Auf den ersten Blick wirkt dieser Ort wie die improvisierte Werkstatt eines Tüftlers: Im Hof eines einfachen Hauses schleichen Hühner zwischen staubigen Solarpaneelen und Holzkisten herum. Daneben steht eine silbrig schimmernde Maschine mit riesigem Sieb, dahinter eine einfache Abpackstation; schwarze Plastikschläuche liegen verstreut herum. «Hier hat vor einigen Jahren alles angefangen. Das ist mein Zuhause», sagt Emmanuel Luwemba. Er führt uns in den Keller, wo sich prall gefüllte weisse Säcke bis unter die Decke stapeln. Darin lagern Samen in allen Formen und Farben aus den Dörfern der Umgebung. Wir befinden uns in Sseganga, einem kleinen Ort vor den Toren Kampalas, der pochenden Millionenmetropole Ugandas. Hier ist entstanden, was auf Luwembas Shirt in purpurnen Lettern zu lesen ist: Eden Seeds, das Startup-Unternehmen des 35-Jährigen.
Mit Eden Seeds will Luwemba nicht weniger als den Saatgutmarkt Ugandas neu beleben. Dieser setzt heute fast nur auf standardisierte Sorten, häufig Hybridsaatgut, deren Samen nicht für die nächste Saat verwendet werden können. «Saatgut muss deshalb jedes Jahr neu gekauft werden», erklärt Luwemba. Das zwingt Bäuerinnen und Bauern in die Abhängigkeit: von willkürlichen Preisen der Saatgutproduzenten und von Lieferketten, auf die sie keinen Einfluss haben. Eden Seeds setzt dem etwas entgegen, das hier seit Generationen wächst: «Sorten, die an Boden und Klima angepasst sind.» Luwemba will lokales Saatgut wieder auf die Felder und in den Markt zurückbringen.
Verwurzelt und vernetzt
Vor der Abpackstation im Hof sitzt Aisha Namagembe und sortiert rote Bohnensamen. Früher schlug sich die Schwägerin von Luwemba mit Gelegenheitsjobs durch. Heute hat sie ein regelmässiges Einkommen, von dem sie und ihr Sohn leben können. An einem normalen Tag sortiert sie bis zu 50 Kilogramm Bohnen. «Die Arbeit hier gibt mir Sicherheit. Erstmals kann ich etwas Geld zur Seite legen», erklärt sie. Emmanuel Luwemba arbeitet bewusst mit Bäuerinnen und Bauern aus Sseganga und der Umgebung zusammen; mit Verwandten, Nachbarinnen und Freunden, die er für seine Idee bereits gewinnen konnte. Vertrauen sei enorm wichtig. Einfache Strukturen, kurze Wege. «Die Samen, die bei Aisha und am Ende in diesen grossen Säcken hier landen, wachsen nur wenige Gehminuten von hier entfernt», sagt er lächelnd.
Ein langfristiges Ziel für mehr Unabhängigkeit
Viele Bauernfamilien in Uganda sind auf Saatgut angewiesen, das sie immer wieder neu kaufen müssen. Biovision unterstützt gemeinsam mit Rootical Unternehmen wie Eden Seeds, die lokales Saatgut vermehren und zurück auf die Felder bringen. So entstehen neue Einkommensmöglichkeiten und Bauernfamilien erhalten Zugang zu Sorten aus ihrer Region. Für mehr Unabhängigkeit und ein widerstandsfähigeres lokales Ernährungssystem.
Auf dem Weg zu den sattgrünen Feldern am Dorfrand wird Luwemba fast ehrfürchtig begrüsst. Er schüttelt Hände, umarmt, hört zu, erkundigt sich nach der Ernte. «Das war ein Schlüsselmoment für mich: zu sehen, dass immer mehr Bäuerinnen und Bauern zu uns kamen und nach einheimischem Saatgut fragten. Da wurde mir klar, dass das Problem mit dem hybriden Saatgut real ist. Und dass ich daran etwas ändern will.»
Doch der Weg von der Idee zum eigenen Unternehmen ist gerade in ländlichen Regionen Ugandas steil und steinig. Luwemba kennt das aus eigener Erfahrung: Als ehemaliger Berater in der Landwirtschaft hat er jahrelang erlebt, wie Projekte und kleine Unternehmen scheitern, sobald die Finanzierung ausbleibt. Wer hier etwas aufbauen will, tut das oft allein. Unterstützung für junge Unternehmen gibt es kaum, Strukturen, die den Einstieg erleichtern würden, fehlen weitgehend. «Es war oft frustrierend», sagt Luwemba: «Eine der grössten Herausforderungen ist es, einheimisches Saatgut in einem Markt zu etablieren, der seit Jahrzehnten von grossen, internationalen Firmen und deren Hybridsorten dominiert wird. Diese verfügen natürlich über ganz andere Marketingmöglichkeiten.»






