«Heute bin ich von niemandem mehr abhängig»

Von

Peter Lüthi, Biovision (Text) und Christian Bobst (Bild und Video)

Beryl Atieno Munika lebt seit ihrer Geburt mit einem körperlichen Handicap, sie blieb als junge Frau von ihren Eltern abhängig. Dann besuchte sie einen Kurs in ökologischer Landwirtschaft – und nahm das Schicksal in die eigenen Hände.

Hochbetrieb in «Beryl’s Internet Shop» in Luanda, einer Kleinstadt nördlich des Viktoriasees in Kenia: Ein Angestellter bearbeitet Dokumente am Computer, druckt sie aus und reicht sie weiter an seinen Kollegen, der sie zu einem gepflegten Dossier mit Spiralbindung fertigt. Ein paar Gäste checken E-Mails an Bildschirmen, eine Kundin nimmt ein Bündel Fotokopien in Empfang. Und mitten im Gewusel steht, gestützt auf eine Holzkrücke, die junge Chefin des Shops. Beryl Atieno Munika lebt seit ihrer Geburt mit einer Beeinträchtigung am Bein. «Noch als 22-Jährige versteckte ich mich und war so schüchtern, dass ich mich kaum aus dem Haus meiner Eltern traute», erzählt sie und ergänzt mit Erleichterung und Stolz: «Heute bin ich selbständig, verdiene meinen Lebensunterhalt und bin von niemandem mehr abhängig». 

Beryl Atieno Munika vor ihrem Internetcafé in Luanda, Kenia.
Beryl Atieno Munika vor ihrem Internetcafé in Luanda, Kenia.

Sprung über den eigenen Schatten 

Die Wende begann 2012 mit einem Kurs über Push-Pull. Mit dieser ökologischen Anbaumethode für Mais und Hirse lassen sich viel höhere Erträge erzielen, die Fruchtbarkeit der Ackererde wird verbessert, sie erlaubt eine hochwertige Viehfutterproduktion und verhindert die Bodenerosion. Damals raffte die junge Frau all ihren Mut zusammen und meldete sich an. Bei einem Bekannten hatte sie die Vorteile dieser biologischen Schädlingsbekämpfung mit eigenen Augen gesehen und witterte ihre Chance. 

Nach dem Workshop wartet jedoch die nächste Hürde: die Umsetzung des Gelernten. Beryl Munika hatte kein eigenes Land und musste ihre Eltern erst darum beten. Diese hatten jedoch grosse Bedenken, ob Beryl sich damit nicht überfordern würde, und letztlich sie beide viel Arbeit leisten müssten. Doch die Tochter gab nicht auf. Nach zähen Auseinandersetzungen erhielt sie schliesslich ein kleines Feld. «Mein Vater gab mir das schlechteste Stück Land», erzählt die Jungbäuerin. Sie aber packte an und arbeitete jeden Tag auf dem Acker. Dabei wurde sie von einem Projektassistenten des icipe beraten, der sie regelmässig besuchte. Ihr unermüdlicher Grosseinsatz wurde belohnt.  

«Mein Vater hatte bisher wegen hohen Schädlingsbefalls bloss bescheidene Erträge auf diesem Acker geerntet», sagt sie. «Bei mir war es bereits in der ersten Pflanzsaison ein ganzer Sack von 40 kg.» Seither konnte die tüchtige Bäuerin die Erträge weiter steigern und produziert nun jeweils zwei bis zweieinhalb Säcke pro Saison. Das entspricht etwa 80-100 kg. 

Weiterführende Infos und Links

Das icipe ist das Internationale Insektenforschungsinstitut in Nairobi und Mbita Point, Kenia, und langjähriger Projektpartner von Biovision, der u.a. die Push-Pull-Projekte in Ostafrika umsetzt.

www.icipe.org

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Porträt über Beryl Atieno Munika, die dank Push-Pull zu neuem Selbstbewusstsein gefunden hat.

Innovationskraft und Glück 

Beryl Munika hatte auch Glück. Durch ihren Auftritt in der Sendung «Mitenand» des Schweizer Fernsehens über Biovision ergab sich die Bekanntschaft zu einer Person aus der Schweiz. Diese ermöglichte ihr den Besuch eines Colleges in Kakamega Town, und den Aufbau eines eigenen Geschäfts. Mit ihrem neuen Selbstvertrauen entdeckte Frau Munika die Unternehmerin in sich und gewahrte eine vielversprechende Marktlücke: Ein Internet-Café. Sie investierte in die Miete eines kleinen Lokals mit Internetanschluss und in die Anschaffung von einigen Secondhand-Computern. Hier bot sie auch Nachhilfestunden für Computer-Anfänger:innen an. Diese Kurse und der Shop waren ein Volltreffer und bescherten ihr fortan ein regelmässiges Einkommen.  

Später zog sie zurück in die Nähe ihrer Eltern, wo sie noch heute ihr Maisfeld bewirtschaftet. Und sie verwirklichte ihren Unabhängigkeitswunsch: Die Jungunternehmerin zügelte in ein Dorf ausserhalb von Luanda. Hier mietete sie ein Haus mit zwei Räumen. Der eine dient ihr nun als Wohnung, im andern richtete die umtriebige Frau einen kleinen Allerlei-Laden ein, der unter anderem Kosmetik, Getränke, Mais, andere Getreide und Brot im Sortiment führt. 

Beryl Atieno Munika vor ihrem Push-Pull-Feld in Kenia.
Beryl Atieno Munika auf ihrem Push-Pull-Feld in Kenia. Im Vordergrund wächst das Elefantengras, das die Schädlinge anzieht. Zwischen den Maispflanzen ist das Bohnengewächs Desmodium zu erkennen, welches den Boden schützt und die Schädlinge abstösst.

Ein Vorbild für die Jugend 

Heute ist Beryl Atieno Munika eine erfolgreiche Unternehmerin, Bäuerin und stolze Mutter des drei-jährigen William. Mit ihrem Einkommen trägt sie massgeblich zur Ernährung und zum Lebensunterhalt ihrer Eltern und ihrer jüngeren Geschwister bei. Und Ende letzten Jahres wurde ihr Talent und ihre herausragende Stärke auch von den lokalen Behörden erkannt: Sie wurde zur «Botschafterin für die Jugend» und damit zum Vorbild erkoren. Dennoch bleibt die Frau bescheiden und blickt mit Dankbarkeit zurück: «Der Schlüssel zu meinem Erfolg ist Push-Pull. Die Projektleute nahmen stets Rücksicht auf mich und passten sich meinem langsameren Tempo an. So konnte ich Selbstvertrauen finden und mein Potenzial entfalten. Push-Pull gab mir den Mut und den Glauben, jemand zu sein». 

Beryl Atieno Munika posiert mit ihrer Familie für ein Foto.
Beryl Atieno Munika ist die Ernährerin der Familie. Hier posiert sie zusammen mit ihren Eltern und ihrem Sohn.

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