«Einst lebten die Menschen zusammen mit den Tieren, ohne dass diese ihnen etwas
angetan hätten», erzählt John Gafabusa und fährt mit einem Zweig über die Karte vor ihm: «Hier sieht man, wie das Leben früher war.» Im Zentrum prangt der Mwitanzige, wie der Albertsee in der Sprache der Bagungu genannt wird. Rundherum breitet sich ein intaktes Ökosystem aus: grünes Land, Wälder, Flüsse. Es ist die Landschaft von Buliisa, am Ostufer des Sees, wo die Bagungu seit Generationen leben. Markiert
sind auch die heiligen Naturstätten, die von der ganzen Gemeinschaft anerkannt und geschützt wurden. Sie liegen in Wäldern, in Feuchtgebieten, in Lagunen. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, in einer Lagune zu fischen, denn die Menschen wussten, dass diese den Fischen als Laichplatz dient. Die Gesetze der Gemeinschaft waren ungeschrieben, weitergegeben von den Vorfahren und durchgesetzt von den Hütern der heiligen Naturstätten. Diese waren Bewahrer der Ordnung und zugleich spirituelle Führer. Einer von ihnen ist Gafabusa.
Die Regenmacher
«Während wir sprechen, sind sie hier und hören uns», sagt er und meint damit die
Vorfahren. In Ritualen treten die Hüter mit ihnen in Kontakt, um Nahrungsknappheit, eine Seuche oder ein Unglück von der Gemeinschaft abzuwenden. Es heisst, die Hüter könnten auch bei langanhaltender Trockenheit Regen herbeiführen. Gabafusa spricht auch von «Nyamuhanga», dem Schöpfer, der mitten unter den Bagungu wohne. Er manifestiert sich als Geist in Bäumen und Tieren. Darum, so erklärt Gafabusa, seien für die Bagungu Respekt und Achtsamkeit gegenüber der Natur selbstverständlich.
Doch dieses grüne Buliisa gibt es nicht mehr. Gafabusa breitet eine zweite Karte aus, die zeigt, was geschehen ist: Strassen wurden gebaut, Siedlungen sind entstanden, Wälder verschwanden. Fabriken, Bohrtürme und Pipelines prägen die Landschaft.
Das Land ist grau, Flüsse sind ausgetrocknet und viele Tiere seltener geworden. Die
heiligen Stätten existieren noch, aber ohne die schützenden Wälder ringsum. Viele junge Mitglieder der Gemeinschaft sind auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt gezogen. Grundsätzlich schwindet das Interesse an den Überlieferungen der Vorfahren. Für Gafabusa ist dies die Karte der Klage und Unordnung. Sie zeigt die aktuelle Situation.
Ein Prozess beginnt
Gezeichnet haben die Karten Gafabusa und andere Hüter der Naturstätten aus Buliisa. Angestossen wurde der Prozess von AFRICE, einer Partnerorganisation von Biovision. AFRICE unterstützte die Hüter dabei, sich wieder zu versammeln. Diese tauschten sich gemeinsam über ihre Rolle und die ungeschriebenen Gesetze aus. Das Selbstvertrauen wuchs und mit ihr die Zahl der Teilnehmer.
Doch nicht nur Männer wie Gafabusa spielen eine entscheidende Rolle. Wichtig sind auch die Frauen, die das traditionelle Saatgut bewahren. Eine von ihnen ist Violate Bitamale. Sie erinnert sich: «Als eine Hungersnot ausbrach, gründeten wir als Erstes eine Frauengruppe. Dann haben wir unsere Mütter und Grossmütter gefragt: Was habt ihr früher getan, bevor wir zur Welt kamen, um in solchen Situationen genügend zu essen zu haben?» Seither hat Violate Bitamale viel dazugelernt. Nun gibt die 69-Jährige ihr Wissen an ihre 22-jährige Enkelin Renitah Kwayenda weiter. Die beiden sitzen im Schatten eines Niembaums im Dorf Kakindo. Vor ihnen liegt eine kleine Saatgutbank in drei Körbchen. Als Saatguthüterin ist Bitamale eine zentrale Figur in der Gemeinschaft.
