Mit Agrarökologie die Biodiversität schützen

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella, Biovision.

Mit Abkommen vor den Vereinten Nationen haben sich Länder auf der ganzen Welt dazu verpflichtet, den drastischen Biodiversitätsverlust auf unserem Planeten einzudämmen. Hierbei könnte Agrarökologie eine Schlüsselrolle spielen und eine nachhaltige Landwirtschaft mit dem Schutz der Artenvielfalt verbinden. Ein Gespräch mit Dr. John Garcia Ulloa von Biovision über grosse Herausforderungen und riesige Chancen.

John, was hat Agrarökologie mit Biodiversität zu tun?

Biodiversität ist eines der 13 Prinzipien der Agrarökologie und demnach tief verankert in ihr. Wer agrarökologisch Landwirtschaft betreibt, der fördert Ernährungssysteme, die auf ökologische Prozesse Rücksicht nehmen und diese achten. Und die auf die Biodiversität als ein ganz wichtiger Teil dieser ökologischen Prozesse und Zyklen setzen.

Das musst du genauer erklären.

Nehmen wir als ein Beispiel Bäume, Sträucher, Gräser oder Boden. Sie sind enorm wichtig für den Prozess der Kohlenstoffspeicherung. Die Agrarökologie setzt unter anderem auf Boden- und Pflanzenvielfalt – also auf Biodiversität –, die elementaren ökologischen Prozessen wie Wasserregulierung, Nährstoffkreislauf, Zersetzung, Bodenstruktur und vielen anderen zugrunde liegen. Man sieht: Biodiversität und Agrarökologie sind extrem eng miteinander verwoben.

Wer also Agrarökologie fördert, der fördert gleichzeitig Biodiversität?

So pauschal würde ich das nicht ausdrücken, aber ja, Agrarökologie ist ein wichtiger Hebel, um Biodiversitätsverlust entgegenzutreten. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auf internationalem Level vor allem eine der drei UN-Konventionen vom Weltgipfel in Rio aus dem Jahre 1992. Neben den Themen Klima und Wüstenbildung berieten die Vereinten Nationen damals auch zur Biodiversität. Und verabschiedeten die CBD, die convention for biological diversity.

Und was besagt die?

Ziemlich viel. Allen voran liefert sie ein globales Rahmenwerk und nennt in diesem Ziele, die man als Weltgemeinschaft erreichen will. Ein ganz wichtiges dieser Ziele für Agrarökologie ist die Nummer zehn, wo es um Landwirtschaft und Ernährungssysteme geht: Hier wird Agrarökologie explizit von den Vereinten Nationen als eine Lösung genannt, um eine Art der Landwirtschaft zu betrieben, welche die Biodiversität nicht schmälert, sondern schützt.

Dr. John Garcia Ulloa

Dr. John Garcia Ulloah ist seit 2020 Mitglied im Team Politik und Anwaltschaft bei Biovision. Er ist Umweltwissenschaftler aus Kolumbien und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Leitung und Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten in den Tropen. Seine Arbeit konzentriert sich auf das Verständnis und die Beeinflussung der Triebkräfte und der politischen Massnahmen, die unsere Lebensmittelsysteme formen, sowie auf die Auswirkungen, den Nutzen und die Wechselwirkungen von Transformationsprozessen im Lebensmittelsystem.

Biovision Biene Lavendelblume

Das Rahmenwerk der Vereinten Nationen ist jedoch nicht bindend, richtig?

Die einzelnen Staaten haben sich dazu verpflichtet, die Ziele in puncto Klima, Wüstenbildung oder Biodiversität zu erreichen. Wie sie das jedoch erreichen wollen, das können sie selbst entscheiden . Einige Länder haben es beispielsweise geschafft, in den erarbeiteten, nationalen Text die Förderung von intensiver Landwirtschaft aufzunehmen, die eben nicht nachhaltig sind. Aus diesem Grund reicht es nicht aus, dass Agrarökologie in den UN-Dokumenten drinsteht. Sie muss es explizit in nationale Pläne und Gesetze schaffen. Und genau daran arbeitet das Team Politikdialog und Anwaltschaft bei Biovision.

