Gemeinsam unterwegs gegen Malaria

Von

Florian Blumer, Biovision (Text) und Al-Amin Mutunga (Bilder)

Im südlichen Kenia wird ein neuer Ansatz zur Reduktion von Malaria und anderen Tropenkrankheiten getestet, unter starkem Einbezug der Dorfbevölkerung. Die ersten Erkenntnisse sind vielversprechend.

Blütenweisse Sandstrände gesäumt von Kokospalmen, Lehmhüttensiedlungen inmitten üppiger tropischer Vegetation – die Szenerie in Kwale am südlichsten Zipfel von Kenia ist atemberaubend. Doch die Idylle trügt: Das Bundesland ist eine der ärmsten Regionen des Landes. Verdienstmöglichkeiten sind rar für die Dorfbewohner:innen, der Zugang zu Gesundheitsdiensten ist beschränkt, die Fallzahlen von Malaria und anderen von Vektoren – Insekten und Zecken – übertragenen Krankheiten sind hoch.

«Wir werden jeden Tag gestochen», sagt Mariam Shee Mwabami. Sie sitzt vor ihrem Lehmhaus, die drei Monate alte Tochter auf dem Schoss. Jeder Stich und jeder Biss birgt das Risiko einer Infektion. Insbesondere für Kinder und ältere Menschen stellen Tropenkrankheiten wie Malaria, Rift-Valley- oder Dengue-Fieber eine tödliche Gefahr dar.

Gewusst wie: Fatuma Suleiman Hamisi wurde instruiert, wie sie die biologische Pilzlösung mischt und ihre Kühe damit besprayt – und macht es nun selbständig

Mehrstündiger Marsch ins Spital

Hinzu kommt ein ökonomisches Risiko für die Menschen, die derzeit mit der aussergewöhnlichen Trockenheit und den gestiegenen Lebensmittelpreisen zu kämpfen haben. Asha Ali, 68, zum Beispiel lebt vom Mais und den Cassava-Wurzeln, die sie anbaut, sowie dem kargen Einkommen, das sie mit Korbflechten erwirtschaftet. Als sie letztes Jahr an Malaria erkrankte, geriet ihr Haushalt aus dem Gleichgewicht: Die Behandlung von 500 KES (4 Fr.) pro Tag überstieg ihr Budget, den mehrstündigen Weg ins Spital nahm sie zu Fuss auf sich. «Bis ich wieder zu Hause war, war der Tag um», erzählt sie. «Und danach dauerte es noch mehrere Tage, bis ich wieder arbeiten konnte.»

Eine zusätzliche Ansteckungsgefahr stellen die Kühe dar, mit denen die Menschen eng zusammenleben, denn sie ziehen zusätzlich Vektoren an. Und genau hier setzt das Insektenforschungsinstitut icipe, langjähriger Projektpartner von Biovision in Kenia, mit einem innovativen Lösungsansatz an. Er dreht den Spiess um: Die Tiere ziehen als eine Art Lockvogel die Insekten auf sich, wo sie mithilfe eines neu entwickelten Bio-Pestizids eliminiert werden.

Vierbeiniger Lockvogel: Das Rind wird die Nacht unter dem Netz verbringen. Seine Mission: Insekten anziehen, die im Netz gefangen werden.

Weniger Vektoren bedeutet ein geringeres Ansteckungsrisiko für die Menschen. Und dass die Tiere gesünder sind, wirkt sich wiederum positiv auf das Einkommen der Kleinbauernfamilien aus. Das Prinzip, Mensch-, Tier-, Pflanzen- und Umweltgesundheit in einem anzugehen, nennt sich «One Health» – ein Ansatz, den Biovision in immer mehr Projekten verfolgt.

