«Agrarökologie ist zur Bewegung geworden»

Von

Martin Grossenbacher, Biovision (Interview)

Agrarökologie ist kein Nischenphänomen mehr – dies macht das breit abgestützte und vielfältige Programm der schweizweiten Veranstaltungsreihe «Tage der Agrarökologie» klar. Daniel Langmeier, Politikberater bei Biovision und Mitgründer des dahinterstehenden Netzwerks «Agroecology Works!», erklärt, was es damit auf sich hat.

Daniel Langmeier, was passiert an den «Tagen der Agrarökologie»? 

Die Veranstaltungsreihe zeigt auf, dass die Agrarökologie mittlerweile in der Schweiz angekommen und dass sie ein funktionierender Teil des vielfältigen Schweizer Ernährungssystems istvon der Produktion über die Verarbeitung, die Forschung und den Handel bis zum Konsum. Das wird an über 75 Einzelanlässen in allen Sprachregionen und fast allen Kantonen der Schweiz vermittelt.

Wie ist die Idee für diese Veranstaltungsreihe entstanden?

2019 haben sich verschiedene Organisationen aus der Schweiz, welche die Agrarökologie fördern, zu einem Workshop getroffen. Daraus ist nun ein lebendiges und handlungsfähiges Netzwerk entstanden. Seit knapp einem halben Jahr existiert Agroecology Works! nun als Verein mit 24 Mitgliedern sowie beobachtenden Organisationen wie der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA oder dem Bundesamt für Landwirtschaft BLW. Die Veranstaltungsreihe «Tage der Agrarökologie» soll Agrarökologie in der Schweiz bekannter machen.

Über Daniel Langmeier

Daniel Langmeier ist Politikberater bei Biovision.  Er studierte Agrarwissenschaften und Development Studies und beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit dem Themenfeld Nachhaltigkeit, Politik und Landwirtschaft. Er ist Mitgründer des Aktionsnetzwerks «Agroecology Works!»

www.agroecologyworks.ch

Die beteiligten Gruppen sind zahlreich und vielfältig – würdest du Agrarökologie als Bewegung bezeichnen?

Absolut. Dies zeigt sich schon daran, wer die Akteur:innen dahinter sind: Hochschulen wie der ETH/EPFL oder den Universitäten Lausanne und Bern, Forschungsinstitutionen wie das FiBL, soziale Bewegungen wie das Ernährungsforum Basel, das Projekt Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden, Produzentinnen und Produzenten und NGOs wie Biovision, die mit ihrem Engagement Agrarökologie fördern. Zusammen geben sie an den Tagen der Agrarökologie der Bewegung in der Schweiz eine gemeinsame Stimme (Liste aller beteiligten Organisationen) und zeigen an den verschiedenen Anlässen das Potenzial auf, wie mit Einbezug der Agrarökologie ein nachhaltigeres Ernährungssystem geschaffen werden könnte.

Die «Tage der Agrarökologie» haben sich in nur einem Jahr stark entwickelt. Das Programm ist viel breiter und umfangreicher geworden. Was hat sich sonst noch verändert gegenüber dem Vorjahr?

Der Anlass hatte letztes Jahr ein sehr gutes Echo, sowohl beim Publikum als auch bei den beteiligten Veranstalterinnen und Veranstaltern. Die Einladung zum Mitmachen stiess deshalb auf ein sehr positives und grosses Interesse. Bis jetzt haben über 80 Organisationen ihre Anlässe angemeldet. Es sind mittlerweile mehr als doppelt so viele Anlässe als im Vorjahr und – was mich besonders freut – nicht mehr nur in der Deutschschweiz, sondern auch in der Romandie und im Tessin.

Was kann die Veranstaltungsreihe «Tage der Agrarökologie» bewirken?

In der Schweiz wird zurzeit über die Ausrichtung der künftigen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik beraten. Das Parlament wird sich schon im November, dem Monat nach den Tagen der Agraräkologie, erneut damit befassen. Aber auch ausserhalb der etablierten Gefässe wird zurzeit nach zukunftsfähigen Lösungen gesucht, zum Beispiel im Schweizer Bürger:innenrat für Ernährungspolitik. Die Tage der Agrarökologie helfen so mit, dass Agrarökologie auch in diesen Kreisen besser bekannt wird und sie damit hoffentlich noch stärker in die Gestaltung des künftigen Schweizer Ernährungssystem einbezogen wird.

Was sind deine persönlichen Geheimtipps der diesjährigen Tage der Agrarökologie, welche die Leserinnen und Leser auf keinen Fall verpassen sollten?

Ich werde bestimmt die Veranstaltung in Zürich am Welternährungstag besuchen. Es geht um die Frage, wie wir unsere Essgewohnheiten ändern und dabei Verbesserungen für mehr Nachhaltigkeit in der Produktion, Ernährung und der Umwelt erreichen können. Die zweite Veranstaltung, die mich besonders interessiert, findet am 20. Oktober im Tessin statt. Die Tessiner:innen haben kürzlich mit einer Volksabstimmung die Ernährungssouveränität ihres Kantons in die Verfassung geschrieben. Beim Anlass geht es darum, Lösungen für politische Rahmenbedingungen zu finden, welche die Umsetzung des Verfassungsauftrags in die Praxis unterstützen.

Tage der Agrarökologie

Nach der erfolgreichen ersten Durchführung im Jahr 2021, geht die Veranstaltungsreihe «Tage der Agrarökologie» im Oktober 2022 in die zweite Runde. Mit über 85 Organisationen und mehr als 75 Veranstaltungen ist sie deutlich gewachsen. Das Programm wird noch bis Ende September erweitert.

Plakat Tage der Agrarökologie 2022

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