Kampf gegen die Wüste

Von

Lothar J. Lechner Bazzanella, Biovision.

Der 17. Juni ist der Welttag zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre. Auch viele Projekte von Biovision versuchen der verstärkten Wüstenbildung und ihren verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt entgegenzuwirken. Ein Interview mit Rani Nguyen, Programmverantwortlicher bei Biovision, über unseren Einsatz in Äthiopien.

Was sind die wichtigsten Faktoren, die zur Wüstenbildung beitragen? 

Die Ursachen der Wüstenbildung sind weltweit meistens sehr ähnlich. Bei unseren Projekten in Äthiopien ist das nicht anders. Einer der bekanntesten Faktoren ist natürlich der drastische Klimawandel. In den letzten Jahren gab es im Süden Äthiopiens extreme Dürren. Gleichzeitig sind die Niederschläge unregelmässiger geworden und wenn es endlich mal regnet, dann oft sehr stark, was den trockenen, harten Boden wegschwemmt, da er die Feuchtigkeit schlichtweg nicht mehr aufnehmen kann. Dies führt zu einer verstärkten Erosion und fördert so die Wüstenbildung.

Welche zusätzlichen Herausforderungen gibt es in Äthiopien?

Äthiopien hat fast 130 Millionen Einwohner und ist damit nach Nigeria das zweitbevölkerungsreichste Land in Afrika. Die hohe Bevölkerungsdichte führt zu einem starken Druck auf die natürlichen Ressourcen. Land und Wälder werden intensiver genutzt, oft mit Praktiken, die Erosion weiter fördern. Mehr als 90% der Menschen im Land nutzen nach wie vor Holz zum Kochen und Heizen, was zur Entwaldung beiträgt. Alles Faktoren, die der Wüstenbildung in die Karten spielen.

Biovision_Rani_Nguyen

Rani Nguyen

Rani Nguyen ist seit März 2024 als Programm-Manager für Biovision tätig. Davor arbeitete er vier Jahre lang in landwirtschaftlichen Projekten für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Burkina Faso und Deutschland. Er hat einen Abschluss in Nachhaltiger Entwicklung und Agrarökologie.

Mehr Infos zum Projekt finden Sie hier:  Äthiopien: Gesunde Böden und faire Löhne

Eines der Biovision-Projekte gegen Wüstenbildung in Äthiopien fokussiert sich auf die Bezirke Tiyo und Hitosa. Welche konkreten Massnahmen werden hier umgesetzt, um den Boden zu schützen?

Ein zentraler Punkt ist, den Menschen agrarökologische Praktiken näherzubringen. In unserem Projekt erhalten über 5000 Haushalte Trainings zu nachhaltiger Landwirtschaft und Bodenmanagement. Wir arbeiten mit Bodenschutz- und Wasserschutzmassnahmen sowie mit der sogenannten Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR). Hierbei geht es darum, bestehende Bäume zu erhalten und neue Bäume zu pflanzen. Haushalte bekommen Baumsetzlinge, darunter auch Obstbäume, die zusätzlich zum Einkommen beitragen. Zudem fördern wir sogenannte Watershed Management Associations, lokale Gruppen, die Pläne und Massnahmen erarbeiten, um Wasser und Boden zu schützen. Damit die Massnahmen langfristig gesichert sind, ist es enorm wichtig, dass die lokale Bevölkerung von Anfang an die Dinge selbst in die Hand nimmt und mitbestimmt.

Was sind spezifische Boden- und Wasserschutzmassnahmen im Projekt? 

Zu den Massnahmen gehören unter anderem Gräben und Wälle, die das Wasser zurückhalten und so das Einsickern in den Boden fördern. Dazu kommen Dämme über Schluchten und Bäche, die den Wasserfluss verlangsamen und die Sedimentablagerung fördern. Schlucht-Sanierungen sind ebenfalls wichtig – hierbei werden Schluchten mit Steinen und Erde gefüllt und mit Gräsern und Sträuchern bepflanzt, um die Erosion zu stoppen. Und dazu kommt natürlich die Wiederaufforstung mit Bäumen. Sie sind ein zentraler Aspekt im Programm.

Dorfgemeinschaften errichten Gräben und Wälle gegen die Erosion.

