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Von der ökologischen Getreide-Anbaumethode Push-Pull profitieren viele Kleinbauernfamilien in Ostafrika. Doch dies ist nur die halbe Geschichte. 

 

Zentral für das Funktionieren der ökologischen Anbaumethode Push-Pull in trockeneren Gebieten: Samen der Begleitpflanze Brachiaria.
Zentral für das Funktionieren der ökologischen Anbaumethode Push-Pull in trockeneren Gebieten: Samen der Begleitpflanze Brachiaria.

Von Stefan Diener, Programmverantwortlicher bei Biovision

Tineyi Chakanyuka und Paskalia Shikuku bestreiten einen grossen Teil ihres Lebensunterhalts mit der ökologischen Mais- und Hirse-Anbaumethode Push-Pull. Biovision-Insider werden sich jetzt denken: Das sind keine Breaking News. Denn das tun unterdessen über 160 000 Bäuerinnen und Bauern in Subsahara-Afrika auch.

Was die beiden Frauen aber von ihnen unterscheidet: Weder Tineyi Chakanyuka noch Paskalia Shikuku pflanzen dafür Mais oder Hirse an. Sie machen es sich zu Nutzen, dass Push-Pull neben der Getreideproduktion verschiedene weitere ökonomische Nischen öffnet, die von Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmern besetzt werden können – oder sogar besetzt werden müssen –, damit sich Push-Pull etablieren kann. Dies ist ganz im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes von Biovision, respektive der Agrarökologie.

Push-Pull ist eine ökologische Anbautechnik mit vielen Vorteilen: Unter anderem erhöht sie den Ertrag der Kleinbauernfamilien, indem sie vor Frassschädlingen schützt, parasitische Pflanzen reduziert und die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Aber um PushPull überhaupt nutzen zu können, sind die Haushalte auch darauf angewiesen, dass das Saatgut, das sie für die Umsetzung der Methode benötigen (Desmodium und Elefantengras), auf dem Markt auch erhältlich ist. Und genau da kommt Tineyi Chakanyuka ins Spiel. Sie ist beim Saatguthersteller Mukushi Seeds in Harare, Simbabwe verantwortlich für die Produktepalette und hat schon früh erkannt, dass der Verkauf der Begleitpflanzen von Push-Pull grosses Potenzial hat. Denn mit zunehmender Popularität dieser Anbaumethode steigt auch die Nachfrage nach dem Saatgut.

 

  • Elefantengras ist begehrt als Tierfutter auf dem Markt in Maseno, Kenia.
  • Push-Pull-Bauer Nelson Oyoko stellt aus Desmodium und Elefantengras Heuballen her, die er lagert und in der Trockenzeit zu einem guten Preis verkauft.
  • Paskalia Shikuku
    Bauern-Ausbildnerin im Distrikt Siaya, Kenia, Witwe und Mutter von vier Mädchen

Eine Geschichte mit Fortsetzung

Am anderen Ende der Wertschöpfungskette hat sich Paskalia Shikuku ihre Nische geschaffen. Sie ist Präsidentin der Futtergras- Genossenschaft «Sabatia Napier Traders Group». Als sehr willkommenes Nebenprodukt der Push-Pull-Methode ernten die Bäuerinnen und Bauern nämlich ein hochwertiges Futtergras – und dies im Überschuss, da sie oft mehr davon produzieren, als ihre Tiere benötigen.

Die der Genossenschaft angeschlossenen Bauernbetriebe trocknen das überschüssige Gras und machen Futterballen daraus. Diese werden eingesammelt und an einem trockenen Ort gelagert, bis in der Trockenzeit die Nachfrage nach Heu und somit auch der Preis steigt. So fügt sich Push-Pull in ein agrarökologisches System ein, das neben der Ernährungssicherheit der Bauernhaushalte auch die finanzielle Unabhängigkeit von vor- oder nachgelagerten Unternehmen stärkt und zur Gesundheit des Viehs beiträgt.

Und die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende: Das in Kenia beheimatete  internationale Forschungsinstitut icipe untersucht derzeit in einem von Biovision unterstützten Projekt, inwiefern sich auch der Anbau von Gemüse in Push-Pull integrieren lässt. Der Speiseplan der Familien könnte so erweitert werden. Und Gemüse erzielt hohe Preise auf dem Markt – Kleinbauernfamilien würde sich damit eine weitere Einkommensmöglichkeit auftun.

Video über die Push-Pull Methode (Englisch)