Corona in Tansania: Hygieneschulungen in Bio-Landbau-Kursen

Auch Tansania schränkt das öffentliche Leben zunehmend ein, weshalb unsere Partnerorganisation SAT ihre Biolandbau-Kurse nicht mehr wie gewohnt durchführen kann – und das zum Start der Anbausaison. Doch digitale Kanäle und Kreativität helfen.  
 

Alexander Wostry leitet gemeinsam mit seiner Frau Janet Maro Sustainable Agriculture Tanzania. In agrarökologischen Schulungen lernen Bäuerinnen und Bauern, wie sie ihr Land nachhaltig bewirtschaften können.

Interview: Laura Angelstorf, Multimedia-Producerin und Redaktorin

Als ich mit Alexander Wostry, Leiter unserer Partnerorganisation Sustainable Agriculture Tanzania (SAT), den Videoanruf durchführe (Video ist am Ende dieses Artikels), sind in Tansania 13 Coronafälle bekannt. Doch schon jetzt ist klar, dass auch in Tansania das öffentliche Leben eingeschränkt werden muss, um eine rasante Ausbreitung des Virus zu verhindern. SAT arbeitet in der Morogoro-Region, wo rund drei Viertel der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben. In ihrem Ausbildungszentrum zeigt SAT jetzt normalerweise hunderten Bauern und Bäuerinnen, wie sie ihre Nahrungsmittel auch ohne synthetische Pestizide anbauen können. Doch Gruppentreffen sind auch in Tansania nicht mehr erlaubt.   

Alexander, fallen jetzt die Ausbildungskurse für ökologische Anbaumethoden für die Kleinbauernfamilien aus?

Wir nehmen die Situation ernst und haben unseren Unterrichtsplan so angepasst, dass wir die Bauern auch über das Coronavirus informieren. Das haben wir direkt mit einer Hygieneschulung verbunden. Wir haben den Bauern gezeigt, wie man richtig die Hände wäscht und ein «TipTap» installiert, einen an zwei Holzstäben aufgehängten Kanister, an dem man sich mithilfe eines Holzpedals die Hände waschen kann (siehe Video Min. 1.19). Wir dürfen die Bauern und Bäuerinnen jetzt aber nicht mehr in der Gruppe treffen.  

Deshalb geben wir ab sofort Anleitungen zum Anbau per Telefon oder WhatsApp. Wir haben einige Bauern und Bäuerinnen mit Smartphones ausgestattet und können so mit ihnen kommunizieren. In Tansania beginnt gerade die Regenzeit und die Anbausaison. Wir können den Saisonstart nicht einfach verschieben.   

Welche sonstigen Aktionen konntet ihr noch durchführen?  

Diese Woche haben wir noch auf die Schnelle 7000 Bäume zu den Bauernfamilien in die Dörfer gebracht. Es handelt sich um fünf bis sechs Dörfer, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt Bäume pflanzen können, welche die Bodenqualität verbessern, Erosion verhindern oder das Dorf mit Viehfutter versorgen.   

Unser Credo ist: Wir sind Teil der Ernährungssystems. Wir müssen jetzt, in der Krise, für Ernährungssicherheit sorgen, so gut dies mithilfe von Beratung, Marketing und weiteren Aktivitäten möglich ist. Wir können jetzt nicht aufhören zu arbeiten. Uns braucht es jetzt mehr denn je.    

Könnte es denn passieren, dass Märkte geschlossen werden, wie auch in der Schweiz geschehen?
Wir hoffen nicht. Das wäre natürlich fatal, da es sich in Tansania geschätzt über 30% der Bevölkerung nicht leisten kann, Vorräte einzukaufen. Solche Massnahmen hätten also verheerende Folgen. Es geht jetzt darum, alternative Möglichkeiten aufzuzeigen. Wir stellen zum Beispiel in unserem Bioladen einen Platz zum Händewaschen zur Verfügung, stellen die Einkäufe zusammen und bieten eine bargeldlose Bezahlung per Handy an.  

Wie stellt ihr euch selbst auf die Situation ein?   

Wir haben mehrere Meetings durchgeführt und ein Corona-Komitee erstellt, welches an spezifischen Plänen arbeitet. Ausserdem warten wir auf die Richtlinien, welche die Regierung ausgibt und passen uns diesen an.  

In den Projekten haben wir sichergestellt, dass alle beschäftigt sind, sei dies im Büro oder im Feld. Wir werden weiterhin Feldbesuche durchführen, jedoch nicht mehr in Gruppen, sondern nur noch mit Einzelpersonen.   

Das partizipative Guarantee System können wir ebenfalls fortführen. Das sind Zertifizierungstools, die wir verwenden, damit sich die Bauern und Bäuerinnen unter dem «East African Organic Products Standard» zertifizieren können.  

Zusätzlich sind wir daran, unseren Shop zu renovieren. Die Leute sollen sich sicher fühlen, wenn sie zu uns kommen. Wir wollen auch ein Vorbild sein im Umgang mit der Situation.  

Biobauer Pius Paulini (rechts) produziert das ganze Jahr über und hat schon mehr als 100 andere Bauern und Bäuerinnen ausgebildet. Mama Doreth, eine gute Kundin im SAT-Bioladen und Ernährungsexpertin, schickt das Gemüse nach Dar es Salaam zu ihren Verwandten. Aron Nestory (hinten) führt den Shop täglich mit grossem Elan.

Was plant ihr für die nahe Zukunft?  

Wir hoffen, dass es nach dem 10. April wieder Möglichkeiten gibt, die Trainings durchzuführen. Ansonsten müssen wir uns vermehrt mit der Kommunikationstechnologie auseinandersetzen. Häufig ist die Internetverbindung jedoch nicht so gut, was den Technologieeinsatz erschwert.  

Abgesehen davon starten wir Umfragen bei den Bauern via Telefon, um zu erörtern, wo und in welcher Form Hilfe benötigt wird.   

Hast du die Hoffnung, dass diese Krise auch einen positiven Einfluss haben kann?   

Sie lässt uns global zusammenwachsen und erkennen, dass es nur gemeinsam geht auf dieser Welt. Ich glaube, dass das Coronavirus ein wichtiger Weckruf ist. Wenn wir nämlich jetzt bezüglich des Klimawandels nichts machen, werden wir wahrscheinlich in den nächsten 10 bis 20 Jahren in eine noch grössere Krise schlittern. Insofern ist das jetzt ein wichtiges Ereignis, das uns dazu zwingt, über unseren bisherigen Lebensstil nachzudenken.   

Ich glaube, dass diese ganze Geschichte, das Auseinandersetzen mit Hygiene, Sicherheit und so weiter im Zusammenhang mit dem Coronavirus der biologischen Landwirtschaft einen Aufschwung verleihen wird. Erstens, weil sie Ernährungssicherheit garantiert, und zweitens, weil die Umstellung auf Bio auch eine gute Möglichkeit ist, Arbeit zu beschaffen. So glaube ich, dass wir mit der Krise ein neues System aufbauen können. Wir müssen uns jetzt unserer Wünsche und Ziele bewusst werden, um diese vor Augen zu haben, sobald wir die Krise hinter uns gelassen haben.