Es quietscht und brummt, kratzt und schmatzt

Unser Boden lebt! Diese Erfahrung machten letztes Jahr rund 200 Teilnehmende des Biovision-Projekts «Citizen Science» von Sounding Soil. Die Auswertung der Aufnahmen brachte die eine oder andere Überraschung.

 

  • Pseudoskorpione können bis zu 4mm grosse Beutetiere erlegen.
  • Springschwänze fressen vorwiegend verrottendes Pflanzenmaterial.
  • Doppelfüsser ernähren sich von pflanzlichen Resten.
  • Hornmilben spielen eine wichtige Rolle bei der Streuzersetzung.

von Florian Blumer, Redaktor

Der letzte Winkel der Erde ist heute erforscht und vermessen, fast alle Lebewesen bekannt und beschrieben. Oder? Falsch gedacht: Es gibt ein Territorium, wo sich Abertausende verschiedener Lebewesen tummeln, von denen man herzlich wenig weiss: Wie kommunizieren sie? Wie funktioniert ihr Sozialleben? Für die Erkundung braucht es kein Expeditionsschiff und keine Rakete, denn es befindet sich direkt unter unseren Füssen. Es handelt sich nämlich um unseren Boden.

Rund 25% Prozent aller Lebewesen leben in der Erde, nur gerade 1% von ihnen sind bekannt. Es handelt sich um Klein- und Kleinstorganismen wie Bakterien, Pilze, Nematoden, Regenwürmer, Insekten, Spinnentiere oder Tausendfüsser.

Komponisten und Bäuerinnen als Bodenforscher

Um einen Einblick oder besser gesagt eine Hörprobe dieser Welt zu bekommen, muss man keine Wissenschaftlerin sein. 182 Menschen haben dies im Jahr 2020 getan: Hobbygärtnerinnen, Bauern, Musikerinnen, Komponisten, Journalistinnen oder ganze Schul- und Kindergartenklassen. Im Rahmen des «Citizen Science»-Projekts von Sounding Soil – einem Gemeinschaftsprojekt von Biovision und weiteren Organisationen (siehe Box) – bekamen sie von uns ein Aufnahmegerät mit Mikrofon zur Verfügung gestellt, mit welchem sie eine Woche lang nach Belieben in Böden horchen konnten.

Die Teilnehmenden bekamen so einiges zu hören, wie Marilena Schumann, Projektmitarbeiterin bei Biovision für Sounding Soil, erzählt: Krabbeln, Schmatzen, Kratzen, ja gar «Hupen» oder «Motorengeräusche». Nicht, dass in der Erde Tiere vermutet würden, die mit Motorrädern im Boden rumfahren, doch eine Citizen-Science-Teilnehmerin hat Geräusche aufgenommen, die verblüffend danach klingen und die sie deshalb «Töfftierchen» getauft hat. Manchmal scheint der Motor auch nicht richtig anzuspringen. Hören Sie selbst!


Welches Tier man hier hört, lässt sich gemäss Schumann nicht sagen. «Bei der Zuordnung von Geräuschen zu Tieren stehen wir noch ganz am Anfang», sagt Marcus Maeder, Forscher, Sound-Künstler, Komponist und Vater des Projekts. Der Fokus seiner Forschung liege denn auch nicht darauf, sondern auf der Frage nach der Zahl und der Vielfalt der Geräusche im Boden – und welche Rückschlüsse sich zur Auswirkung der Bodennutzung auf die Biodiversität ziehen lassen. Hier wurden er und sein Team fündig, wie Maeder sagt: «Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass umso weniger Aktivität im Boden herrscht, je intensiver er genutzt wird».

Diesen Zusammenhang konnte auch Marilena Schumann erkennen. Sie hat alle Beiträge von Citizen Science aus dem Jahr 2020 ausgewertet. Die Teilnehmenden waren frei, wie viel und wo sie aufnehmen wollten, wurden aber gebeten, eine so genannte «24-Stunden-Aufnahmen» zu machen. Das heisst: Das Gerät so einzustellen, dass es über die Zeitdauer eines Tages jede Stunde fünf Minuten aufnimmt. Beim Anhören dieser Aufnahmen hat Schumann einige interessante Feststellungen gemacht. So war sie erstaunt, wie viel Aktivität und vor allem wie viele verschiedene Kommunikationsgeräusche in Aufnahmen in einem Rebberg zu hören waren. Denn die Aufnahmen stammen von Ende Juni und Anfang Juli, einer Zeit, in der es bereits sehr trocken war und man eigentlich wenig Geräusche erwarten würde. Bei Trockenheit ziehen sich die Bodentiere in tiefere Schichten zurück und wir können sie nicht mehr hören, das bestätigt auch Marcus Maeder.

Im Boden wird fleissig kommuniziert

«Die hohe Aktivität könnte damit zusammenhängen, dass der Wein biologisch angebaut wird und unter den Reben kaum bis gar nicht gejätet wird», vermutet Marilena Schumann. Allgemein habe sie eine besonders grosse Vielfalt an Kommunikationsgeräuschen in den Aufnahmen von Ende Juni/Anfang Juli festgestellt – trotz der Trockenheit: «Ob dies ein Hinweis ist, dass auch bei den Bodentieren zu dieser Zeit eine Brunftzeit stattfindet? Wir wissen es nicht.» Beim aktuellen Stand der Forschung bleibe vieles Vermutung. Doch, so betont die Biovision-Projektmitarbeiterin: «Die wahnsinnige Vielfalt an Kommunikationsgeräuschen in den Aufnahmen hat mich fasziniert. Man taucht dabei in eine andere Welt ab.»

Die Aufnahmen zeigten eindrücklich auf: Auch im Boden wird fleissig kommuniziert. Auf einer Aufnahme ist gar zu hören, dass ein Tier offenbar auf das Geräusch eines anderen Tieres Antwort gibt.


Quietschende Ameisen

Welche Tiere hier kommunizieren, lässt sich laut Marilena Schumann nicht sagen. Gemäss Marcus Maeder weiss man jedoch, dass die meisten Kommunikationsgeräusche durch das Aneinanderreiben von Körperteilen oder Vibrieren mit dem Körper erzeugt werden. So auch bei den roten Gartenameisen. Deren Geräusche konnte Maeder bei der Untersuchung von Bodenproben zuordnen, da diese nur in der einzigen Probe vorkamen, in welcher es Ameisen hatte. Auch Citizen-Science-Teilnehmende haben diese Hörerfahrungen gemacht. Die Ameisen geben ein sehr spezifisches Geräusch, eine Art Quietschen, von sich:


Marcus Maeder und sein Team haben letztes Jahr eine Studie herausgegeben, in welcher sie den Zusammenhang zwischen der akustischen Vielfalt und dem Artenreichtum der Tiere im Boden untersuchten. Aktuell arbeiten sie an einer weiteren Studie, um die Erkenntnisse zu vertiefen. Was Maeder in seiner Forschung immer wieder auffällt, ist, dass es für die Bodenlebewesen sehr wichtig zu sein scheint, dass der Boden immer bewachsen und bedeckt ist – denn die Organismen ernähren sich von Pflanzenresten resp. von anderen Organismen, die davon leben. Doch: Welche Tiere machen welche Geräusche, und warum? Viele Fragen über das Leben unter unseren Füssen sind weiterhin offen. Das Projekt Citizen Science von Sounding Soil zeigt jedoch eindrücklich: Der Boden lebt, und wie. Und für dieses Leben ist es entscheidend, wie wir mit dem Boden umgehen.