Altes Getreide, neue Stärke 

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella

Mehr und mehr Vielfalt in den Getreidearten verschwindet. Auch in der Schweiz. Die Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk) will das verhindern. Sie arbeitet in partizipativen Projekten mit Landwirtinnen und Landwirten daran, altes Wissen und moderne Forschung zu verbinden – etwa beim fast vergessenen Getreide Emmer. Ein Gespräch mit Emmerzüchter Felix Jähne über Vielfalt, bäuerliche Erfahrung und die Landwirtschaft der Zukunft.

Warum ist es wichtig, bäuerliches Wissen in die Züchtungsarbeit einzubeziehen? 

Bäuerinnen und Bauern wissen am besten, was auf ihren Feldern funktioniert. Sie kennen ihre Böden, das Wetter und die lokalen Bedingungen. Wir wollen den Höfen eine möglichst grosse Vielfalt zur Verfügung stellen, etwa in unserem Projekt mit der alten Getreideart Emmer. So kann die Sortenvielfalt direkt auf die Anbauvielfalt der Höfe übergehen. Wer vor Ort arbeitet, weiss nämlich am besten, welche Sorten zu Klima, Boden, Technik und Vermarktungsideen passen.

Ihr setzt auch auf gezielte Forschung. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Züchtung und Praxis konkret? 

Auch in der Biolandwirtschaft braucht es Züchtung – allerdings eine andere Art davon. Wir machen die Kreuzungen nicht im Labor, sondern die Pflanzen wachsen im Ackerboden von bio- und Demeter-zertifizierten Höfen. Unsere Zuchtgärten – wertvolle Biotope – sind immer integriert in den Nährstoffkreislauf des Hofes. Dort wählen wir gezielt jene Pflanzen aus, die sich unter ökologischen Bedingungen bewähren. So entsteht Vielfalt, die robust und standortangepasst ist. 

Felix Jähne ist Emmerzüchter bei gzpk.

Felix Jähne

Bei der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzp) ist Felix Jähne für den Emmer verantwortlich.

Im Emmerprojekt haben wir Kreuzungen angelegt, um die Pflanzen standfester und krankheitstoleranter zu machen. Sobald vielversprechende Zuchtstämme entstehen, geben wir sie an ausgewählte Höfe weiter. Diese bauen sie auf kleinen Flächen an, beobachten sie über die Saison und teilen ihre Erfahrungen mit uns. Im Sommer laden wir alle in unseren Zuchtgarten in Feldbach (ZH) ein. Gemeinsam besprechen wir, welche Pflanzen sich bewähren, und die Höfe wählen selbst, welche Stämme sie weitervermehren möchten.

Warum sind alte Sorten und überliefertes Wissen so wichtig?

Weil alte Landsorten und wilde Verwandte wichtige Eigenschaften in sich tragen, etwa die Resistenz gegen Krankheiten oder Trockenheit. Wir bauen sie an, beobachten ihr Verhalten im Feld und bringen ihre Merkmale in die heutige Züchtung ein. Beim Emmer waren der Anbau und das damit verbundene Wissen fast in Vergessenheit geraten. Durch Züchtungserfolge gibt es heute wieder gute Sorten wie Roter Heidfelder und Späths Albjuwel in Deutschland oder Sephora in der Schweiz. 

Emmerähren stehen im Feld.
Sogenannte Kreuzungstüten markieren die von Hand bestäubten Ähren. Bild: gzpk

Emmer gilt als Nischenprodukt. Auch andere Kulturarten tun sich heute oft noch schwer auf dem Markt. Wie vermarkten die beteiligten Höfe ihre Ernte?

Viele verkaufen ihre Produkte direkt, etwa als Mehl, Brot, Gebäck, Griess oder Pasta. Weil es noch kaum grosse Abnehmer gibt, ist die Direktvermarktung der naheliegende Weg. Was früher selbstverständlich war, gilt heute als innovativ. Sie stärkt die Eigenständigkeit der Höfe und schafft Nähe zu den Konsumentinnen und Konsumenten.

Welche Bedeutung hat Sortenvielfalt in Zeiten des Klimawandels?

Vielfalt ist entscheidend für die Ernährungssicherheit. Sie verringert das Risiko von Ernteausfällen und sorgt für Stabilität. In unseren sechs Zuchtgärten sehen wir jedes Jahr, wie unterschiedlich Pflanzen auf Wetterextreme oder Krankheiten reagieren. Vielfalt gleicht Verluste aus und macht die Landwirtschaft widerstandsfähiger.

Wie unterscheidet sich euer partizipativer Ansatz von klassischen Züchtungsprojekten?

Wir bringen die Praxis direkt ins Zentrum. Die Höfe entscheiden mit, was funktioniert und was nicht. Das führt zu mehr Vielfalt und Eigenständigkeit. Klassische Saatgutkanäle sind effizient, dafür aber oft starr. Unser Ansatz ist offener, aber auch aufwendiger. Er verlangt von allen Beteiligten Zeit, Vertrauen und Lernbereitschaft.

Was braucht es, damit solche Projekte stärker gefördert werden?

Verständnis und Unterstützung. Biozüchtung braucht finanzielle Mittel und Menschen, die Neues ausprobieren wollen. Wenn Forschung und Praxis zusammenarbeiten, entstehen langfristige Lösungen, die der Landwirtschaft eine Zukunft im Einklang mit der Natur ermöglichen.

gzpk und Biovision

Das Schwesterprojekt integraL mit und von der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk) wurde von Biovision als «Leuchtturm der Agrarökologie» ausgezeichnet. Darin ging es um Erbsen, Bohnen und Linsen. Einer der beteiligten Höfe im Projekt ist der Hof Rinderbrunnen – ebenfalls ein Biovision-Leuchtturmbetrieb, der agrarökologische Prinzipien in der Praxis umsetzt.

Bauern stehen in einem Emmerfeld bei einer Führung.

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