Tessiner Bio-Produkte aus der Nachbarschaft

Von

Samira Amos, Biovision (Bilder: ConProbio)

Im Tessin haben sich Produzent:innen und Konsument:innen bereits vor über 30 Jahren zusammengeschlossen, um biologische Lebensmittel zu fördern. Und die Erfolgsgeschichte dauert an.

ConProBio im Kurzporträt 

Die Genossenschaft der biologischen Konsument:innen und Produzent:innen startete 1992 als Vertriebskanal für Tessiner Bioprodukte: Während Produzent:innen damals kaum Möglichkeiten hatten, ihre Produkte zu einem angemessenen Preis zu verkaufen, suchte eine Gruppe von Konsument:innen Zugang zu gesunden und nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Die ConProBio (kurz für «Cooperativa Consumatori Produttori del Biologico») bot sich als Plattform zur Förderung von Bioprodukten an. Die Organisation BioTicino, in der alle Tessiner Biobauern zusammengeschlossen sind, hat dieses Projekt stets begleitet und unterstützt.

20 Produzent:innen und 200 Haushalte schlossen sich 1992 zusammen. Die Konsument:innen organisieren sich in Einkaufsgemeinschaften. Das Konzept der ConProBio ist einfach: Die Leitung der Einkaufsgemeinschaft sammelt wöchentlich die Bestellungen bei den Bio-Produzent:innen und sendet sie an die Zentrale der ConProBio. Die bestellten Produkte liefert die ConProBio an die Leitung, die sie dann an die Mitglieder verteilt. Das Sortiment umfasst Gemüse, Obst, Milchprodukte, Fleisch sowie Brot, Nudeln, Öl und vieles mehr.

Sowohl die Verbraucher als auch die Erzeuger profitieren von diesem Konzept, das keine Zwischenhändler braucht und weder Abfall noch Lagerkosten verursacht. Und es funktioniert: Seit der Gründung ist ConProBio stetig gewachsen. Die Genossenschaft hat heute ihren Sitz in Cadenazzo mit einem eigenen Kühl- und Gefrierhaus, Lieferwagen, 80 Produzent:innen und rund 1‘500 beteiligten Haushalte in 210 Einkaufsgemeinschaften.

Biovision Schweiz ConProBio Lagerhalle

Biovision bietet mit der Rubrik «Beispiele für ein nachhaltiges Ernährungssystem» jenen Initiativen und Projekten in der Schweiz eine Bühne, welche ohne unsere Begleitung oder finanzielle Unterstützung ein nachhaltiges Ernährungssystem mitgestalten. Damit zeigen wir, dass zukunftsfähige Lösungen existieren und ein Wandel möglich ist.

ConProBio im Internet

Eine Brücke des Vertrauens

Im Tessin gibt es immer noch abgelegene Ortschaften, in denen es nur ein begrenztes Bio-Angebot im Detailhandel gibt. Diese Lücke schliesst ConProBio.

Der Vorstand, bestehend aus je vier Produzent:innen und Konsument:innen, entscheidet gemeinsam, welche Produkte ins Sortiment aufgenommen werden. Dabei spielt inzwischen nicht nur das Bio-Label, sondern auch ethische Aspekte (z.B. das soziale Engagement der Produzent:innen) und die Förderung bestimmter lokaler Produkte eine entscheidende Rolle. Alle angebotenen Produkte stammen bevorzugt aus der Region und sind entweder nachhaltig produziert oder entsprechen dem Fairtrade-Label.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von ConProBio ist die Schaffung eines solidarischen und vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Produzent:innen und Konsument:innen. Die Genossenschaft stellt in ihrem Magazin regelmässig Produzent:innen und ihre Produkte vor, organisiert Veranstaltungen und Märkte. Entsprechend hat die Genossenschaft eine hohe Anschlussfähigkeit (Prinzip 11 in der Grafik).

Faire Preise für alle Beteiligten

Dank der kurzen Lieferkette bietet ConProBio hochwertige Bio-Lebensmittel zu wettbewerbsfähigen Preisen an und garantiert gleichzeitig den Produzent:innen faire Preise. Diese legen selbst den Preis fest, während ConProBio einen Aufschlag von 30% für die Deckung logistischer und administrativer Kosten erhebt. Als gemeinnützige Organisation ist ConProBio nicht auf Gewinn ausgerichtet. Das Prinzip der Chancengerechtigkeit (Prinzip 10) ist zentral. ConProBio beschäftigt zehn Mitarbeiter:innen und legt Wert auf soziale Anstellungsbedingungen.

Förderung von Nischenprodukten

ConProBio überzeugt auch in Bezug auf die wirtschaftliche Diversifizierung (Prinzip 7). Zum einen unterstützt die Genossenschaft die Stiftung ProSpecieRara, die standortangepasste und lokale Sorten fördert (beispielsweise bei Veranstaltungen oder indem sie alte Sorten in ihrem Magazin ins Rampenlicht rückt). Darüber hinaus ermöglicht ConProBio den Landwirt:innen, auch kleine Ernten zu verkaufen und somit neue Kulturen auszuprobieren.

Biovision Schweiz ConProBio B-Act
Das Spinnendiagramm zeigt die Auswertung des Projekts «ConProBio».

So funktioniert die Bewertung mit B-ACT

Das B-ACT spiegelt die Ausrichtung von Unternehmen, Projekten und Initiativen an den 13 agrarökologischen Prinzipien des «High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition» (HLPE) wider (siehe «Agrarökologie kurz erklärt»).

Dabei ist jedes Prinzip in eines der drei übergeordneten Themen eingeordnet:

  • Erhöhung der Ressourceneffizienz
  • Stärkung der Resilienz
  • Sicherung der sozialen Gerechtigkeit

Zu allen Prinzipien wurden von Biovision in Zusammenarbeit mit Partner:innen Fragen erarbeitet, die in das B-ACT eingebaut wurden. Je mehr Fragen für eine Initiative oder ein Geschäftsmodell positiv beantwortet werden können, desto höher ist der Beitrag zu dem entsprechenden Prinzip.

Illustration des B-ACT Tools auf einem Computer.

Damit punktet das Projekt

  • ConProBio baut auf die Charakteristiken der Region. Der Verkauf regionaler Produkte ist im Tessin besonders naheliegend, da der Kanton durch die Alpen im Norden und Italien im Süden klar abgegrenzt ist. Dies führt zu einer starken Identifikation der Bewohner:innen mit ihrer Region. Zudem leben einige Personen in abgeschiedenen Dörfern, wo es praktisch ist, dass ConProBio Lebensmittel direkt in die Nachbarschaft liefert.
  • Die Konsument:innen organisieren sich in lokale Einkaufsgemeinschaften. Dies fördert den Einsatz für eine nachhaltige Ernährung in Nachbarschaften.
  • Die Genossenschaft ConProBio besteht seit über 30 Jahren und hat sich erfolgreich etabliert. Von diesem Erfahrungsschatz profitieren andere Projekte.
Biovision Schweiz ConProBio Lastwagen
Die Lastwagen-Flotte der ConProBio

Diese Herausforderungen bestehen für das Projekt

Das grösste Problem ist der fehlende Nachwuchs: Es sind vor allem Personen aus der Gründungszeit von ConProBio aktiv, und die Genossenschaft hat Schwierigkeiten, junge Menschen zu mobilisieren.

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