Ernährungszukunft: Bürger:innen reden mit

Von

Nik Salzmann und Martin Grossenbacher, Biovision

Die Mitglieder des Bürger:innenrats für Ernährungspolitik machten sich während den Sommermonaten ein Bild über unser Ernährungssystem und besuchten Beispiele für nachhaltige Alternativen für die Zukunft.

Es sind 85 Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Die Landwirtin trifft auf den Rentner, der Bergler auf die Städterin, die Schweizerin auf den Ausländer, der SVP­-Sympathisant auf die Grünen­-Wählerin. Und sie kommen aus allen vier Sprachregionen des Landes. Diese Menschen bilden den ersten nationalen Bürger:innenrat der Schweiz, lanciert von Biovision und Partnerorganisationen im Rahmen des Engagements «Ernährungszukunft Schweiz» (mehr dazu ganz unten).

Um möglichst die ganze Breite der Bevölkerung abzudecken, wurden die Teilnehmenden in einem Losverfahren ausgewählt. Gemeinsam diskutieren sie, wie das Ernährungssystem der Schweiz nachhaltiger werden kann. An einem ersten Treffen im Juni haben sich die Teilnehmenden kennengelernt und Vorträge gehört – von so verschiedenen Akteur:innen wie dem Schweizer Bauernverband SBV, der IG Detailhandel oder dem Dachverband der Entwicklungsorganisationen Alliance Sud.

Bis im Herbst finden acht Online-Treffen statt, bei denen die Teilnehmenden in Kleingruppen diskutieren werden. Ausserdem besuchen sie auf Lernreisen gemein­sam innovative Vorzeigeprojekte. Im Novem­ber stimmt dann das Plenum über die Emp­fehlungen der einzelnen Themengruppen ab. Die angenommenen Vorschläge werden dann Vetreter:innen der Politik und der Verwaltung sowie weiteren Stakeholdern übergeben.

Nadia, 71, aus dem Tessin, Mitglied des Bürger:innenrats für Ernährungspolitik
«Ich bin Bäuerin und das Thema interessiert mich, seit ich ein Kind war. Ich finde es toll, dass der Prozess von unten nach oben geht, dass wir normalen Bürgerinnen mitreden können!»
Nadia, 71, Tessin

Lernreisen geben Einblicke ins Schweizer Ernährungssystem

Von Juli bis August 2022 nehmen die Mitglieder des Bürger:innenrats an sogenannten Lernreisen teil. Dort besuchen sie in kleinen Gruppen zukunftsfähige und erfolgreiche Praxisbeispiele in der ganzen Schweiz. Bei der Auswahl der zehn Beispiele wurden verschiedene Kriterien berücksichtigt, um eine möglichst breite und repräsentative Auswahl von Projekten sicherzustellen, zum Beispiel verschiedene Anbausysteme, urbane und ländliche Initiativen vom Mittelland bis in die Berge sowie die Sprachregionen. Zu diesen Betrieben führen die Lernreisen: 

Die Bildergalerie zeigt Eindrücke von bereits durchgeführten Lernreisen.

Politische Blockaden überwinden 

Der Bürger:innenrat ist für die Schweiz auf nationaler Ebene ein Novum, international gibt es aber bereits einige Erfahrungen mit diesem Format. So besteht in Irland seit 2016 eine «Citizens’ Assembly», die zu ver­schiedenen politischen Fragen Lösungsvor­schläge erarbeitet – von Verfassungsfragen über die Alterung der Gesellschaft bis zum Klimawandel. In der Frage der Aufhebung des Abtreibungsverbots konnte die Citizens’ Assembly mit ihrer Empfehlung eine politi­sche Blockade überwinden. Sie machte den Weg frei für eine Volksabstimmung, in der das Volk dem Bürger:innenrat folgte und für die Abschaffung des Verbots votierte.

In der Schweiz haben bereits einige Städte ihre Einwohner:innen auf ähnliche Weise ein­ bezogen. So suchte in Winterthur in diesem Frühling ein «Bürgerpanel» von 22 Menschen nach Wegen, wie die Stadt zu einer klima­neutralen Ernährung findet. Vorgeschlagen wurde beispielsweise, dass vermehrt Märkte auch abends stattfinden, dass städtische Ver­pflegungsbetriebe fleischlose Tage einführen und dass Schulen nachhaltige Ernährung in Projektwochen, Schulgärten oder auf Betriebsbesichtigungen thematisieren.

