lupinen er tatsächlich geerntet hat.
Danach bringt Vásquez die Lupinen zum Rösten nach Zürich, wo sie ihre kräftigen Röstaromen erhalten. Wichtig für ihn ist: «Ich röste immer nur kleinere Mengen, damit das Aroma frisch bleibt.»
Lupinenkaffee aus der Schweiz hat Potenzial: Nicht nur ist er dem Bohnenkaffee geschmacklich ebenbürtig, er ist auch ein regionales Produkt mit kurzen Transportwegen, wurde unter sozial gerechten Arbeitsbedingungen angebaut, sein Marktpreis wird nicht von Grosskonzernen diktiert und die Wertschöpfung bleibt in der Schweiz. Vor allem aber: Lupinenkaffee ist koffeinfrei. «Ich empfehle: Am Morgen Bohnenkaffee und am Abend Lupinenkaffee zu geniessen», lächelt Jorge Vásquez.
Mit Vielfalt gegen Risiken in der Landwirtschaft
Beatrice Peter und Jorge Vásquez gehen mit den Risiken in der Landwirtschaft beispielhaft um. Sie vermarkten ihren Lupinenkaffee und andere Produkte selbst. Damit übernehmen sie viele Produktionsschritte und können die Wertschöpfung auf dem Hof behalten. Das rechnet sich auch betriebswirtschaftlich, trotz der schlechten Ernte dieses Jahr.
Zudem setzen sie mit dem Grüthof auf Vielfalt und probieren Neues aus, nicht nur mit dem Anbau der Lupine. Durch Fruchtfolge und Mischkulturen sichern sie ihren Ertrag ab und tun gleichzeitig dem Boden und der Biodiversität Gutes. Auch mit der Verarbeitung und Vermarktung auf ihrem Hof oder in ihrem nahen Umfeld verfolgen sie agrarökologische Prinzipien. Deshalb gehören sie für Biovision zu den Leuchttürmen der Agrarökologie.
Die zusätzlichen Verarbeitungsschritte bedeuten zwar für die beiden einen deutlichen Mehraufwand, aber erst so lohnt sich für sie der Lupinenanbau. Würden sie den Lupinenkaffee einem Händler ab Hof verkaufen, würde der Erlös nur noch rund die Hälfte betragen. Und noch kleiner wäre der Ertrag, wenn sie die Lupinen als Futtermittel verkaufen würden.
Zudem haben Beatrice Peter und Jorge Vásquez mit der Mischkultur aus Lupinen und Leindotter auch den Verlust einer kleinen Ernte reduziert. Damit beweisen sie gleich in vielerlei Hinsicht ihre unternehmerischen Qualitäten.
Sehen Sie im Video, weshalb der Lupinenkaffee auf dem Grüthof eine so wichtige Rolle spielt.