Forschende aus dem Dorf

Montagmorgen früh vor Mariam Shee Mwabamis Lehmhütte. Zwei junge Männer in beigen Westen mit icipe-Schriftzug und Biovision-Logo untersuchen eine Insektenfalle hinter dem Haus. Akiba Bakari Mvumoni, 23, tropft eine Lösung auf eine Mücke, die auf der Klebfalle gefangen ist, sein Partner Majaliwa Bakari Zengwa, 26, löst sie vorsichtig mit einer Pinzette ab und lässt sie in ein Plastikfläschchen fallen, das mit Watte und einer Lösung gefüllt ist, welche die Insekten in Sekundenschnelle tötet und konserviert. Mvumoni und Zengwa sind sogenannte CORP – «Community-owned Resource Persons». Sie sind dafür zuständig, die verschiedenen Fallen aufzustellen und die Insekten zu sammeln, die dann im Labor von icipe-Insektenforscher Paul Ouma bestimmt und gezählt werden. So soll sich nach Abschluss der Studie im Frühling 2023 zeigen, ob das Besprühen der Kühe mit dem Bio-Pestizid tatsächlich zu einer Abnahme der Vektoren führt.

Dass die Studie von Menschen aus den Dorf ­ gemeinschaften selbst – also denjenigen, die von der Massnahme profitieren sollen – durchgeführt wird, ist Teil eines neuen partizipativen Ansatzes. Das icipe wendet ihn hier zum ersten Mal in einem grossangelegten Projekt an, wie Projektleiterin Dr. Margaret Mendi Njoroge betont. Sie ist begeistert von der Reaktion der Dorfbewohner:innen und deren Engagement und zieht schon jetzt den Schluss: «Partizipative Forschung ist der Weg der Zukunft.» (siehe Interview unten)

Icipe-Insektenforscher Paul Ouma untersucht im Labor die gesammelten Insekten und zählt die Krankheitsüberträger.

Einkommen und Wissen

Auch Salim Athman Mwinyihaji ist begeistert. Der 32-Jährige ist Vater zweier Kinder und Ernährer eines sechsköpfigen Haushalts, inklusive seiner Mutter und des kleinen Bruders. Der Job als CORP, für den er vom Dorfoberhaupt vorschlagen wurde und den er nach einem Bewerbungsgespräch bekam, bedeutet ihm viel. Er erzählt mit Stolz, dass er ihn erhalten habe, obwohl er – im Gegensatz zu anderen aus dem Dorf – nur die Grundschule absolvieren konnte, weil zu Hause das Geld fehlte. Dazu gibt ihm der Job ein zusätzliches Einkommen. Die Entschädi ­ gung beträgt 400 KES (Fr. 3.50) am Tag – mehr, als er mit seinem zweiten Job, dem Motorradtaxi-Fahren, verdient.

Ganz ähnlich klingt es beim 23 -jährigen Mohammed Rashid. Auch für ihn ist das Ein ­ kommen durch den Assistenzjob im Projekt elementar. Er ist Waise und baut an seinem eigenen Haus, in dem er auch schon wohnt. Das Dach besteht erst in Ansätzen, wenn es regnet, drückt er sich in eine Ecke des Hauses, in die der Regen nicht hinkommt. Wie für Salim Athman Mwinyihaji ist der Job auch für ihn aber noch auf einer anderen Ebene wichtig. Das wird am Community Meeting in Sigira deutlich – einer Zusammenkunft der Bewohnenden seines Dorfs mit den Projekt ­ verantwortlichen von icipe.

Rashid steht in einer Reihe mit den Forschen ­ den und beantwortet gemeinsam mit ihnen die Fragen der Männer und Frauen aus dem Dorf: Wie funktioniert diese Falle, wie jene? Entsteht Malaria in den Mücken selbst oder sind sie nur Überträger? Die Bewohnenden haben viele Fragen. Projektleiterin Margaret Mendi Njoroge sagt deshalb: «Ganz zentral im Projekt ist der Bildungsaspekt. Wir vermitteln den Projektteilnehmenden elementares Wissen über durch Vektoren übertragene Krankheiten.» So hätten sie an einem Community Meeting Dorfbewohner:innen darüber aufgeklärt, dass es sich bei Larven um Mücken im Frühstadium handelt – und nicht etwa, wie einige meinten, um eine andere Insektenart, von der kein Ansteckungsrisiko ausgehe.

