Der neue Malaria-Impfstoff bringt Hoffnung

Von

Séverine Erismann, Programmverantwortliche Entwicklungsprojekte

Nach jahrzehntelanger Forschung ist es einer internationalen Forschungsgruppe gelungen, einen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln. Es ist ein Meilenstein in der Malaria-Bekämpfung – doch er alleine wird nicht zum Verschwinden der tödlichen Krankheit führen.
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Nehmt Euch vor den Mücken in Acht! Aufklärungsarbeit in Malindi, Kenya, über die Verbreitung von Malaria

Anfang Oktober erklärte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass mit der Zulassung des ersten Impfstoffs gegen Malaria ein historischer Kurswechsel in der Bekämpfung der Krankheit erreicht wurde. Erstmals empfiehlt die WHO den Einsatz des Impfstoffs mit hoher Dringlichkeit bei Kindern in Subsahara-Afrika, wo der tödlichste Malariaparasit Plasmodium falciparum verbreitet ist und wo über 90% der Fälle auftreten. Weltweit erkranken noch immer jährlich über 230 Millionen Menschen an Malaria, über 400’000 sterben an der Infektion.

Seit rund 60 Jahren wird an der Malaria-Impfung geforscht. Entsprechend gross war das Medien-Echo auf die Erfolgsmeldung der WHO. Die Zulassung der Impfung ist ein enormer Fortschritt, der viel Leid lindern und unzählige Kinderleben retten kann. Doch sie bedeutet nicht das Ende der tödlichen Krankheit. Ihre Schutzwirkung ist im Vergleich mit anderen Impfungen eher gering: Sie schützt zu 40% vor einer Infektion und zu 30% vor einem tödlichen Verlauf. «Es ist auch äusserst wichtig, dass wir weiterhin in die bestehenden Massnahmen investieren», sagt Ulrike Filinger, Senior Scientist und Managerin der Biovision-finanzierten Malaria-Projekte am icipe. Dazu zählen unter anderem Moskitonetze, Insektizide und Medikamente. Die Impfung ersetzt diese Mittel nicht, sie ergänzt sie lediglich. Tatsächlich braucht es nach wie vor dringend neue Massnahmen und weitere Werkzeuge gegen Malaria.

Noch letztes Jahr warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO davor, dass sich die Malaria-Todesrate infolge von Behinderungen von Präventions- und Behandlungsprogrammen durch die COVID-19-Pandemie verdoppeln könnte. Schon vor COVID-19 waren in vielen Ländern die Fortschritte bei der Beseitigung der Malaria ins Stocken geraten. Manche Länder erlebten sogar wieder eine zunehmende Zahl von Malariafällen. Schwangere Frauen und Kinder unter fünf Jahren sind weiterhin am stärksten von der Krankheit betroffen.

Zum Anstieg der Krankheitsfälle geführt haben unter anderem eine zunehmende Resistenz der Mücken gegen Insektizide, der begrenzte Zugang der Bevölkerung zu Gesundheitszentren, schwache Gesundheitssysteme und neuerdings auch die Ausbreitung der Resistenz von Malariaparasiten gegenüber den angewendeten Standardmedikamenten zur Therapie und Prophylaxe von Malariaansteckungen.

Wie alle Projekte geht Biovision auch die Malariabekämpfung mit einem ganzheitlichen ökologischen Ansatz an. Dabei bezieht sie die Kräfte der lokalen Bevölkerung mit ein – zusätzlich zur Anwendung bereits etablierter Methoden wie zum Beispiel insektizid-behandelte Mückennetzte und Innenraumhaftsprays. In früheren Projekten unterstütze Biovision etwa die konsequente Trockenlegung von kleineren Mückenbrutgewässern, und bei grösseren Gewässern den Einsatz von umweltverträglichen Larviziden, welche die unerwünschten Insekten bereits im Larvenstadium abtötet. Zum Massnahmenpaket gehörte ebenfalls die Abdichtung von Häusern, zusätzlich zur konsequenten Anwendung von Bettnetzen.

Neue Strategien, die die Übertragung des Malariaparasiten vom Moskito zum Menschen hemmen, bergen ebenfalls viel Potential. Das geschieht mit einer kürzlich vom icipe entdeckten Mikrobe namens Microsporidia MB, die die Entwicklung des Malariaerregers in den Stechmücken verhindern. Schliesslich gibt es auch noch phytotherapeutische (pflanzenmedizinische) Methoden der Malariabekämpfung, wie beispielsweise mit der Medizinalpflanzengattung Artemisia sp. (siehe Box).

Besserer Schutz vor Malaria dank mehr Wissen

Eine wichtige Rolle spielt auch die Wissensvermittlung: Die Bevölkerung wird über die Ursachen von Malaria und mögliche Präventionsmassnahmen informiert, zum Beispiel mit Theaterstücken oder Informationsständen an öffentlichen Veranstaltungen. Als Schlüssel für den Erfolg haben sich die lokalen Moskito-Scouts erwiesen. Viele von ihnen engagieren sich auch in anderen Funktionen in ihren Gemeinden, ihre Ratschläge und Anweisungen werden beachtet. Mit einer Vielzahl von Sensibilisierungs-Aktionen und gezielter Ausbildung der Bevölkerung lernen die Menschen in den Malaria-betroffenen Gebieten, wie sie sich selber und ihre Familien nachhaltig vor der Krankheit schützen können. Durch die enge Zusammenarbeit vor Ort mit Regierungs- und Nichtregierungsinstituten, dem Gesundheitssektor und verwandten Sektoren ist es ausserdem möglich, die bestehenden Strukturen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene nachhaltig zu stärken und widerstandsfähiger zu machen. Dies zeigt, dass koordinierte und integrierte Ansätze für den Kampf gegen Malaria wichtiger sind denn je.

