Furcht vor der nächsten Welle der Heuschreckenplage

Von

Martin Grossenbacher, Informationsbeauftragter

Die Heuschreckenschwärme in Ostafrika breiten sich immer weiter aus. Bereits zeichnet sich die nächste Welle der Plage ab. Um nachhaltige Lösungen rasch flächendeckend einzusetzen fehlt das Geld.

Ostafrika ist eine Region, die von klima- und konfliktbedingten Erschütterungen heimgesucht wird. Millionen von Menschen sind bereits jetzt akut von Nahrungsmittelnot bedroht. Nun sind sie mit einer weiteren grossen Hungergefahr in Form von Wüstenheuschrecken konfrontiert. Jeden Tag sind mehr Länder betroffen. In der vergangenen Woche ist ein Schwarm in eines der nahrungsunsichersten und fragilsten Länder Afrikas, den Südsudan, eingedrungen. Erst diese Woche wurde bestätigt, dass ein Schwarm die östlichen Grenzen der Demokratischen Republik Kongo erreicht hat – ein Land, das seit 1944 keinen Heuschreckeneinfall mehr erlebt hat.

Die nächste Welle der Plage steht bevor

«Die Wüstenheuschrecken befinden sich derzeit in einer Zwischenphase», erklärt Stefan Diener, Insektenforscher bei Biovision. Er verfolgt momentan intensiv die Berichterstattung über die Bewegungen der Schwärme und steht im Kontakt mit den Partnerorganisationen von Biovision in Ostafrika, «Die ersten Schwärme sind durch und haben ihre Eier gelegt. Sobald die Jungtiere schlüpfen, kommt die nächste Welle», warnt er besorgt.

Wüstenheuschrecken haben einen Reproduktionszyklus von drei Monaten. Heute legen reife Schwärme in weiten Teilen Äthiopiens, Kenias und Somalias Eier ab, von denen viele bereits schlüpfen. In nur wenigen Wochen wird die nächste Generation der Schädlinge das Jungtierstadium abgeschlossen haben und einen erneuten Rausch zerstörerischer Schwarmaktivitäten auslösen. Dies wird genau zu dem Zeitpunkt geschehen, wenn die Ernten der Bauern zu spriessen beginnen. Die nächste Heuschreckenwelle könnte Ostafrikas wichtigste Ernte des Jahres vernichten, genau dann, wenn sie am anfälligsten ist. Vorausschauende Massnahmen zur Kontrolle und Eindämmung der Heuschrecken, bevor die neuen Schwärme fliegen und die Landwirte zuerst den Boden aufbrechen (pflügen), sind entscheidend.

Nachhaltige Lösungen existieren – es fehlt aber das Geld

Der Druck auf die Behörden seitens der Bevölkerung, rasch und radikal gegen die Milliarden gefrässiger Heuschrecken vorzugehen, ist hoch. Der flächendeckende Einsatz giftiger Insektizide scheint der einzige Weg, die Plage zu diesem Zeitpunkt noch in den Griff zu bekommen. Doch die giftigen Mittel töten unspezifisch auch andere nutzbringende Insekten und bedrohen ausserdem die Gesundheit der Menschen und Tiere (vgl. Beitrag «Echo der Zeit» 21.2.2020). Das internationale Insektenforschungsinsititut icipe in Nairobi, Kenia, eine langjährige Partnerorganisation von Biovision, hat deshalb in den vergangenen Wochen einen Massnahmenplan zur Entwicklung von Alternativen zur Chemiekeule zusammengestellt und ist derzeit daran, dafür Geldgebende zu suchen. Doch diese Massnahmen werden bei der sich in bereits wenigen Wochen abzeichnenden nächsten Welle der Plage noch nicht zur Verfügung stehen. Wenn ab März die Regenfälle einsetzen und danach die Anbauperiode beginnt, werden die Heuschrecken eine definitive Bedrohung der Ernährungssicherheit in der Region.

Dieser Text bezieht sich auf Beiträge der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) und Berichterstattungen in Schweizer Medien. Mehr zum aktuellen Status in den Projekten von Biovision finden sie in unserem Beitrag vom 29. Januar 2020.

Unsere Vision: Mehr Forschung für Agrarökologie

Damit kurzfristig im Katastrophenfall wie der aktuellen Heuschreckenplage ökologische Alternativen zur Verfügung stehen, oder damit mittel- und langfristig die Ernährung der Weltbevölkerung nachhaltig sichergestellt werden kann, braucht es jetzt mehr Mittel für die Forschung zu agrarökologischen Methoden. An diesem Ziel arbeitet Biovision mit dem Projekt «Mehr Forschung für Agrarökologie».

 

Empfohlene Websites und Medienbeiträge

 

Weitere Empfehlungen finden Sie am Ende des Beitrags vom 29. Januar.

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