Warum sind Bäume so wichtig? Brauchen die nicht das wenige Wasser, das vorhanden ist?

Im Gegenteil. Erosion findet dann statt, wenn es keine Hindernisse gibt, an denen sich die Erde festhalten kann. Bäume helfen, die Erde und das Wasser im Boden zu halten, und tragen gleichzeitig dazu bei, dass die Temperatur sinkt und weniger Wasser verdunstet. Bäume sind also extrem wichtig, um den Wasserhaushalt zu regulieren und die Erosion zu verhindern.

Diese Massnahmen helfen nicht nur gegen Erosion, sie fördern auch das Wachstum von neuen Pflanzen?

Ja genau. Vor meiner Zeit bei Biovision hatte ich ein Projekt im Senegal. Dort konnte ich sehen, wie viel man mit relativ einfachen Mitteln erreichen kann, um den Boden gesünder zu machen – unsere Projektpartner:innen platzierten damals simple Steinhaufen und Steinwälle in der Landschaft, fast schon in der Wüste. Nach wenigen Jahren war alles wieder komplett grün, weil das Wasser eben nicht abfliesst, sondern Zeit hat, einzusickern und so der Boden wieder fruchtbar wird.

Wie kam es dazu, dass einst vielleicht fruchtbare Gebiete so ausgetrocknet wurden? Hängt das mit neuen landwirtschaftlichen Praktiken zusammen? Dem Klimawandel?

Das ist eine komplexe Frage und hängt sicher mit vielen Punkten zusammen, die sich auch von Ort zu Ort unterscheiden. Aber ich denke bei solchen Fragen immer gerne an die Alpen: So wie wir die Alpen heute kennen waren sie früher nicht. Früher gab es hier Wälder, soweit das Auge reicht. Bis der Mensch die Alpen besiedelt und daraus eine Kulturlandschaft gemacht hat. Wälder wurden gerodet, Felder bepflanzt, Vieh gezüchtet. Das hat die Landschaft über wenige hundert Jahre komplett verändert. Und so oder so ähnlich ist das an tausenden Orten der Welt auch passiert. Mit unterschiedlichsten Folgen. In Äthiopien, einem Land mit 130 Millionen Einwohnern, nahe am Äquator und mit oft schwierigen klimatischen Bedingungen, sehen wir heute vielerorts, dass der Boden eben extrem gelitten hat in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Und ja, dazu kommt natürlich auch der Klimawandel.

Welche positiven Veränderungen konntest du bisher bei der Arbeit in Tiyo und Hitosa beobachten?

Wir starten gerade in die zweite Phase des Projekts. In den ersten drei Jahren haben wir wirklich wichtige Erfolge erzielt. Fast 3000 Hektar Agrarland wurden mit Boden- und Wasserschutzmassnahmen bearbeitet und rehabilitiert. Die Vielfalt auf den Farmen hat zugenommen: Vor dem Projekt hatten die allermeisten Bauernfamilien in der Regel nur zwei Anbaukulturen. Nun sind es durchschnittlich fast vier. Mit der Vielfalt im Anbau steigen die Ernährungssicherheit und die Resilienz: Je vielfältiger ein System, desto widerstandsfähiger ist es in schwierigen Zeiten.

Was sind die nächsten Schritte für die nächste Phase?

In der nächsten Phase werden wir unsere Arbeit in Tiyo und Hitosa fortsetzen. Unsere lokalen Partner:innen werden weiterhin Bodenschutz- und Wasserschutzmassnahmen zusammen mit der lokalen Bevölkerung durchführen und Schulungen für nachhaltige Praktiken anbieten. Gerade bei Wiederaufforstungsprojekten sind die Phasen relativ lang, da es schlichtweg Jahre braucht bis Bäume wachsen. Gleichzeitig wollen wir die Erfolge aus der ersten Phase auf den Bezirk Dugda ausweiten und so künftig noch mehr Land rehabilitieren und noch mehr Menschen miteinbeziehen.

Die natürlichen Ressourcen sind sehr knapp im dürregefährdeten Siraro Distrikt. Getrocknete Hirse- und Maisstängel sind sehr gefragt als Viehfutter und als Brennstoff.

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