Biovision fördert den One Health Ansatz mit stärkerer Sensibilisierung für die Umwelt

In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Häufigkeit von Infektionskrankheiten weltweit zugenommen. Die zoonotische Ausbreitung, also die Übertragung von Krankheitserregern von Tieren auf Menschen, gewinnt dabei immer stärker an Bedeutung und stellt für die Gesundheit und die wirtschaftliche Sicherheit von Afrika eine zunehmende Bedrohung dar. Deshalb engagiert sich Biovision weiterhin mit dem One Health Ansatz für eine nachhaltige und integrierte Vektorkontrolle von Arthropoden (Gliederfüssler; zu ihnen zählen u.a. Spinnentiere und Insekten), die Überträger von Malaria und anderen Krankheiten (u.a. Schlafkrankheit, Rifttalfieber) sind.

Mit der Partnerorganisation icipe in Kenia arbeitet Biovision seit 2019 an der Entwicklung eines integrierten One Health Ansatzes, um den Malariaerreger weiter zurückzudrängen: Rinder werden mit einem Bio-Insektizid besprüht. Sie fungieren als Köder. Die Mücken, die sich auf den Kühen niederlassen, sterben bei dem Versuch, Blut zu saugen. Somit wird die Moskitopopulation erfolgreich dezimiert. Zugleich hat diese Methode den Vorteil, dass auch andere Krankheitsüberträger, wie zum Beispiel Zecken und Tsetsefliegen, bekämpft werden.

Trotz all dieser Fortschritte, neuer Initiativen und einem Malaria-Impfstoff bedarf es weiterhin an mehr Bewusstsein der politischen Entscheidungstragenden und der Öffentlichkeit für die Anwendung integrierter Ansätze und Massnahmen in der Malariabekämpfung, insbesondere auch für die Wirkungsweise des One Health Ansatzes. Ulrike Filinger vom icipe betont: «Es ist unerlässlich, das Verständnis auf allen Ebenen – von der nationalen bis zur kommunalen Ebene – dafür zu stärken, dass die Eliminierung von Malaria nur durch die Integration von Instrumenten und Akteuren erreicht werden kann».

Portrait de Barbara Frei Haller

Dr. Barbara Frei Haller, Apothekerin und Stiftungsrätin von Biovision

Artemisia spp.: eine Pflanzengattung mit Potenzial?

2015 erhielt die chinesische Professorin Tu Youyou den Nobelpreis für die Entdeckung von Qinghaosu (Artemisinin), einem Inhaltstoff aus Artemisia-Pflanzen. Artemisinin und Derivate sind heute Bestandteile von kombinierten Antimalaria-Medikamenten. Die moderne Forschung darüber begann 1960 mit der ethnobotanischen Durchforstung der alten chinesischen Schriften, der «Materia Medica», setzte sich in den 1970er Jahren im Labor mit der nachgewiesenen Eliminierung der Malariaerreger Plasmodium spp. fort und endete in den frühen 2000er Jahren, als die WHO begann, im grossen Stil zu produzieren. Das ist ein halbes Jahrhundert bis zur Anerkennung und Würdigung des Wirkstoffes! Und was ist mit der Pflanze selber?

Artemisia spp. ist nicht nur die Pflanzengattung, welche die Baupläne für Antimalaria-Wirkstoffe geliefert hat. Sie kann noch viel mehr. Ein Tee aus dem Kraut ist in vielen Haushalten oder abgelegenen Krankenstationen in Afrika eine sofort bereitstehende und oftmals einzig bezahlbare Alternative, um eine beginnende Malariaerkrankung unverzüglich zu behandeln. Sie kann lebensrettend sein auf dem oft beschwerlichen Weg ins Spital.

Leider unterstützt die WHO diese Zubereitung nicht, ja sie rät von der Anwendung sogar ab. Dies mit der Begründung, der Artemisinin-Gehalt im Tee sei zu tief, führe zu vielen Rückfällen und zur Resistenzbildung. Viele Studienresultate zu Artemisia spp. werden kontrovers diskutiert. Konsens herrscht darüber, dass ein Tee ein Vielstoffgemisch ist, das zahlreiche gelöste Einzelsubstanzen aus dem Pflanzenkraut enthält. In der Phytotherapie gibt es keine wissenschaftlich belegte Resistenzbildung durch Tee-Einnahmen. Im Labor nachgewiesen wurden eine schnellere Aufnahme, eine durch Begleitstoffe aus der Pflanze bedingte bessere Bioverfügbarkeit und ein höherer Artemisinin-Spiegel im Blut im Vergleich zu den Tabletten. Klar ist: Zu Artemisia spp. braucht es dringend mehr Forschung.

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