«Syngenta verkauft in Kenia Pestizide, die bei uns verboten sind»

Silke Bollmohr, Ökotoxikologin und landwirtschaftliche Beraterin in Ostafrika, hat im Auftrag lokaler NGOs die Verbreitung hochgefährlicher Pestizide in Kenia untersucht. Die Ergebnisse haben Politik und Bevölkerung aufgeschreckt – und eine Bewegung ausgelöst.

 

Oft fehlt das Wissen über die Gefahren: Feldarbeiter in Kirinyaga County, Kenia, beim Mischen von synthetischen Pestiziden – ohne Schutzkleidung. (Bild: Stefan Diener, Biovision)

Interview: Florian Blumer, Biovision

Silke Bollmohr, in den letzten Jahren sind die Importe von synthetischen Pestiziden in Kenia um mehr als das Doppelte gestiegen – warum?

Die Landwirtschaft in Kenia wächst. Und es wird immer mehr in Monokulturen angebaut, in denen es mehr Schadorganismen gibt als in Mischkulturen. Zudem verlieren die Böden in Monokulturen über die Jahre an Nährstoffen, was die Pflanzen schwächt und damit anfälliger macht für Schädlinge.

Sie waren an einer Studie beteiligt, die aufzeigt, dass in Kenia nicht nur viele hochgefährliche Pestizide zugelassen sind, sondern tatsächlich auch in grossem Stil eingesetzt werden. Was sind die Gründe?

Es fehlt an Wissen und Bewusstsein über den negativen Einfluss, den diese zum Beispiel auf die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit, auf Nützlinge wie Bienen oder auf Wasserorganismen haben können. Ich habe an einer Studie mitgearbeitet, die gezeigt hat, dass rund 30 % aller in Kenia registrierten Wirkstoffe aufgrund ihrer Gefährlichkeit und Schädlichkeit in Europa verboten wurden.

Warum sind diese Mittel in Kenia noch erlaubt?

Die Registrierungsbehörde schaute bislang lediglich auf die Wirksamkeit eines Produkts, die Gefahren unter lokalen Bedingungen hingegen wurden bei der Zulassung nicht beachtet. Und von Seiten der Industrie wird gerne behauptet, dass es keine Alternativen zur Bekämpfung verheerender Schädlinge wie der Tomatenminiermotte oder dem Maiszünsler gibt. Es gibt aber Forschung, die aufzeigt, dass wirksame ökologische Methoden existieren.

Vor eineinhalb Jahren reichten vier lokale NGOs eine Petition bei der kenianischen Regierung ein. Sie waren als wissenschaftliche Beraterin involviert. Die politische Eingabe forderte, dass die Wirkstoffe auf ihre Gefahren untersucht und hochgefährliche Pestizide verboten werden. Was konnten Sie damit erreichen?

Der Gesundheitsausschuss des Parlaments hat aufgrund der Petition von der Regierung gefordert, dass alle zugelassenen Pestizide auf ihre Risiken in Bezug auf mögliche chronische Erkrankungen wie Krebs und in Bezug auf die Fortpflanzungsfähigkeit geprüft werden. Zudem hat die Petition viel Aufmerksamkeit erhalten, auch weil in Kenia gleichzeitig eine Kampagne lief, die Aufklärung über die aussergewöhnlich hohe Krebsrate im Land forderte. Die Zeitungen und das Fernsehen haben ausführlich darüber berichtet.

Wie hat die Pestizid-Industrie reagiert?

Sie war aufgeschreckt. Die Wirtschaftsverbände haben eine Gegenkampagne gestartet und argumentiert, dass es ohne Pestizide nicht gehe. Es wurde gesagt, die Menschen hätten ohne Pestizide nichts mehr zu essen und würden verhungern. Auch das Argument von grünem Neokolonialismus wurde vorgebracht, dass Europäer Kenia ihre Standards aufdrücken wollten. 

Woher stammen die Pestizid-Firmen, die in Kenia den Markt beherrschen?

Es sind vor allem Firmen aus China, Indien und Japan. Aber auch Konzerne mit Sitz in Deutschland und in der Schweiz wie Bayer oder Syngenta sind vertreten.

Verkauft Syngenta in Kenia Pestizide, die in Europa verboten sind?

Ja. Wir haben dies in unserer Studie gesondert untersucht – mehrere der 77 in Europa verbotenen Wirkstoffe stammen von Syngenta.

Denken Sie, die Bevölkerung in Kenia ist heute sensibilisierter in Bezug auf gefährliche Pestizide als noch vor ein paar Jahren?

Auf jeden Fall. Gerade im letzten Jahr ist sehr viel in Bewegung gekommen: viele Bäuerinnen und Bauern sind auf Bio-Landbau umgestiegen, weil sie gesehen haben, dass hierfür ein Markt entstanden ist – nicht nur in der Stadt, sondern auch in den dörflichen Regionen.

Ist dieses Bewusstsein neu?

Es ist nicht so, dass es davor gar kein Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Pestiziden gegeben hätte. So sagte mir ein Bauer vor Jahren einmal, dass er zweierlei Tomaten anbaue: Mit Pestiziden für den Verkauf, ohne für den eigenen Verzehr. Was fehlte, war vielmehr das Wissen darüber, wie man es anders machen kann, auch im Anbau im grösseren Stil für den Verkauf. Auch von den Konsumentinnen und Konsumenten höre ich mittlerweile oft, dass sie gesundes, giftfreies Gemüse essen wollen. Ich will nicht behaupten, dass dies alles auf die Petition zurückzuführen ist – aber im Verlaufe des letzten Jahres ist in Kenia eine Gegenbewegung zur Pestizid-basierten Landwirtschaft entstanden, die immer mehr an Zuspruch gewinnt.