Unsere Lebensmittel sind zu billig

Von

Alessandra Roversi, ehemalige Mitarbeiterin Nachhaltiger Konsum und Kommunikation

Hohe Gesundheits- und Umweltkosten sind die Folgen billiger Produktion, den Preis zahlt die Allgemeinheit. Was würden unsere Lebensmittel kosten, wenn man ihren wahren Preis berechnet?

Konsumentinnen und Konsumenten debattieren regelmässig über Nahrungsmittelpreise, häufig auch, um als überrissen erachtete Preise aufzudecken. Solche Diskussionen drehen sich in der Regel um Rechtfertigungen für den Einkaufstourismus in Grenzgebieten, um die Kritik der Margen von Grossverteilern und um Plädoyers zugunsten des lokalen Einkaufens ohne Zwischenhändler.

Allerdings machen Lebensmittel einen stetig schrumpfenden Anteil der Haushaltsausgaben aus. Die Schweizer Bevölkerung gibt dafür weniger als 7 % ihres Budgets aus; die meisten Ausgaben entfallen auf den Konsum von Gütern und Dienstleistungen (über 50 %) sowie auf Wohnen und Energie (rund 15 %). Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts sinkt der Anteil der Lebensmittel an unseren Budgets kontinuierlich; im Jahr 1950 betrug er beispielsweise noch 30 %. Im internationalen Vergleich wird der europäische Durchschnitt auf 13 % geschätzt, während die Ernährung in Äthiopien das Familienbudget noch mit 58 % belastet.

Versteckte Kosten sichtbar machen

Wie viel geben wir für unsere Lebensmitteleinkäufe wirklich aus? Die Nahrungsmittelpreise reflektieren nur die «normalen» Produktionskosten und enthalten die Margen von Zwischenhändlern und Verteilern. Die versteckten Kosten der Produktion für die Umwelt und die Belastung der menschlichen Gesundheit werden vom Markt nicht erfasst. Solche «Externalitäten» bestehen in allen Sektoren, in der Landwirtschaft jedoch ist der fehlende Einbezug dieser indirekten Kosten am deutlichsten.

Bodenverschlechterung, Verbrauch von Düngern und synthetischen Pestiziden, Klimawandel, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nur einige der Kosten, welche vom industriellen Agrar- und Ernährungssystem verursacht werden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzte, dass sich die jährlichen versteckten Umweltkosten der Nahrungsmittelproduktion – im ökologischen und gesellschaftlichen Bereich – auf weltweit 4,8 Billionen USD belaufen. Ein neuer Bericht der Food and Land Use Coalition (FOLU) beziffert diese Kosten sogar mit 12 Billionen USD.

In der Schweiz hat eine Studie von Avenir Suisse aus dem Jahr 2018 die Umweltkosten der Agrarpolitik mit CHF 7,3 Milliarden beziffert. Davon entfallen namentlich CHF 4,9 Milliarden auf den Biodiversitätsverlust und CHF 371 Millionen auf Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft.

Bei all dieser verwirrenden Zahlenschlacht hat sich doch ein Postulat durchgesetzt: Unsere Lebensmittel müssten in Wirklichkeit teurer sein, um diese externen Kosten widerspiegeln zu können.

Der Clever-Laden in der Kantonsschule Schwyz
Der CLEVER-Laden von Biovision zu Besuch im Schulzimmer der Gymnasiumklasse 1b an der Kantonsschule Kollegium Schwyz.

Wie lässt sich soziale Inklusion verrechnen?

Gewisse landwirtschaftliche Methoden verursachen aber auch positive externe Kosten, die dem Allgemeinwohl zugutekommen. Diese systemfördernden Beiträge werden nicht zu ihren Gunsten angerechnet, denn Produkte aus diesen nachhaltigeren Agrar- und Ernährungssystemen sind auf dem Markt häufig teurer.

Eine französische Studie hat die Externatlitäten der Biolandwirtschaft aus wirtschaftlicher Sicht quantifiziert und beziffert, darunter die Einsparung von Ressourcen, die Zunahme der Biodiversität, die ernährungsphysiologischen Vorteile oder auch den verstärkten sozialen Zusammenhalt. Die Autoren und Autorinnen der Studie wiesen darin auf die methodische Komplexität und Wissenslücken hin. Dennoch ist diese Quantifizierung interessant, denn sie wurde vom Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben – mit dem Ziel, die Parameter zu erörtern, welche eine vermehrte Unterstützung der biologischen Landwirtschaft durch die öffentliche Hand rechtfertigen würden.

Der Einfluss der Konzepte von negativen und positiven externen Kosten in öffentlichen Strategien ist in der Tat von Bedeutung. Der Austausch über Preise und tatsächliche Kosten der Ernährung erfolgt seit mehreren Jahren praktisch ausschliesslich mittels wissenschaftlicher Publikationen von Forschungsinstituten, Organisation oder Vereinen. Nun ist an der Zeit, konkrete Mittel zu finden, um die Marktdynamik entsprechend zu korrigieren.

Ein Anreizsystem für bewährte Praktiken

Überlegungen zu einer neuen «Buchhaltung der tatsächlichen Kosten» (true cost / full cost accounting), welche die negativen und die positiven Externalitäten einbezieht, können sich sowohl für den privaten als auch für den öffentlichen Sektor als treibende Kraft für eine Veränderung erweisen. Auf Ebene der öffentlichen Strategien müssten Anreize gesetzt werden, die zum öffentlichen Wohl beitragen, und Sanktionen verhängt werden für Praktiken, welche Letzteres beeinträchtigen.

Der Ernährungssektor könnte sich von Massnahmen inspirieren lassen, die zur Transformation des Energiesektors mit mehr erneuerbaren Ressourcen beigetragen haben. Dazu zählen etwa Förderbeiträge für Haushalte, die Solarenergie produzieren und ins Netz einspeisen.

Eine weitere Idee wäre die Umverteilung von Steuereinnahmen zugunsten eines nachhaltigen agrarökologischen Ernährungssystems. Denn in der Schweiz geben die Haushalte zwar weniger als 7 % ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, jedoch ist der Anteil der Steuern, der in die Landwirtschaft fliesst, höher als in quasi allen anderen OECD Ländern.  

Die Wissenschaft schlägt bereits zahlreiche Wege zur Zielformulierung vor. Der politische und gesellschaftliche Prozess muss sich bewegen, um Massnahmen zur wirtschaftlichen Korrektur von negativen und positiven Auswirkungen des Agrar- und Ernährungssystems zu entwickeln und zu verbreiten.

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