Das Projekt im Kurzporträt
Bio26 ist ein genossenschaftlich organisierter Bio‑Laden mit Bistro in der Stadt Freiburg. Gegründet wurde das Projekt im Jahr 2022 von Bäuerinnen, Bauern und Konsumierenden gemeinsam. Heute tragen über 70 Bäuerinnen, Bauern und mehr als 350 Konsumierende die Genossenschaft. Rund 94 Prozent der angebotenen Produkte stammen aus regionaler biologischer Produktion.
Bio26 versteht sich als Teil eines agrarökologischen Ernährungssystems, das faire Preise, transparente Wertschöpfung und soziale Beziehungen zwischen Stadt und Land in den Mittelpunkt stellt. Neben dem Laden ist Bio26 auch ein Begegnungsort mit einem Bistro und regelmässigen gemeinschaftlichen Anlässen.
Wenn der Hofladen in die Stadt kommt
An der Theke werden Kaffee und verschiedene hausgemachte Getränke ausgeschenkt, in den Regalen daneben stapeln sich Brot, Getreide, Mehl und Eingemachtes zusammen mit verschiedensten Käse- und Milchprodukten, lokalem Fisch, Fleisch von Rind, Schwein, Schaf, Yak und Kaninchen. Mit dem frischen Gemüse und den reifen Früchten sind es über 1000 Produkte (Prinzip 7 Wirtschaftliche Diversifizierung). Menschen bleiben stehen, kommen ins Gespräch, kennen sich beim Namen. Bio26 ist Laden, Bistro und Treffpunkt zugleich. Vor allem aber ist Bio26 eines: der Versuch, das Ernährungssystem von unten her neu zu denken (Prinzip 9 Soziale Werte & Ernährungsweisen).
Der Ursprung von Bio26 liegt in einer Erfahrung, die viele noch präsent haben. Während der Covid-19-Pandemie waren Wochenmärkte zeitweise verboten. Kleinbäuerinnen und -bauern verloren ihre Absatzkanäle, während Grossverteiler geöffnet blieben. Für die Initiant:innen von Bio26 war dies ein Wendepunkt. Die Krise machte deutlich, wie verletzlich regionale Versorgungsstrukturen sind, und dass es Alternativen braucht, die nicht vom Funktionieren weniger zentraler Akteure abhängig sind.
Als sie im Dezember 2021 zur ersten Informationsveranstaltung einluden, rechneten die Initiant:innen mit einer überschaubaren Runde. Es kamen über hundert Menschen: Bäuerinnen, Bauern, Konsumierende und Stadtbewohner:innen, die nicht länger nur einkaufen, sondern mitgestalten wollten. Aus dieser Resonanz entstand eine Genossenschaft, getragen von der gemeinsamen Überzeugung, dass Ernährungssicherheit, Fairness und Regionalität zusammengehören – ein Grundanliegen der Agrarökologie (Prinzipien 11 Anschlussfähigkeit und 13 Beteiligung).
Mit Transparenz die Logik des Grosshandels durchbrechen
Im Dezember 2022 konnte Bio26 eröffnen. Inzwischen ist Bio26 ein etablierter Hofladen in der Stadt. Das Sortiment ist breit, der Fokus klar: regionale Bio-Produkte, ergänzt durch wenige, bewusst gewählte Ausnahmen. Was Bio26 besonders macht, ist neben dem Angebot insbesondere die Art, wie Preise entstehen. Die Bäuerinnen und Bauern legen selbst fest, welchen Preis sie für ihre Produkte benötigen, um ihre Arbeit fair zu entlohnen (Prinzip 10 Chancengleichheit). Darauf kommt eine transparente Marge von Bio26, mit der das Ladenlokal, die Infrastruktur und Löhne finanziert werden. Rund 70 Prozent des Verkaufspreises gehen an die Bäuerinnen und Bauern, etwa 30 Prozent bleiben beim Laden.
Diese Form der Preisgestaltung ist eine urbane Weiterführung des Direktverkaufs. Sie durchbricht die Logik des Grosshandels, in dem Preise oft gedrückt und Wertschöpfung ausgelagert werden. Bäuerinnen und Bauern sind bei Bio26 keine anonymen Lieferant:innen, sondern Teil der Gemeinschaft und aktive Mitgestalter:innen des Systems.
Lehrgeld bezahlt
Getragen wird Bio26 von dieser Gemeinschaft. Der Vorstand besteht aus sechs Personen, darunter vier Bäuerinnen und Bauern. Aufgaben wie Kommunikation, Finanzen und operative Fragen sind klar verteilt. Einmal im Jahr treffen sich die Bäuerinnen und Bauern zum Austausch. Viele ähnliche Projekte, die während der Pandemie entstanden, sind inzwischen verschwunden. Bio26 besteht weiter und wächst. Die Beteiligten sind überzeugt, dass die breite Unterstützung und das gemeinsame Tragen von Verantwortung entscheidend dafür sind.
