«Gelernt, die Ressourcen anderer zu respektieren»

Von

Patricio Frei, Biovision.

Immer wieder geraten in Tansania Viehhalter und Bauernfamilien aneinander. Viehhalter Kaspeni Mkurumbwe und Bäuerin Mercy Meena erklären, wie es zu diesen Konflikten kam und was das Projekt von Biovision und ihrer Partnerorganisation SAT veränderte.

Wie haben Sie gelebt, bevor sie am Projekt teilgenommen haben?

Kaspeni Mkurumbwe: Als Viehhalter stand ich früher vor einigen Herausforderungen. Unsere Kühe gaben nur sehr wenig Milch, weil das Weideland nicht ausreicht. Vor allem die Trockenzeit stellte uns vor grosse Schwierigkeiten. Einige Kühe sind sogar verendet, weil sie keine Nahrung fanden. Wie die anderen Viehhalter war ich es gewöhnt, mein Vieh überall weiden zu lassen, wo ich wollte. Dies führte dazu, dass die Kühe manchmal auf das Grundstück von Bauernfamilien eindrangen. Solche Situationen sind teilweise eskaliert und es gab auch immer wieder Verletzte.

Warum ist für Sie das Projekt so wichtig?

Kaspeni Mkurumbwe: Das Projekt hat sich positiv auf mein Leben ausgewirkt. In der Massai-Gemeinschaft steht das Vieh an erster Stelle. Durch das Projekt habe ich mir zusätzliches Wissen über Weidebewirtschaftung und Lagerung von Gras angeeignet. Nun hat mein Vieh auch in der Dürrezeit genügend Futter. Und dank des Projekts habe ich auch verbesserte Ziegen erhalten, die in Trockenzeiten resistenter sind. Und: Sie wiegen mehr, wodurch ich auf dem Markt für sie einen höheren Preis erzielen kann.

Welche Auswirkungen hatte das Projekt für Sie?

Kaspeni Mkurumbwe: Ich habe die Art und Weise geändert, wie ich meine Kühe und Ziegen behandle. Heute lasse ich sie nicht mehr weiden, wo es mir gerade passt. Es gibt definierte Flächen, auf denen ich sie morgens grasen lasse, und abends kommen sie zurück. Sie dürfen nicht mehr auf dem Land anderer Leute weiden. Zwei Hektaren Land habe ich für die Weidebewirtschaftung reserviert. Jetzt hat mein Vieh das ganze Jahr hindurch genug zu fressen – auch während der Trockenzeit. Durch den Verkauf von Milch und Ziegen habe ich mein Einkommen erhöht. Jetzt kann ich meine Kinder zur Schule schicken und andere Bedürfnisse erfüllen.

Hat sich Ihre Beziehung zu den Bäuerinnen und Bauern verändert? 

Kaspeni Mkurumbwe: Früher gab es viele Konflikte zwischen uns Viehhaltern und den Bauernfamilien. Auf der Suche nach Weideland war es aus unserer Sicht unvermeidlich, die Grundstücke der Bauernfamilien zu betreten. Mit dem Projekt haben wir jedoch gelernt, dass auch Viehhalter ihre Weideflächen bewirtschaften und das Gras für die spätere Nutzung aufbewahren können. Ich habe auch gelernt, dass es wichtig ist, gute Beziehungen zu pflegen und die Ressourcen anderer zu respektieren. Nun haben in dieser Gegend die Konflikte deutlich abgenommen.

Wie haben Sie früher Ihr Land bewirtschaftet?

Mercy Meena: Bevor ich am Projekt teilnahm, habe ich für meine Pflanzen neben Tierdung von Kühen und Hühnern auch chemische Pestizide verwendet. Ich hatte nur wenig Kenntnis darüber, wie chemische Düngemittel den Boden schädigen. Deshalb habe ich früher schon Tierdung verwendet.

Warum ist das Projekt wichtig für Sie? 

Mercy Meena: Weil es mein Wissen und mein Bewusstsein für die Agrarökologie und ihre Praktiken erweitert hat. Jetzt baue ich mein Gemüse und Getreide ökologisch an: Ich setze auf Biopestizide, Biodünger und natürlichen Bodenschutz. Mit diesen Methoden komme ich auch besser mit den Herausforderungen des Klimawandels klar.

Wie hat sich das Projekt auf Sie ausgewirkt?

Mercy Meena: Früher war mein Boden sehr trocken – ein typisches Merkmal in meinem Dorf. Weil ich jetzt auf meinem Hof Kompost und natürlichen Dünger verwende, hat sich der Boden mit Nährstoffen angereichert und ich habe mehr Sicherheit für eine gute Ernte. Dank dem Verkauf von Bioprodukten mit einem Mehrwert habe ich ein besseres Einkommen. Deshalb konnte ich Milchkühe kaufen, deren Milch ich nun an meine Nachbarinnen und Nachbarn verkaufe.

Wie hat dieses Projekt die Beziehungen zwischen Bauernfamilien und Viehhaltern beeinflusst? 

Mercy Meena: Früher war das Verhältnis zwischen Bauernfamilien und Viehhaltern sehr schlecht. Weil die Viehzüchter mit ihrem Vieh in die Felder eindrangen, gab es immer wieder Verletzte und sogar Tote. Durch das Projekt haben die Viehhalter gelernt, wie sie Weidegras lagern können und so auch in der Nebensaison Futter für ihr Vieh haben. Und die Bauernfamilien haben jetzt die Möglichkeit, ihr Gras und Ernterückstände mit den Viehhaltern gegen Tierdung zu tauschen. Durch diese Zusammenarbeit haben sich die Beziehungen zwischen Bauernfamilien und Viehhaltern deutlich verbessert. Dies geht so weit, dass wir uns jetzt zusammensetzen, um den Fortschritt des Projekts zu besprechen.

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