Wie?

Wir sind weltweit in Kontakt mit Regierungen. Wir zeigen ihnen, dass einer der vielen Vorteile von Agrarökologie ist, dass man damit den Biodiversitätsverlust eindämmen kann und sie dadurch ihre internationalen Verpflichtungen erfüllen können . So wollen wir dazu beitragen, dass mehr und mehr Länder Agrarökologie in ihre nationalen Biodiversitäts-Strategien verankern.

Was braucht es hierfür?

Zum einen ist es wichtig, die einzelnen Regierungen bei der Ausarbeitung ihrer Gesetze zu beraten. Wir machen deutlich, welche politischen Optionen die Länder haben, um Agrarumweltmassnahmen zu fördern, etwa die Entwicklung von Bio-Standards oder die Förderung gemeinschaftlich verwalteter Saatgutbanken. Zum anderen ist es wichtig, dass die verschiedenen Organisationen, NGOs und Stiftungen im Bereich der Agrarökologie gemeinsam auftreten und so umso erfolgreicher auf Staaten und Regierungen Einfluss nehmen können. Gerade in diesem Bereich ist Biovision ein ganz wichtiger Katalysator und schafft es immer besser, den Verfechtern der Agrarökologie weltweit in den verschiedenen Gremien eine Stimme zu geben. Dennoch bleibt es eine enorme Herausforderung, Staaten von Agrarökologie zu überzeugen.

Tanzania Segoma-Village Eastern Usambara Biodiversity Ociumum Processing Harvest 3
Auch für eine nachhaltige Landwirtschaft ist Biodiversität unerlässlich.

Weshalb? 

Das scheitert oft bereits an profanen Dingen. Zum Beispiel: Alles, was die Biodiversität und das Klima betrifft, wird vom Ministerium für Umwelt entschieden. Alles, was Landwirtschaft betrifft, vom Ministerium für Landwirtschaft. Ein Problem, das wir hier häufig antreffen: Die Infos und unsere Bemühungen für mehr Agrarökologie in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Landwirtschaftsministerien schaffen es oft gar nicht ins Umweltministerium. So wissen die Verantwortlichen dort häufig nicht, dass Agrarökologie ein mächtiges Instrument der Landwirtschaft wäre, um dem Biodiversitätsverlust entgegenzutreten. Es fehlt der Wissenstransfer und die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien. Und dieses Problem treffen wir überall an, nicht zuletzt hier in der Schweiz.

Warum ist es so wichtig, den Regierungen klarzumachen, welche Vorteile Agrarökologie für die Biodiversität des Landes hätte? Warum reicht es nicht aus, über die Vorteile im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft zu sprechen?

Natürlich gilt unser Fokus weiterhin der Landwirtschaft. Aber Agrarökologie ist eben deshalb ein geniales Konzept, weil es verschiedene Bereiche miteinander verbindet und so Mehrwert schafft. Dazu muss man festhalten, dass Biodiversität nicht nur die Diversität von Tieren und Pflanzen meint. Der Begriff ist viel weiter und geht von der genetischen Diversität über die Diversität von Spezies bis hin zur Diversität der verschiedenen Ökosysteme. Und auf alle diese Bereiche hat die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, einen enormen Einfluss. Sei er nun negativ oder positiv.

Biodiversität und deren Schutz liegen derzeit auch ein wenig im Trend, würde meinen. Spielt das auch eine Rolle?

Sicher nicht die entscheidende, aber es stimmt schon, dass viel Geld in den Schutz der Biodiversität fliesst. Die breite Bevölkerung merkt mehr und mehr, wie wichtig die Artenvielfalt für unseren Planeten ist – und wie bedroht sie gerade dasteht. Da bieten sich cross-sektorielle Lösungsansätze – wie eben Agrarökologie – schon sehr gut an, um Landwirtschaft und Ernährungssysteme neu zu denken und gleichzeitig Biodiversität zu sichern.

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