Der Bürger:innenrat für Ernährungspolitik

Die nach repräsentativen Kriterien ausgewählten Mitglieder des Bürger:innenrats kommen aus allen Landesteilen und sind zwischen 20 und 79 Jahre alt. Von Sympathisant:innen der SVP bis zu den Grünen nahestehenden Personen hin zu politisch Nichtinteressierten sind alle vertreten. Die Interessent:innen wurden vom Sozial- und Marktforschungsinstitut DemoSCOPE nach einem Zufallsverfahren gesucht und die 85 Teilnehmenden schliesslich per Los ausgewählt.

www.buergerinnenrat.ch

Biovision_Bürgerrat_Swen_Zuerich_CKrajcir
«Als Nicht­-Schweizer habe ich nicht viele Möglichkeiten, bei politischen Fragen mitzuentscheiden. Der Bürger:innenrat bietet dafür eine schöne Gelegenheit.»
Swen, 38, Zürich

Bürgerpanel Winterthur zeigt: Es funktioniert

Johanna Jacobi, die als Assistenzprofessorin an der ETH Zürich Agrarökologie erforscht, sagt: «Gerade bei kontroversen Themen, wo die Diskussionen in Politik und Verwaltung festgefahren sind, können Bürger:innenräte gut funktionieren.» Die Professorin ist beim Bürger:innenrat Ernährungspolitik Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums, das den Prozess begleitet. Auch in Winterthur war sie beteiligt, sie hatte dort einen Input aus Sicht der Wissenschaft gegeben. Die Erfahrungen stimmen sie zuversichtlich. «Oft wird Bürgerinnen und Bürgern zu wenig zugetraut», sagt sie. «Ich habe in Winterthur die Erfahrung gemacht, dass sie sehr wohl mit komplexen Zusammenhängen umgehen können.»

Auffallend ist, dass das Plenum in Winterthur fast alle Vorschläge mit sehr deutlicher Mehrheit oder sogar einstimmig angenommen hat. «Das zeigt, dass der Prozess funktioniert», schliesst Johanna Jacobi. «Es ist ein Ergebnis des gemeinsamen Erarbeitens in Diskussionen.» In diesem Sinne ist es das Ziel des Bürger:innenrats zur Ernährungspolitik, nun auf nationaler Ebene Lösungen zu finden, die sowohl von der Bevölkerung als auch von den verschiedenen Interessenvertretern getragen werden. «In einer Abstimmung gibt es nur die Wahl zwischen Ja und Nein», sagt Projektleiter Daniel Langmeier von Biovision. «Wir geben der Bevölkerung erstmals die Möglichkeit, den Wandel aktiv mitzugestalten und ihre eigenen Ideen einzu­bringen. Denn: Ernährung geht alle an.»

 

Unser Engagement «Ernährungszukunft Schweiz»

Wie wir uns ernähren, beeinflusst ganz unmittelbar unsere Gesundheit, über Pro­duktion und Handel aber auch Boden­ und Wasserqualität, Artenvielfalt, Klima­wandel, Armut im In-­ und Ausland. In der «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» sieht der Bundesrat eine Transformation unseres Ernährungssystems vor.

Um den Dialog in diesem Prozess zu fördern, hat Biovision gemeinsam mit «Landwirtschaft mit Zu­kunft» und dem Netzwerk für Nachhaltig­keitslösungen SDSN Schweiz das Projekt «Ernährungszukunft Schweiz» lanciert. In diesem Rahmen wird einerseits der Bür­ger:innenrat durchgeführt, andererseits er­arbeitet ein Fachgremium («expert panel») wissenschaftliche Lösungsvorschläge und hält diese in einem sogenannten White Paper fest, das Politik und Behörden als Grundlage für die Entscheidfindung dient.

Das Engagement wird vom Bundesamt für Land­wirtschaft (BLW), vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sowie vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) unterstützt.

Ein Kind mit gestreiftem Pullover isst einen Teller Suppe.

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