Agrarökologie rückt in den Fokus des UN-Gipfels für Ernährungssysteme

Die nachhaltige Transformation von Ernährungssystemen durch Agrarökologie steht bei Biovision zur Bekämpfung von Hunger und Armut im Zentrum. Am «Pre-Summit» zum UN-Gipfel für Ernährungssysteme erlangt sie bedeutende Anerkennung.
 

Frank, Eyhorn, Geschäftsleiter Biovision und Bio-Experte mit mehr als 20-jähriger Erfahrung in internationaler Zusammenarbeit, Stefanie Pondini, Programmverantwortliche für «Advocacy for Agroecology» bei Biovision und NGO-Vertreterin im Schweizerischen nationalen FAO-Komitee (CNS-FAO).

Interview: Martin Grossenbacher, Biovision

Beim sogenannten «Pre-Summit» wurden Ende Juli die Weichen für den UN-Gipfel zu Ernährungssystemen (Food Systems Summit – FSS) vom September gestellt. Geht es in die richtige Richtung?

Frank Eyhorn (FE): Der Food Systems Summit (Details siehe grüne Box unten) hat in den vergangenen 12 Monaten einen beeindruckenden Prozess ausgelöst: In 145 Ländern haben Zehntausende Menschen und hunderte von Organisationen aus Zivilgesellschaft, Politik, Wissenschaft und dem Privatsektor sich in über 1000 Dialogen darüber ausgetauscht und Lösungen gesucht, wie die Zukunft unserer Ernährung aussehen soll. Das Ergebnis ist erstens, dass ein «Weiter wie bisher» keine Option ist und zweitens, dass nur ganzheitliche Ansätze wie die Agrarökologie echte Lösungen bringen.

Stefanie Pondini (SP): Es ist für mich ein wichtiger Erfolg, dass Agrarökologie am «Pre-Summit» sehr präsent war und von zahlreichen Staatsvertreter:innen, wie auch der Schweiz, als essentieller Teil der Transformation unserer Ernährungssystems benannt wurde. Der französische Landwirtschaftsminister hat beispielsweise gesagt: «There is no food and nutrition security without an agroecological transition.» Agrarökologie wurde zudem als eine von sieben wegweisenden Koalitionen ernannt. Noch vor wenigen Jahren waren Agrarökologie und «Food Systems» Wörter, die an UNO-Konferenzen nicht salonfähig waren und keinen Eingang fanden in Resolutionen.

Gleichzeitig wird der Gipfel von einigen zivilgesellschaftlichen Organisationen heftig kritisiert. Wieso?

SP: Es gib Befürchtungen, dass der Privatsektor ein zu grosses Gewicht erhalten und dass unter dem Schirm des FSS salopp gesagt Greenwashing [1] auf allerhöchster Ebene stattfinden könnte. Interessenvertreter:innen aus dem mächtigen Privatsektor spielen im Ernährungsbereich und in der Politik ja erfahrungsgemäss eine starke Rolle. Zudem wurde befürchtet, dass die Agrarökologie ins Abseits geraten würde. Durch die öffentliche Kritik von aussen und engagierter, hartnäckiger Überzeugungsarbeit zahlreicher Organisationen wie Biovision von innen, ist es jedoch gelungen Agrarökologie prominent am Pre-Summit zu platzieren.

FE: Trotz berechtigter Kritik am Prozess übertreffen die Ergebnisse des Pre-Summit unsere Erwartungen bei Weitem. Eine wichtige Errungenschaft des FSS besteht auch darin, dass man das Thema Ernährung jetzt systemisch betrachtet. Heute wird allgemein anerkannt, dass alles miteinander verhängt ist: Landwirtschaft, Gesundheit, Umwelt, Wirtschaft, Menschenrechte, Klimawandel. Die bisherigen Silos wurden somit ein Stück weit aufgebrochen.

Was genau bringt es konkret, wenn das Thema Ernährung jetzt systemisch, also ganzheitlich, betrachtet wird?

FE: Die heutigen Ernährungssysteme erfüllen global betrachtet ihren eigentlichen Zweck nur schlecht: Rund 2 Milliarden Menschen leiden an Hunger oder Mangelernährung, und 3 Milliarden Menschen ernähren sich in einer Weise, die ihre Gesundheit schädigt. Diejenigen, die ihren Lebensunterhalt im Ernährungssystem bestreiten – Bäuerinnen, Verarbeiter, Köchinnen, Verkäufer – gehören meist zu den Bevölkerungsgruppen mit den tiefsten Einkommen. Und die heutigen Ernährungssysteme gehören zu den Hauptverursachern der grössten Probleme unserer Zeit: Dem Klimawandel, dem Verlust von Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit und der Belastung der Wasserresourcen. Sich beim Thema Ernährung weiter ausschliesslich auf die Frage nach höheren Erträgen und billigeren Lebensmitteln zu beschränken, bringt da wenig. Was es braucht sind neue, ganzheitliche Ansätze und kohärente Politiken.