Wissen für die Zukunft
In ihren Körbchen bewahrt sie das Saatgut von Mais, Kürbis, Bohnen, Okra, Nüssen und Sesam auf. Es wird für Rituale gebraucht. Viele Saatgutsorten haben auch eine heilende Wirkung und sind wichtig für die Ernährungssicherheit. «Die Regierung fördert eine Maniok-Sorte, die schon nach sechs Monaten geerntet werden kann», erklärt Bitamale. «Aber wenn man sie länger in der Erde lässt, verfault sie. Unsere traditionelle Sorte dagegen bleibt im Boden bis zu vier Jahre frisch.» Wenn eine Trockenzeit anhält, kann das den entscheidenden Unterschied machen, um Hunger abzuwenden.
Violate Bitamale hat auch dank AFRICE und Biovision gelernt, den eigenen Garten nachhaltig zu bewirtschaften. «Ich verwende keine chemischen Pestizide und Düngemittel mehr. Heute nutze ich den Mist der Ziegen und der Hühner als Dünger für meinen Garten. Schädlinge bekämpfe ich mit einem Gemisch aus den Blättern des Niembaums und rotem Pfeffer.»
Die dritte Karte
Als die Hüter die dritte Karte zeichneten, blickten sie nach vorn. Sie wissen, dass sie die Zeit nicht zurückdrehen können: Strassen, Siedlungen und Bohrtürme sind Realität. Doch sie können Elemente der ersten Karte zurückholen. Mit traditionellem Saatgut könnten Felder wieder ergrünen. Und wenn die Gewohnheitsrechte befolgt werden, könnten Wälder wachsen, Tiere zurückkehren und sich die Fischbestände erholen. Vielleicht werden sogar ausgetrocknete Flüsse wieder Wasser führen. Die dritte Karte zeigt, dass für die Bagungu eine Koexistenz möglich ist.
Die Karten haben nicht nur das Bewusstsein innerhalb der Gemeinschaft und letztlich die nachhaltige Versorgung mit Nahrungsmitteln gestärkt, sondern auch die Grundlage für den Dialog mit der Bezirksverwaltung geschaffen. Gemeinsam wurde eine Resolution erarbeitet, die vom Bezirksrat verabschiedet wurde. Sie anerkennt die Hüter von Buliisa und ihre Gewohnheitsrechte für die Verwaltung der heiligen Naturstätten. Es liegt sogar ein Gesetzesentwurf vor. Doch seine Ratifizierung durch die Zentralregierung in Kampala lässt seit Monaten auf sich warten. Erst wenn diese vorliegt, sind die heiligen Stätten und die Rolle ihrer Hüter geschützt.
Tradition und Moderne
Das Projekt von Biovision stärkt die Bagungu darin, ihre eigene Zukunft zu gestalten. Doch Herausforderungen bleiben: So sind viele junge Menschen weggezogen. Einer, der seine Zukunft weiterhin hier in Buliisa sieht, ist Rogers, der Sohn von John Gafabusa. Bei einer Ölgesellschaft hat der 32-Jährige Arbeit gefunden. Gleichzeitig lernt er von seinem Vater alles über die Rolle eines Hüters der heiligen Naturstätte. Ein Stück Land bewirtschaftet er nach den alten, nachhaltigen Methoden. «Es ist gut, unsere Kultur und unsere traditionellen Lebensweisen zu erhalten», sagt er. Für ihn bedeutet das, ein Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne zu finden.
Dieses Gleichgewicht ist fragil – und ob es sich weiter zu festigen vermag, hängt davon ab, ob die Gemeinschaft der Bagungu ihr traditionelles Wissen, das traditionelle Saatgut und ihre heiligen Stätten weiterhin pflegt. Dann haben auch kommende Generationen eine Zukunft.