Natürlich haben die Initiant:innen in den ersten Jahren auch einiges an Lehrgeld bezahlt. Nach den ersten Monaten wurde klar, dass Idealismus allein nicht reicht. Ein Laden und ein Bistro brauchen klare Abläufe, verlässliche Präsenz und professionelles Know‑how. Bio26 entschied sich bewusst für diesen Schritt und stellte Fachpersonen ein, die Verantwortung für den Laden und für das Bistro übernehmen.
Heute arbeiten sechs Angestellte bei Bio26, die Erfahrung aus Detailhandel und Gastronomie mitbringen und dem Projekt Stabilität geben. Auch das ist Teil agrarökologischen Denkens: Systeme so zu gestalten, dass sie langfristig tragfähig sind, sowohl organisatorisch als auch wirtschaftlich.
Ernährung wird zu Beziehung
Das Bistro ist dabei mehr als ein Zusatzangebot. Es ist ein sozialer Raum. Hier wird gegessen, diskutiert, geplant. Neben den täglichen Mittagsmenüs und den feinen Kuchen am Nachmittag gibt es einmal im Monat eine Tavolata, bei der eine Gastköchin oder ein Gastkoch aus den regionalen Bio-Produkten ein mehrgängiges Menü zaubern und Bäuerinnen, Bauern und Konsumierende gemeinsam am Tisch sitzen. Zwischen Vorspeise und Dessert entstehen Gespräche, Beziehungen und neue Ideen. Bio26 wird so zu einem Ort, an dem Ernährung wieder Beziehung zwischen Stadt und Land, zwischen Produktion und Konsum ermöglicht.
Auch wenn nicht immer alles einfach ist, der gemeinsame Effort lohnt sich. Bio26 befindet sich im vierten Betriebsjahr, wächst kontinuierlich und konnte 2025 erstmals schwarze Zahlen schreiben. Dies gelang dank dem unermüdlichen Einsatz aller Beteiligten und dank gezielter Kompromisse. So gehören Zitrusfrüchte und Olivenöl zum Angebot, obwohl sie nicht regional wachsen. Doch auch hier gelten dieselben Bedingungen wie für alle anderen: transparente Herkunft, faire Preise und klare Kriterien. Agrarökologie bedeutet nicht Perfektion, sondern bewusste Entscheidungen innerhalb realer Rahmenbedingungen.
Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.
Bio26 im Internet
So funktioniert die Bewertung mit B-ACT
Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).
Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:
- Erhöhung der Ressourceneffizienz
- Stärkung der Resilienz
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.
Damit punktet das Projekt
- Bio26 zeigt, dass agrarökologische Prinzipien auch im urbanen Raum wirksam umgesetzt werden können. Die genossenschaftliche Organisation stärkt soziale Beziehungen und verteilt Verantwortung auf viele Schultern (Prinzip 13 Beteiligung).
- Die transparente Preisgestaltung ermöglicht faire Einkommen für Bäuerinnen sowie Bauern (Prinzip 10) und schafft Vertrauen bei Konsumierenden (Prinzip 11). Durch den Fokus auf regionale Bio-Produkte bleiben Wertschöpfung und Wissen in der Region.
- Der Laden und das Bistro fungieren als Orte der Begegnung und machen Ernährung als gemeinschaftliche Aufgabe erfahrbar. Bio26 verbindet damit ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen eines nachhaltigen Ernährungssystems.
Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt
Als junger Betrieb steht Bio26 weiterhin vor finanziellen und organisatorischen Herausforderungen. Der wirtschaftliche Druck ist spürbar, da Fixkosten für Personal und Infrastruktur anfallen, bevor Gewinne erwirtschaftet werden können. Hinzu kommen zahlreiche administrative Hürden, etwa Bewilligungen für Veranstaltungen oder die jährlich zu erneuernde Genehmigung für ein Leuchtschild vor dem Laden. Solche Zusatzkosten belasten insbesondere kleine Betriebe.
Die professionelle Führung eines Ladens und eines Bistros erfordert klare Strukturen und kontinuierliche Koordination. Gleichzeitig gilt es, die genossenschaftliche Basis aktiv einzubinden und Erwartungen auszubalancieren. Auch die Balance zwischen regionalem Anspruch und dem Bedarf an ergänzenden Produkten verlangt laufende Abwägungen. Bio26 zeigt jedoch, dass diese Herausforderungen tragbar sind, wenn sie gemeinschaftlich angegangen werden.