«Mensch und Natur gehen vor – nicht der Profit einiger weniger»

Anlässlich der Veröffentlichung der «Money Flows»-Studie von Biovision, IPES-Food und dem Institute of Development Studies (IDS) nimmt Biovision-Präsident Hans R. Herren Stellung zur Agrarforschung in Afrika. Weshalb kommt der Finanzierung eine so hohe Bedeutung zu und warum hat bisher keine echte Transformation stattgefunden?  

 

Hans Herren

Interview: Mathieu Carey, IPES-Food

Warum braucht es eine Studie, welche die Geldströme in die agrarökologische Forschung in Afrika untersucht? Und warum jetzt? 

Wie wir bereits im IPES-Food-Bericht «From Uniformity to Diversity» (von der Gleichförmigkeit zur Vielfalt) gesehen haben, gibt es eine Reihe von Hindernissen – die wir als «lock-ins» bezeichnen –, die eine Transformation der Lebensmittelsysteme in Richtung Agrarökologie verhindern. Im Zentrum dieser Lock-ins steht die Konzentration von politischer und wirtschaftlicher Macht. Wir wollten daher die Geldströme verstehen, die von besonders einflussreichen Akteuren ausgehen und wie sich diese auf die Auswahl an Projekten in der Agrarforschung für Entwicklung (AR4D) auswirken.  

Da ich selbst seit über 30 Jahren in der Agrarforschung tätig bin, weiss ich, wie sehr die Verfügbarkeit von Finanzmitteln die Forschung beeinflusst. Und angesichts der heutigen Herausforderungen wie Klimawandel, ernährungsbedingte Gesundheitsprobleme und Pandemien, Druck auf die biologische Vielfalt sowie auf Land und Wasser brauchen wir eine radikale Veränderung unseres Ernährungssystems – eine Veränderung, die auf den Prinzipien der Agrarökologie und den zehn von der FAO definierten agrarökologischen Elementen basiert. 

Kurz gesagt: Was sagt uns dieser Bericht über die Finanzierung der Agrarforschung für Entwicklung? Sollten wir besorgt sein? 

Der Bericht hebt die unzureichende Finanzierung der Agrarökologie in Afrika und die grossen Unterschiede zwischen den Gebern in dieser Hinsicht hervor. Die in der Studie untersuchten Geldgeber sind die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die «Bill & Melinda Gates Foundation» und die kenianische Regierung. Über 50% der von der Schweiz finanzierten Projekte unterstützen die Agrarökologie, während die Gates Foundation in der alten «Grünen Revolution» und dem Paradigma der konventionellen Landwirtschaft feststeckt. Nur 3% ihrer Projekte unterstützen agrarökologische Ansätze. In Kenia ergibt sich ein gemischtes Bild, noch sind aber nur 13% der Projekte agrarökologisch ausgerichtet. Das liegt weit hinter dem zurück, was notwendig wäre, um den Paradigmenwechsel in unserem Ernährungssystem einzuleiten. Dabei wissen wir, dass es Ansätze wie die Agrarökologie braucht, um die Nahrungsproduktion widerstandsfähig zu machen und dass sie Beiträge in wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Hinsicht leisten kann. 

Warum bezieht sich die Studie auf genau diese Geldgeberinnen? 

Sie geben einen guten Eindruck davon, wie die Gelder in diesem Bereich verteilt werden, vielleicht mit Ausnahme der Schweizer DEZA – sie ist bei der Zuweisung von Mitteln für die Agrarökologie vielen anderen voraus. Tatsächlich befürworten die meisten Regierungen, sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern, immer noch die  «Grüne Revolution» und die Forschung in die konventionelle Landwirtschaft. Sie sind überzeugt, dass dies der einzige Weg ist, um genügend Nahrungsmittel zu produzieren. Dasselbe gilt für die Gates Foundation und ihre in Nairobi ansässige Entwicklungsagentur AGRA, die ebenfalls grossen Einfluss auf die Politik ausübt. 

Nehmen wir zum Beispiel die «Bill & Melinda Gates Foundation». Warum investiert sie so wenig in die Agrarökologie? 

Das ist eine Frage der Philosophie. Trotz den heute hinlänglich bekannten Problemen der konventionellen Landwirtschaft wird sie weiter als Lösung statt als Problem wahrgenommen. Zudem ist die Gates Foundation stark vom Denken ihres Gründers – alles mit Technologien lösen zu können – beeinflusst.  Die «Grünen Revolution» hat mehr Nahrungsmittel produziert – aber zu welchen Kosten? Und im Vergleich zu was? Heute wissen wir, dass die Agrarökologie die beste Option für eine nachhaltige Landwirtschaft und eine gesunde Ernährung ist. Sie ist nicht nur genauso produktiv, sondern ihr Nutzen geht weit über die Masseinheit Kg/ha hinaus. Mit der Agrarökologie lassen sich fast alle Ziele der UNO für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erreichen. Und – was entscheidend ist – sie gibt uns die Widerstandsfähigkeit, die wir nicht erst seit COVID-19 zur Bewältigung vieler weiterer globalen Herausforderungen brauchen. 

Gibt es Lichtblicke für die Agrarökologie auf dem afrikanischen Kontinent? 

Ja. Die Studie zeigt, dass Licht am Ende des Tunnels in Sicht ist. Dass mit der Schweizer DEZA eine führende Institution in der Agrarforschung an diesem Wandel beteiligt ist, könnte Signalcharakter für andere Geldgeber und Investoren haben. Es gibt auch eine Reihe von afrikanischen Initiativen, beispielsweise die EOA, eine Vereinigung der Staatschefs der Afrikanischen Union, die eine ökologische und biologische Landwirtschaft fordern. Es wäre gut, die Ergebnisse dieser Studie der Afrikanischen Union vorzulegen, damit sie ähnliche Studien für andere Länder oder gar den gesamten Kontinent durchführt. Die Afrikanische Union könnte somit die Investitionspolitik besser lenken.  

Auch die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) könnte ihre Agrarinvestitionspolitik überdenken, sowie andere zwischenstaatliche Organisationen (wie die Weltbank) oder die Europäische Union. Auf diese Weise könnten die Mittel von der konventionellen, mit Chemikalien belasteten Landwirtschaft in die Agrarökologie umverteilt werden.  

Was muss als nächstes geschehen, damit vermehrt in nachhaltige Ernährungssysteme investiert wird? Was empfiehlt die Studie? 

Konkret müssen wir eine Transformationsstrategie entwickeln, die lokale Meinungen miteinbezieht und partizipativ ist. Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir Erfolg messen. Kg/ha ist nicht aussagekräftig. Wir müssen die lokale Forschung für das Globale nützlich machen, damit wir nicht nur kurzfristige Herausforderungen meistern, sondern auch die langfristigen. Und wir müssen einen Generationswechsel in der Forschung zulassen. Es braucht frisch ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an einem nachhaltigen System forschen! Dafür brauchen sie langfristige finanzielle Unterstützung, auch von staatlicher Seite. Regierungen, internationale Institutionen, der Privatsektor, Stiftungen – alle müssen die Agrarökologie als Weg in die Zukunft sehen. Wir können uns nicht noch mehr Ernährungskrisen leisten. Nach Covid-19 brauchen wir eine «neue Normalität», nicht die alte. 

Wir müssen unsere Lehren ziehen und Veränderungen anstossen, die Mensch und Natur ins Zentrum stellen und nicht die Profite einiger weniger. Dieser Bericht hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Agrarökologie ist umsetzbar... packen wir es an!