«Heute werde ich nicht mehr angeschaut, als käme ich vom Mond»

Zehn Jahre nach dem Weckruf im Welternährungsbericht zieht Hans R. Herren zusammen mit 40 weiteren Autorinnen und Autoren Bilanz. Diese gibt auch Anlass zur Hoffnung.

Interview: Florian Blumer, Redaktor

Mitherausgeber Hans R. Herren hofft, dass „Transformations of our food systems“ Entscheidungstragenden als Nachschlagewerk dienen wird.

Biovision-Präsident Hans R. Herren und seine Mitautorinnen und -autoren kamen 2009 in ihrem Assessment der Situation der globalen Landwirtschaft zu einem klaren und alarmierenden Schluss: «Weiter wie bisher ist keine Option». Nun, über eine Dekade später, kommt der Welternährungspreisträger zusammen mit weiteren Autorinnen und Autoren des Berichts zum Schluss: Der Zustand der Umwelt hat sich teils dramatisch verschlechtert – doch ein Umdenken hat eingesetzt. Im Zoom-Gespräch von seiner Wahlheimat Kalifornien aus erklärt Hans Herren, was ihn, trotz allem, hoffen lässt.

Hans R. Herren, Sie beschäftigen sich Jahrzehnten intensiv mit Agrarökologie und Ernährungssystemen. Hat Sie etwas überrascht bei der Arbeit zum Buch?

Ja, dass wir auf dem Weg zu nachhaltigen Ernährungssystemen weiter sind als gedacht. Wir waren uns bewusst, dass sich in den letzten Jahren etwas getan hat. Aber erst, als wir die wichtigsten Studien und Berichte der UNO, FAO und anderen zum Thema zusammentrugen, realisierten wir, wie viele der Ideen aus dem Weltagrarbericht, die damals kritisch beurteilt wurden, seither aufgenommen wurden. Etliche Ideen und Vorschläge sind vertieft und verbessert worden. Wir haben heute ein viel stärkeres Fundament für die Transformation der Landwirtschaft als noch vor elf Jahren.

Die Publikation des Weltagrarberichts 2009 fiel in die Finanzkrise und ging deshalb in den Medien etwas unter. Was bedeutet es, dass die neue Publikation nun während der Corona-Krise herauskommt?

Tatsächlich stand 2009 plötzlich die Sorge ums Geld und die Wirtschaft im Vordergrund, unsere Warnung, dass es mit der industriellen Landwirtschaft so nicht weitergehen kann, wurde weniger gehört als erhofft. Das Ausmass der Corona-Pandemie hängt aber offensichtlich auch damit zusammen, wie wir uns ernähren. Im Lockdown haben viele wieder einen stärkeren Bezug zur Ernährung gefunden – dies lässt hoffen, dass das Buch auf fruchtbaren Boden fällt.

Was hat sich ausserdem verändert?

Wir befinden uns aktuell ja nicht nur in der Corona-, sondern auch in einer Klimakrise. Wir haben damals schon eindringlich vor den Folgen des Klimawandels auf die Nahrungsproduktion hingewiesen. Heute sind die Krisenanzeichen aber deutlich sicht- und spürbar: die Waldbrände in den USA und Australien, die Überschwemmungen in Afrika und Europa, die Tropenstürme. Den Menschen ist die Dringlichkeit eines Kurswechsels viel stärker bewusst als noch vor zehn Jahren.

Im Buch halten Sie fest, dass sich die Situation auch bezüglich Biodiversitätsverlust und Hunger in der Welt seither verschlechtert statt verbessert hat. Doch es habe ein «Paradigmenwechsel» stattgefunden. Was meinen Sie damit?

Wir hatten im Weltagrarbericht diesen Paradigmenwechsel gefordert. Gemeint war ein Umdenken in Bezug auf die Art und Weise, wie wir Nahrungsmittel produzieren: Dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, wieviel, sondern vor allem, was wir produzieren – nicht leere Kalorien, sondern gesundes Essen aus einer diversen Landwirtschaft. Wir produzieren ja weltweit zu viel, nicht zu wenig. Es geht darum, das Richtige am richtigen Ort auf die richtige Weise zu produzieren. 

Und hier stellen Sie fest, dass ein Wandel stattgefunden hat?

Nehmen wir als Beispiel den Ansatz der «Wahren Kosten», des Einbezugs der Umweltfolgen in die Produktepreise. Dies ist aus meiner Sicht der beste Hebel, da dies jeder und jede versteht. Vor zehn Jahren gab es darüber eine akademische Diskussion, wenn überhaupt. Heute werde ich nicht mehr angeschaut, als käme ich vom Mond, wenn ich darüber rede. Erkenntnisse und Ansätze aus dem Weltagrarbericht, für die wir damals noch Unverständnis geerntet hatten, sind heute Mainstream geworden.

Wie sieht es auf der Ebene der internationalen Politik aus?

Die FAO, obwohl Unterstützerin des Weltagrarberichts, äusserte sich danach kritisch über die Erkenntnisse. In den folgenden Jahren anerkannte sie jedoch die Agrarökologie offiziell als fördernswerten Ansatz für die Landwirtschaft der Zukunft an. Heute, unter dem neuen Generaldirektor Qu Dongyu, ist diese Errungenschaft allerdings wieder in Gefahr.

Was erhoffen Sie sich von der Publikation des Buchs? 

Ich hoffe, dass jetzt, in einem Moment, in dem wir mit mehreren Krisen zu kämpfen haben, unsere Lösungsvorschläge auf fruchtbaren Boden fallen. Ich erhoffe mir, dass das Buch als Nachschlagewerk für Entscheidungsträger in der Ernährungspolitik dienen wird. Und dass es die Argumentation derjenigen stützt, die bereits von der Notwendigkeit einer Wende hin zur Agrarökologie überzeugt sind.

Wenn in gut zehn Jahren ein Gremium namens IAASTD+20 Bilanz ziehen wird – welches wird das Fazit sein?

Ich hoffe, dass wir feststellen werden, dass es keine Diskussion mehr darum gibt, ob es eine Transformation der Ernährungssysteme braucht – weil diese bereits weit fortgeschritten ist. Und dass wir nicht mehr erklären müssen, was Agrarökologie ist und warum es der richtige Ansatz zur Lösung unserer Probleme in den Ernährungssystemen ist – weil Entscheidungsträger realisiert haben, dass es eine umfassende, nachhaltige Lösung braucht.