Viele Bäuerinnen und Bauern stehen lokalem Saatgut auch deshalb noch skeptisch gegenüber. In der Werbung der Agrar-Riesen werden sie als rückständig oder weniger ertragreich dargestellt. «Es braucht viel Geduld und einen langen Atem, um die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen. Alleine hätte ich das nicht geschafft.»
Der Wendepunkt
Unterstützt wurde Luwemba bei seinem Vorhaben von unserer Partnerorganisation Rootical. Das Startup-Studio mit Sitz in Kampala begleitet agrarökologische Jungunternehmen dabei, aus einer Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Luwemba bewarb sich für einen der wenigen Plätze im Programm – und wurde ausgewählt. So nahm er über zwei Jahre an verschiedenen Trainings und Schulungen teil: Von unternehmerischen Grundlagen über Marketingtechniken bis hin zur schrittweisen Weiterentwicklung seines Geschäftsmodells.
«Es geht uns darum, agrarökologische Unternehmen so aufzubauen, dass sie wirtschaftlich relevant werden», sagt Hannes Van den Eeckhout, Mitgründer von Rootical. Man spricht hier gerne von dem «Eine-Milliarde Unternehmen». Gemeint sind damit Unternehmen, die eine Milliarde Uganda-Schilling Umsatz erreichen, umgerechnet rund 200 000 Franken. Mit Eden Seeds hat Luwemba bereits einen Teil dieses Weges zurückgelegt. Rund 25 000 Franken Umsatz hat er seit der Gründung vor drei Jahren erzielt, über zehn Prozent der angestrebten Milliarde. Zahlen, die zeigen, dass die Nachfrage da ist. Dass agrarökologische Unternehmen durchaus im harten Markt Ugandas bestehen können. Wenn sie denn über die richtigen Mittel verfügen.
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Einer für alle
Auf einem Maisfeld am Dorfrand von Sseganga befreit Katangole Didas seine Pflanzen mühevoll vom Unkraut am tiefschwarzen Boden. Lange Machete in der Hand, kleine, glänzende Schweissperlen auf seiner Stirn. Einen Grossteil seiner Ernte verkauft der 64-jährige Bauer seit kurzem an Eden Seeds und Emmanuel Luwemba. «Es ist eine ganz typische Maisart für die Region. Man erkennt die spezielle Sorte an den rosaroten Kernen. Über 18 Tonnen davon haben wir schon verkauft», erklärt Luwemba.
Eden Seeds sammelt die Samen, sortiert und kontrolliert ihre Qualität, verpackt sie und vertreibt sie über lokale Agrar-Shops und Händlernetzwerke. Ein wichtiger Zusatzerwerb für Familien wie jene von Katangole Didas. Für viele ist es das erste Mal, dass einheimisches Saatgut hier nicht nur angebaut, sondern dann auch gezielt gehandelt wird. «Wenn Menschen wie Katangole oder Aisha ein Einkommen erzielen, merke ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind und gut wachsen», sagt Luwemba. Heute steht sein Unternehmen an einem Punkt, an dem genau diese Wirkung neue Fragen aufwirft: «Im Moment ist die grösste Herausforderung, das Wachstum des Unternehmens mit begrenzten Ressourcen in Einklang zu bringen», sagt er. Die Nachfrage nach Saatgut steigt, doch Lagerung, Verarbeitung oder staatliche Zertifizierungen erfordern Kapital, Knowhow und stabile Abläufe.
Die Zeit mit Rootical habe ihm geholfen, diese Spannungen einzuordnen und mit ihnen umzugehen. Aus einer Idee ist ein Unternehmen geworden, aus Intuition ein Plan. «Früher wusste ich, was ich wollte», sagt er: «Heute weiss ich besser, wie ich auch dorthin komme.» Sein Ziel: In den nächsten Jahren will er ein starkes, lokal getragenes Saatgutsystem für Uganda aufbauen. «Gebt mir noch ein bisschen Zeit und dann bin ich mir sicher, dass wir es gemeinsam schaffen.» Dabei ballt er die Faust, breites Lächeln. Ob sein Plan aufgeht, entscheidet sich auch und vor allem hier: im Boden rund um Sseganga, auf den Feldern von Bauern wie Katangole Didas. Saison für Saison, Saatkorn für Saatkorn.
Im Video erklärt Hannes Van den Eeckhout, was Rootical mit Schweizer Marken wie Rolex oder Victorinox gemeinsam hat.