Pestizid ohne Nebenwirkungen

Einen weiteren zentralen Job in der Studie übernehmen die sogenannten «Intervention attendants»: Sie unterstützen die Viehhalter: innen dabei, Kühe und Rinder korrekt zu besprühen. Dies geschieht mit einer pilzbasierten Lösung, die von einer kenianischen Firma in Zusammenarbeit mit dem icipe entwickelt und hergestellt wurde. Sie hat gegenüber synthetischen Pestiziden mehrere entscheidende Vorteile: Die Vektoren entwickeln kaum Resistenzen, sie sind unschädlich für Mensch, Tier und Umwelt und bieten dazu die Aussicht, die Vektorpopulationen nachhaltig zu dezimieren (siehe Hintergrund S. 6).

Wie gut funktioniert die im Labor erfolgreiche Krankheits-Prophylaxe also in der Praxis? Margaret Mendi Njoroge und ihr Team sind optimistisch aufgrund der bisherigen Erfahrungen im Projekt, verweisen aber für ein abschliessendes Urteil auf die Veröffentlichung der Resultate nächsten Frühling. Auch CORP Salim Athman Mwinyihaji, ganz Wissenschaftler, sagt dasselbe, wenn ihn Dorfbewohner:innen danach fragen. Wer aber Bäuerinnen und Bauern fragt, die ihre Tiere besprühen, bekommt eine eindeutige Antwort: Nach einigen Tagen fallen die Zecken von den Kühen ab. Und der Befall beginnt auch nicht – wie beim Besprühen mit Gift – nach kurzer Zeit wieder von Neuem.

Die Zuversicht ist also gross, dass das icipe-Team hier als Forschungspioniere tatsächlich eine Lösung entdeckt haben, die das Leben der Menschen im landschaftlich paradiesischen Kwale County – und anderswo – nachhaltig verbessern wird.

Erfahren Sie mehr über das Projekt

Menschen, die nahe mit ihren Nutztieren zusammenleben, sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, mit potenziell tödlichen Krankheiten wie Malaria angesteckt zu werden. Das innovative Forschungsprojekt «Innovative Krankheitsprävention für Tier und Mensch» macht die Not zur Tugend.

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Drei Fragen an

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der partizipativen Forschung?

Eng mit den Dorfgemeinschaften zusammenzuarbeiten bedeutete zuerst einmal, dass wir besser kommunizieren lernen mussten. Die involvierten Menschen haben noch nie in ihrem Leben Wissenschaft betrieben, dennoch erwarten wir von ihnen, dass sie zentrale Aufgaben in einem Forschungsprojekt ausführen. Überraschenderweise tun sie das aber viel besser, als ich je für möglich gehalten hätte.

Wie profitieren die involvierten Menschen vom Projekt?

Zuallererst in Form von Bildung: Sie lernen, was es alles braucht, um eine Lösung zu finden. Zweitens fühlen sie sich gehört. Das klingt vielleicht nach einem abstrakten Gewinn, aber es ist wichtig. Und schliesslich schafft das Projekt dringend benötigte Jobs. Ich würde diesen Punkt aber weniger stark gewichten als die Bildung, weil diese die Menschen mehr stärkt. Geld ist flüchtig, Wissen aber bleibt, fürs Leben.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Für die Forschung ist der partizipative Ansatz schlicht der Weg der Zukunft. Dass die betroffenen Menschen stark eingebunden werden, wird von ihnen einerseits sehr geschätzt, andererseits ist es für den Erfolg einer erarbeiteten Lösung zentral. Denn sie sind es, die sie am Schluss anwenden werden.

Dr. Margaret Mendi Njoroge, Projektverantwortliche beim icipe

Dr. Margaret Mendi Njoroge

Dr. Margaret Mendi Njoroge, Forscherin bei unserem Projektpartner icipe in Kenia, leitet das Forschungsprojekt. Für sie gibt es keinen Zweifel: «Partizipation ist der Weg der Zukunft.»

www.icipe.org

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