Wo sieht Biovision die wichtigsten Hebel in diesem Prozess?

FE: Um die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme zu bewerkstelligen – in der Schweiz, in Afrika und global – müssen mehrere Hebel angesetzt werden: die Weiterentwicklung und die Verbreitung ökologischer Produktionsmethoden, Investitionen in agrarökologische Unternehmen und Forschung sowie die Gestaltung förderlicher politischer Rahmenbedingungen. Biovision engagiert sich in all diesen Bereichen und versucht, mit innovativen Ansätzen und breiten Allianzen, diese Hebel gezielt in Bewegung zu setzen.

SP: Wir unterstützen Regierungen darin, Strategien und Politiken konsequent auf die Förderung nachhaltiger Ernährungssysteme auszurichten und ermöglichen politischen Entscheidungstragenden mit unserem Food Policy Forum for Change, sich untereinander auszutauschen und eigene Lösungen zu entwickeln. Zudem bringen wir beispielsweise in Kenia verschieden Akteure aus der Politik, Wissenschaft, Privatsektor und der Zivil Gesellschaft an einen Tisch, um gemeinsam politische Lösungen zu diskutieren.

FE: Eine besondere Bedeutung kommt der Förderung des öffentlichen Bewusstseins für die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Umwelt, Gesundheit und Wohlstand zu. Denn letztendlich entscheiden wir alle über die Ausgestaltung unserer Ernährungssysteme: durch die Wahrnehmung unserer politischen Rechte und durch unsere täglichen Konsumentscheide. Wir alle können beeinflussen, wie die Welt der Zukunft aussieht, denn wir alle essen. Jeden Tag.

Und welche Rolle spielt jetzt die Agrarökologie bei dieser Transformation?

SP: Die Agrarökologie ist in diesem Transformationsprozess ein vielversprechendes, gesamtheitliches und verbindendes Konzept. Sie bietet wissenschaftlich fundierte Praktiken, die eine Produktion im Einklang mit der Natur ermöglichen, so wie wir das in unseren Projekten in Ostafrika praktizieren. Agrarökologische Prinzipien wie die Förderung der Biodiversität, das Schliessen von Kreisläufen und ein verminderter Einsatz von chemischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln taugen nicht nur für das Design neuer, nachhaltiger Systeme, sondern sie können auch helfen, konventionelle Produktionsweisen schrittweise zu verbessern. Zudem zielt die Agrarökologie auf eine Verbindung von Produzentinnen und Konsumenten entlang fairer Wertschöpfungsketten.

FE: Auf den Punkt gebracht kann man sagen: Agrarökologie bringt gesunde Nahrung für alle, produziert in einer Weise, die Umwelt, Tierwohl und Menschenrechte respektiert sowie allen einen fairen Lohn ermöglicht.

Das tönt alles schön und gut. Aber wie soll das genau umgesetzt werden, gerade auch in der Schweiz?

FE: Durch Vorbereitungen in der Schweiz für den FSS sind wichtige Impulse entstanden und wurde ein Dialog in Gang gesetzt. Das ist wegen der blockierten Situation in der Landwirtschaftspolitik und den verhärteten Fronten auch dringend nötig. Um die Gräben zu überwinden, müssen diese Dialoge aber weitergeführt und vertieft werden. Wir müssen uns als Gesellschaft an einen Tisch setzen und umsetzbare Massnahmen verhandeln, die nicht nur eine nachhaltige Produktion und bäuerliche Einkommen sicherstellen, sondern auch einen nachhaltigen Konsum. Hierzu sind wir zurzeit mit wichtigen Partnern im Gespräch.

SP: Neben der Förderung von kohärenten nationalen Politiken, basierend auf den agrarökologischen Prinzipien, richten wir unsere Aktivitäten bei Politikdialog und Anwaltschaft jetzt stark darauf aus, dass mehr Investitionen in agrarökologische Ansätze fliessen. Sowohl im Forschungsbereich wie auch in der Wirtschaft fehlt es gegenwärtig an den nötigen finanziellen Mitteln, um Agrarökologie einen entscheidenden Schritt voranzubringen. Wir sammeln und dokumentieren gezielt erfolgreiche agrarökologische Leuchtturmprojekte im Bereich Politik und Wirtschaft und machen sie weiter bekannt. Damit sensibilisieren und motivieren wir Entscheidungstragende, vermehrt Projekte nach diesem Ansatz zu unterstützen - sei es als Politiker:in oder als Investor:in.

Unsere Devise heisst immer « Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel» (lacht).

[1] Greenwashing ist eine kritische Bezeichnung für PR-Methoden, die darauf zielen, einer Sache in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt.